»Ecce homo« oder Endstation Lamento

in Roman

Roman | Michel Houellebecq: Serotonin

Bestimmten Autoren und ihrem Werk wurden immer wieder seherische Qualitäten zugesprochen, seien es Philosophen, die den Fortschritt in der Geschichte der Menschheit beschreiben, oder Poeten, die das Endzeitgrauen von drohenden Kriegen prophezeien. Michel Houellebecq hat in dieser Hinsicht mit seinen Romanen Plattform (2001), in dem er einen islamistischen Anschlag auf einen fernöstlichen Urlaubsort beschreibt, und mit Unterwerfung (2015) zwei Volltreffer erzielen können. Ihn deswegen gleich zum Wiedergänger von Nostradamus küren zu wollen, würde jedoch zu kurz greifen. In seinem neuesten Roman Serotonin, in dem der Franzose in gewohnter Weise dystopisch auf seine Umwelt herabschaut, dichtet er einen Abgesang auf einen Mann, der seiner Existenz zu entfliehen versucht. Ecce homo? – fragt HUBERT HOLZMANN

Serotonin-Michel-HouellebecqDer Verweis auf Friedrich Nietzsche mag vermessen erscheinen, lebt doch der »Einsiedler von Sils Maria« jenseits jeglicher Alltagsbeschwerden und Wehwehchen und entfaltet in seinem Zarathustra ein Bild vom Übermenschen, der als Lehrmeister zur Menschheit vom Berg herabsteigt. A

uch Houellebecqs Alter-Ego Flaurent-Claude Labrouste wird in Serotonin seine Hochhaus-Turmwohnung im Pariser »Tour Totem« südlich des Eiffelturms verlassen und sich in die Niederungen des Alltags begeben. Allerdings keineswegs als Übermensch, eher als Leidensgestalt und Exemplum der sinnentleerten Welt. Houellebecqs Welt.

Die Geschichte des Helden ist dabei schnell zusammengefasst: Florent-Claude, 46 Jahre alt, ist am Ende mit seinem Leben, versinkt in Depressionen. Seine Libido versagt. Trotz oder gerade wegen des neuen Wundermittels und Anti-Depressiva Captorix, das ihm sein Arzt verschreibt. Florent-Claudes folgerichtige Schlussbilanz lautet also: Abschied. Abschied aus dem Leben. Er löst daher alles, was ihn bisher umgibt, auf: Er trennt sich von der aktuellen Geliebten, kündigt Job und Wohnung, löscht sein altes Bankkonto, seinen Mail-Account. Mit einem Wort: Er kappt alle Verbindungen und taucht unter, verwischt die Spuren seiner Existenz.

»Menschliches, Allzumenschliches«

Florent-Claudes einziges Problem: Es findet zunächst kein Hotelzimmer für Raucher »und erst bei Anbruch des dritten Tages, als ich schon ernsthaft erwog, Obdachloser zu werden (ein Obdachloser mit siebenhunderttausend Euro auf dem Konto, das war doch originell und durchaus amüsant), fiel mir das Mercure-Hotel in Niort wieder ein«.

An dieser Stelle sei nur kurz darauf verwiesen, wie Houellebecq mit der Dreizahl die Dimension des christlichen Heilsbringers herbeibeschwört, der am Morgen des dritten Tags von den Toten aufersteht. Houellebecq und sein Held schöpfen also, wie man sieht, aus dem Vollen. Nur beim Thema Sex ist alles über den Haufen geworfen. Hier klappt nichts mehr. Erzwungene Enthaltsamkeit. Nur die Fanatasie kann noch helfen und so memoriert der Held, als Eremit in der gewählten Isolation, fast zwanghaft seine Lust. Später wird ein geliehenes Sturmgewehr Ersatz für Flaurent-Claudes phallisches Lustobjekt.

So stilistisch stark der neue Roman Serotonin von Houellebecq stellenweise daherkommt, er gleitet ab in zynische Provokation.

Und die Vergangenheit des Helden hat da durchaus einiges zu bieten. Das zeigt zumindest der Blick zurück, wenn der Held aus seinem früheren Leben erzählt und durchaus scharfe Selbstanalyse betreibt. Dennoch bleibt vor allem wiederum als Quintessenz der Blick auf die sehr jungen Frauen, die als Objekte und »Egobooster« für ihn herhalten, so in einer Begegnung auf einer Spanienreise: »Zwei junge Frauen um die zwanzig stiegen aus, und selbst aus der Entfernung war zu erkennen, dass sie hinreißend aussahen; ich hatte in letzter Zeit vergessen, wie hinreißend Frauen sein konnten, es versetzte mir einen Schreck wie ein übertriebener Knalleffekt im Theater. Die Luft war so heiß, dass sie leicht zu flimmern schien, ebenso wie der Asphalt des Parkplatzes, es waren genau die richtigen Bedingungen für eine Fata Morgana… Gott ist gnädig und barmherzig.«

Traumdeutung nach Onkel Freud

Flaurent-Claude erlebt hier noch einmal seine persönliche Jungfrauenerscheinung, die er, wie kann es anders sein, aus durchaus altväterlicher Perspektive, aus einer modisch sehr fokussierten Optik, beschreibt: »Ein weißes Schlauchtop aus Baumwolle bedeckte notdürftig ihre Brüste, und ihr kurzer, flatternder Rock, ebenfalls aus weißer Baumwolle, schien förmlich darauf zu warten, sich beim geringsten Luftzug zu heben«. Diese Passagen wirken fast grotesk, wenn der Held beinahe krampfhaft realistisch schildert. Das mag an die Schreibtechnik von Groschenromanen erinnern.

Aber ist es nicht Zeichen von galanter Männlichkeit, jungen Damen in Notsituationen Luft zuzufächeln? Vor allem wenn diese damit überfordert sind, »den Reifendruck [zu] prüfen« »(das heißt den Reifendruck ihres Autos, ich habe mich falsch ausgedrückt)«? Houellebecq treibt ein naives Spiel mit männlichen Stereotypen und setzt dabei voll auf die patriarchalische Konditionierung. Die mittlerweile aber vor allem quälend wirkt. Auch in Literatur. Leser des alten Walser können davon ein Lied singen.

Doch Houellebecq kann es nicht bei dieser Episode belassen, sondern muss diese Szene weitertreiben: wie selbstverständlich verweist er im Anschluss an diese Begegnung darauf, wie er diese Episode als Pornofilm inszeniert hätte. Allein es bleibt bei der Deformierung des männlichen Glieds. Nur die Traumwelt des Helden wird noch angeregt. Immerhin – kann man meinen.

Raus aus dem Moloch

Denn die Realität sieht also ganz anders aus. Yuzo, die Japanerin, mit der Flaurent-Claude in Spanien unterwegs ist, findet der Held problematisch. Er versucht, sie sich vom Hals zu schaffen. Eine Realsatire, die jeder(mann) schon einmal erlebt haben mag. Der Held unternimmt dreimal – man bedenke auch hier wieder die biblische Zahl – den vergeblichen Versuch, sich von dieser Dame zu befreien: sie am Flughafen vergessen, das Auto in den Abgrund steuern, was auch den Helden selbst mit in den Tod reißen würde, oder die abtörnenden Übernachtungen in denselben Hotels wie mit den Verflossenen. Alles nützt nichts. Yuzo verlässt Flaurent-Claude nicht. Sie ist auf ihn angewiesen. Auf seine Wohnung, sein Einkommen. Das mit dem Sex geht aber auch ohne ihn. Flaurent-Claude wird Sexvideos von ihr entdecken, die in seiner Pariser Wohnung gedreht wurden.

Was den Erzählstil Houellebecqs schon zu Beginn des Romans prägt, sind neben den langatmigen Beziehungsbanalitäten, die den Helden und seine Frauen prägen, durchaus auch witzige Einfälle, etwa der szenische »running gag« des Helden als Kofferträger. Ebenfalls unterhaltsam sind Houellebecqs Verweise und Anspielungen auf die Größen seiner Zeit. Beispielsweise ziert er die Idee der Todesfahrt mit Anthony Hopkins »salbungsvollen Tonfall eines zivilisierten Serienmörders«. An diesen Passagen gelingt dem französischen Autor der kurze Wechsel auf die stilistische Überholspur. Hier entsteht ironische Distanz zum Helden, gelingt Parodie.

»Mein Leben ist am Arsch!«

Im Verlauf des Romans zitiert Houellebecq später noch zahlreiche Autoritäten der Kulturgeschichte und lässt die Herren Schopenhauer, Heidegger und Finkielkraut sowie den einen oder anderen Großschriftsteller wie Fontane und Thomas Mann auftreten, die etwas das Frühstück, das Flaurent in seiner Einsiedelei des anonymen Hotels wählt, »gutgeheißen« hätten. Solche etwas merkwürdig überraschend wirkenden Einwürfe entbehren nicht einer gewissen Komik, können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der narzisstische Held mittlerweile seine Frustration in Alkohol ertränkt. Assoziationen oder auch Halluzinationen sind da schon mal möglich. Die Palette der inspirierenden geisthaltigen Getränke ist groß und reicht von Bier über Cardenal-Mendoza-Brandy, Calvados bis zu Wodka.

Für Flaurent-Claude ist der Kontakt zur Gesellschaft sinnlos. Für ihn ist alles beliebig geworden. Auch der einzige verbliebene Lebensmotor, sein angespartes Geldvermögen, das er noch aufbrauchen will, täuscht nicht darüber hinweg. Dieses Motiv der Sinnlosigkeit und der Leere ist nicht neu bei Houellebecq. In seinem frühen Gedicht »Vacances« von 1997 schreibt er: »Un temps mort. … | … | Dire ›Bonjour‹ aux êtres humains, | Jouer son rôle, Blitzkrieg social«.

In die Tiefe geht es für Flaurent-Claude nicht. Allein das Erinnern an seine alten Kontakte, etwa zu seinen früheren Frauen wie Cecile und Camille, ist von Beginn an vor allem selbstbezogen, auf Sex und Lustbefriedigung ausgerichtet. Sein Gegenüber wird vor allem bewertet. Und bemitleidet. Und ist Beispiel für das Scheitern im Allgemeinen. Das ist auch so mit Flaurent-Claudes altem Freund Aymeric, den er auf Schloss Olonde, dem alten gräflichen Landsitz von Aymerics Familie, besucht. Aymeric kann von seinem ruinösen landwirtschaftlichen Betrieb kaum überleben; seine Frau und Kinder haben ihn längst verlassen, am Schluss geht er in einem Inferno unter. Flaurent-Claude kann nur ein Resümee zu ziehen: »Mein Leben ist am Arsch!«

Sex, Drugs, aber bitte mit Frauen!

Ob hier wohl auch der Autor selbst spricht, mag dahin gestellt sein. Denn das Lebenselixier von Flaurent-Claude, der ein Bewunderer seines eigenen Schwanzes ist, ist aufgebraucht. Dieser Körperteil will nicht mehr so, wie es sein Besitzer von früher gewohnt ist. Houellebecq gibt selbst die Lesart vor: Serotonin – ein Abgesang auf die »Faszination der Jugend und der Schönheit«, wie ihn Thomas Mann und sein Held Aschenbach »ohne die geringste Zurückhaltung gefrönt hatte«. Houellebecqs Held übersetzt das in seine eigene brutale, moderne Sprache, dass es »keineswegs« um »intellektuelle Gespräche« gehen kann, sondern um »lockere Liebeleien mit erblühenden jungen Mädchen«, was der Autor in seiner Sprache mit »jungen, feuchten Muschis« gleichsetzt. Auch in Serotonin reduziert Houellebecqs Alter-Ego Flaurent-Claude die Frauen auf Körperteile und deren Funktion für den Mann.

Dieses Spiel mag Houellebecq witzig erscheinen, ist aber zu tiefst reaktionär und rassistisch. Fast automatisch weitet er seine Vorurteile auch auf Homosexuelle und auf Minderheiten aus, die sein Lebenskonzept zu bedrohen scheinen. Mit ästhetischer Experimentierfreude eines Frankreichs des 20. Jahrhunderts hat das nichts mehr zu tun. Houellebecq steht den Versuchen der Nouvelle Vague oder des Oulipo diametral entgegen. Damit ist jegliche utopistische gesellschaftsrelevante Aussage unmöglich. Houellebecq ist ein Autor, der im Beschreiben von pornografischen Darstellungen verharrt, diese noch mit verächtlich homophoben Parolen untermauert. So stilistisch stark der neue Roman Serotonin von Houellebecq stellenweise daherkommt, er gleitet ab in zynische Provokation. Oder stellt er nur das alte christliche Heilsversprechen ad absurdum und feiert als Schlussapotheose die Erlösung der Welt von dem Dichter durch sich selbst?

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Michel Houellebecq: Serotonin
Aus dem Französischen von Stephan Kleiner
Köln: DuMont 2019
336 Seiten. 24.- Euro
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Reinschauen
| Leseprobe
| Hubert Holzmann über Michel Houellebecq in TITEL kulturmagazin

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