Und der Haas endet nimmermehr

Roman | Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung

Der österreichische Erfolgsautor Wolf Haas kreist in seiner Verteidigung der Missionarsstellung in tantrischer Verzückung um einfache Weisheiten: Im Leben wiederholt sich alles so oft, bis man es durchschaut hat. Sein neuer Roman ist nicht immer ganz zu durchschauen. Aber will dies Haas? Oder zeigt er nicht doch wieder einmal vor allem auf das Absurde in der Welt, fragt sich HUBERT HOLZMANN.

In Wolf Haas neuen Romanen wird man den Kommissar Brenner vergeblich suchen. Der zentrale Spielort ist nicht mehr Österreich. Und im neuen Roman Die Verteidigung der Missionarsstimmung entfernt er sich völlig vom gewohnten Krimigenre. Sein Held, Benjamin Lee Baumgärtner, ist eine interessante Mixtur. Halb Indianer, halb Niederbayer. Und auf Identitätssuche. Bis nach Santa Fe. Denn nicht zu übersehen ist seine Ähnlichkeit mit dem Indianer aus dem Film Einer flog übers Kuckucksnest. Meist die erste Feststellung seiner Mitmenschen. Und daraus entstehen Begegnungen, die nicht nur in Baumgärtner etwas auslösen, etwas in Bewegung setzen, etwas ausbrüten.

Die Romanidee von Wolf Haas ist eigentlich ganz simpel: Der Österreicher verknüpft globale Katastrophen mit dem Einzelschicksal. Genial dann aber sein Big Bang. Es erzählt eben nicht von Horrorszenarien und weltpolitischen Katastrophen, sondern von den Seuchen der letzten 30 Jahre: Rinderwahnsinn, Vogelgrippe, Schweinepest, EHEC. Und für all diese besonders auch medial gesteuerten Panikmacher ist nun in seiner Verteidigung der Missionarsstellung der etwas naive, harmlose junge Mann Benjamin Lee Baumgärtner mit verantwortlich oder hätte sie zumindest verhindern können. Nein. Er ist nicht die terroristische Figur. Es ist viel einfacher. Er verliebt sich. Und immer dann hat dies verhängnisvolle Auswirkungen.

Blackout in London

Die erste Episode in Wolf Haas Verteidigung der Missionarsstellung spielt in London 1988. Benjamin Lee Baumgärtner zieht am letzten Tag seines Englandaufenthalts noch einmal durch das Londoner Eastend. An einer Burgerbude funkt es zwischen ihm und der Verkäuferin. Trotz oder gerade wegen seiner fast tapsig zu nennenden Sprachlosigkeit verbringen beide die letzten »einundvierzig schlaflosen Stunden« zusammen, die »so schnell vergingen, dass sie ihm in der Zeitrechnung für immer fehlten wie                «. Mit dieser Leerstelle karikiert Haas einen Blackout seines Helden – die Sprachlosigkeit ganz im Nebenbei eine artistische Einlage – und schlägt dann im Nachsatz mit seiner Linken knallhart zu, »waren es doch ganz normale einundvierzig Stunden, …, während denen in Großbritannien ungefähr oder genau dreißigtausend Kühe verbrannt wurden.«

Diese romantisch-schaurige Verknüpfung ist die Keimzelle für seinen Roman Die Verteidigung der Missionarsstellung. Dieses erste Zusammenfallen von Liebe und Seuche setzt den Beginn einer merkwürdigen, absurden Serie. Jede normale Logik scheint außer Kraft gesetzt. Als Baumgärtner sich in China ein zweites Mal verliebt, bricht die Vogelgrippe aus. Die weiteren Seuchen der jüngsten Zeit sind uns nur zu bekannt. Benjamin Lee Baumgärtner wird sich also erneut verliebt haben. Wolf Haas erzählt davon humorvoll, zwinkert seinem Leser mit einem Auge zu. Witzig imitiert er den Tonfall der ersten Burger-Verkäuferin, deren »nahezu perfektes Deutsch« eine »etwas mangelhafte Ü-Intonation« besitzt. So werden die mad cows auch im Dialog der beiden lebendig: »Kuhekrankheit« »verruckte Kuhe«. Mit spielerischer Sprachvirtuosität belebt Haas diese erste Begegnung, die sich in überdrehter Anmache äußert.

In beinahe barocker Bildlichkeit entdeckt dies der Leser im Satzspiegel des Buches wieder. Kreisen Baumgärtners Gedanken sogar an einer Stelle im sich verschlingenden Paisley-Muster. Verschlingen ist dabei auch das Stichwort für die beiden jungen Menschen, die sich nicht nur »mit einem frechen Blitzen« in den Augen verständigen. Mit der nächsten Frau wird Baumgärtner in einem Hotelaufzug fahren – und diese Fahrt vom Hotelzimmer bis zum Erdgeschoss des Hotels und seine Gedanken, die um die Frau kreisen, sind wie ein Figurengedicht abgedruckt.

Aber da sind wir bereits bei der zweiten einschlägigen Episode des Romans, die uns in die chinesische Provinz führt – und zwar so tief ins Landesinnere, dass uns schließlich buchstäblich alles nur noch chinesisch vorkommt – die Schriftzeichen wechseln an dieser Stelle und sind eigentlich nur noch für den Experten verständlich. Dennoch lässt gerade diese chinesische Passage den Leser tief ins Innere unserer Hauptfigur blicken – ein kurzes musikalische Motiv verrät den Inhalt – , scheint sich doch hier London 1988 zu wiederholen.

Zeitsprung, Endlosschleife und eine ganz reale Watschen

Aber zurück zu London 1988 – der Zeitsprung ist schon vorbereitet – legt doch Haas seinem Helden bereits vor der virtuellen Revolution das Wort »googeln« in den Mund. Schalgfertig reagiert die kleine Britin: »Warum kannst du in die Zukunft schauen und uber Google sprechen?« Baumgärtners Antwort wirft metasprachlich dieses Paradoxon zurück: »Ich rede nur wirr wegen der Gehirnkrankheit, als welche ich meine Verliebtheit empfinde.« Und fast aus Verlegenheit verfallen die beiden Protagonisten in eine Art Comicsprache: »Gooooooogeln! Looloo! … Poooooorpoooooooor. Muuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh! Moooooooooooooooooooooooooooooooo!«

Selbstverständlich erscheint hier Haas Notiz, dass er diese London-Episode später in einem Buch verbraten wird. Ein literarisches Spiel – fast ein wenig strukturalistisch angehaucht, vielleicht nicht ganz im Sinne von Roland Barthes’ Romanprojekt. Wolf Haas beginnt damit sehr bald, wenn er Regieeinwürfe, Anmerkungen und Ergänzungen macht, die für eine spätere Überarbeitung dienen sollen. Der Beginn London 1988 ist also als erstes mögliches Kapitel eines späteren Romanprojekts denkbar. Der Autor, das Schreiben werden im folgenden zweiten Kapitel parodiert. Die Abhandlung über die Poetik, über Reales und Fiktives zitieren französische Diskursanalyse.

Es ist das Spiel mit dem Zitat. Wolf Haas zieht seine frühere Figur Brenner noch einmal kurz aus dem Sack und mischt sich selbst in die Erzählung. Selbst der mögliche Erfolg bzw. Misserfolg des gerade geschriebenen und neu herausgebrachten Buchs Die Verteidigung der Missionarsstellung werden bereits vorweggenommen. Die real ablaufende Zeit scheint im besten Sinne durch die mad cow disease aufgelöst.

Und damit beginnt sich die prinzipiell so einfache Erzählung in Wiederholungen, Variationen, Spiegelungen zu verstricken. Wolf Haas – oder ein anderer Ich-Erzähler – ergreift das Wort, beginnt eine Rolle im Buch zu spielen. Die anfänglich so harmlos verlaufene Episode London 1988 wird dem Autor Wolf Haas im zweiten Kapitel – noch als unveröffentlichtes Manuskript – im besten Sinne des Wortes um die Ohren geschlagen. Und zwar von einer seiner härtesten Kritikerinnen, seiner Nachbarin, der Ehefrau unsres Helden Benjamin Lee Baumgärtner. Im besten Sinne des Wortes eine vernichtende Literaturkritik.

Wolf Haas erzählt in seiner Verteidigung der Missionarsstellung vom immer gleichen (zunächst verbalen) Abtasten von Mann und Frau, von den Freuden und Wirrnissen der Liebe, von zerbrechenden/zerbrochenen Beziehungen.

Und Haas betreibt nebenbei sogar ein wenig pubertär-philologische Sprachwissenschaft, wenn er »das Wort Missionarsstellung« mit »Normalbumsen« wiedergibt. Natürlich an einer weiteren entscheidenden Stelle des Romans, bevor die Vogelgrippe ausbrechen wird. Auch diese zweite Begegnung, diesmal mit einer Holländerin, bleibt nicht ohne Folgen für Baumgärtner und die Welt. Baumgärtners Frau zu Hause, kurz die Baum genannt, wird nicht ganz so begeistert reagieren. Der vor sich hin trocknende Philodendron, wörtlich der »Baum-Liebhaber«, der in Baumgärtners Wohnung steht, deutet die drohende Katastrophe an. Und alles zieht sich bis in unsere Gegenwart hinein. Das Leben – also doch eine Endlosschleife? Wolf Haas kommt der Escher’schen Vorstellung in seiner Verteidigung der Missionarsstellung schon sehr nahe.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung
Hamburg: Hoffmann und Campe 2012
239 Seiten. 19,90 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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