Von Termoth und Farb

Wolf Senff: Von Termoth und Farb

Das war Termoth, der da auf die ›Boston‹ zu kam, niemand sonst hatte diese Statur, die beiden Grauwale, die sie am ersten Tag erlegt hatten, waren geflenst, die Kocherei am Strand qualmte und stank nicht mehr, es gab keinerlei Nachschub.

Ungewöhnlich war schon, daß er Scammons ›Boston‹ aufsuchte, die Fangpause lockerte die strengen Sitten. Drei seiner Schwarzen begleiteten ihn, kräftige Kerle, überragt von Termoth, der Anblick der vier allein wirkte bedrohlich – doch das täuschte. Termoth war auf der ›Boston‹ als umgänglicher, sanftmütiger Maat geschätzt.

Ob Scammon ihn hergebeten hatte? Das wäre eher unwahrscheinlich, überlegte Gramner, denn Scammon schien erleichtert, gar froh über die Zwangspause, unfaßbar, er hockte achtern über seinen Messungen und Aufzeichungen und ließ sich kaum bei seiner Mannschaft blicken.

Nun denn. Gramner war neugierig.

Pirelli gesellte sich zu ihm. Drei Schwarze?, fragte er. In der Stadt gäbe das einen Skandal. Er lachte. Die Städter seien hysterisch.

Mit dem Goldgräberpack sei nicht auszuhalten, sagte Gramner, sie strömten von überall her, Elend breite sich aus.

Ob das Termoth sei, fragte Thimbleman und wies zum Strand.

Der Kommandeur auf der ›Marin‹, ja, Scammons Maat, sagte Pirelli, das ist er.

Der Erzähler aus den Spelunken der Barbary Row?

Er stammt aus dem Grenzgebiet von Utah, Arizona und New Mexico, sagte Pirelli, er ist ein Navajo und wird wie Sut dafür gerühmt, daß er fesselnd erzählt, in den Spelunken wird er verehrt, sogar von den Goldgräbern heißt es, sie würden ihn schätzen.

Wird er erzählen?

Die ›Boston‹, das wisse hier jeder, sagte Pirelli, ist Territorium von Sut.

Die Bräuche sind streng, bekräftigte Gramner.

Als Termoth die ›Boston‹ betrat, hatten sich mehr als ein Dutzend Männer versammelt, und die meisten kannten ihn von der Barbary Row. Daß er komme, hatte sich in Windeseile herumgesprochen.

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Edward S. Curtis creator QS:P170,Q433128, Canyon de Chelly, Navajo,

Termoth grüßte die Männer freundlich und setzte sich mittschiffs auf ein Faß vor Gramners Kombüse. Unvorstellbar, sagte er, die Katastrophe, die der Mensch heraufbeschwöre, sei unvorstellbar.

Wie er gleich anfängt, flüsterte Mahorner, das sei mutig.

Er stößt sie vor den Kopf, nicht?, fragte Harmat.

Unerschrocken, lobte McAlister, er komme ohne Umschweife zum Kern.

Am schwierigsten sei, sagte Termoth, das Ausmaß des Schreckens mit nüchternem Verstand zu fassen.

Die Männer waren verblüfft. Niemand war damit vertraut, daß so unverblümt geredet wurde. Immer gab es Mißstände, an denen nachgebessert werden konnte, das wußte jeder, hier eine Lücke gefüllt, dort ein wenig geglättet, poliert und Glanz nachgesprüht, unverbrauchtes Personal eingesetzt, Qualitätsstandards etabliert, eine reizende Frau an der Rezeption postiert, Mitarbeitergespräche angesetzt, ein Produktname geändert, Evaluationen durchgeführt, und nach einem erfolgreichen Testergebnis werde das Produkt mit reduzierter Qualität angeboten – so werde Reichtum erwirtschaftet.

Termoth war aus anderem Holz. Der Mensch habe die Welt dämonisiert, sagte er.

Ich verstehe kein Wort, flüsterte Bildoon.

Höre nur zu, empfahl Harmat, gewöhne dich an seine Sprache, du wirst es nach und nach verstehen.

Unsinn, erwiderte Bildoon, du redest Unsinn.

Ruhe, zischte Thimbleman.

Der Ausguck lächelte.

Ich rede, sagte Termoth, von einer Dämonisierung, die daraus entsteht, daß die Bedeutungen der Worte verändert werden, die Probleme sind elementar, den Menschen wird die Sprache geraubt, und damit werden seine Wurzeln im Leben gekappt. Wer heute über Wachstum spreche oder über den Markt, der fasse eine andere Qualität ins Auge.

Eine andere Qualität wovon?, wollte der Rotschopf wissen.

Keine Geschichte?, fragte Crockeye.

Habe er nicht neulich erst keine Geschichte erzählt?, spottete der Zwilling.

Das sei Sut gewesen, sagte Harmat.

Termoth sei überzeugt, erklärte Pirelli, daß die Zeit verbraucht sei, abgelaufen, sie habe sich erschöpft, und eine winzige Frist verbleibe, ein Hauch nur, dann sei im Handumdrehen alles dahin. Der Mensch, so sage Termoth, habe gar nichts verstanden, nie habe er etwas verstanden, nichts, in seinen letzten Jahrhunderten stehe ihm ein einziger steiler Absturz bevor.

Wie geschmeidig er sich und seinesgleichen einflöße, es gehe bergauf, spottete Pirelli. Sich gut verkaufen, das könne er, das habe er bewiesen, laut, schrill, er spucke große Töne, und eben: sich verkaufen. Er verscherbele sich an den Mammon, er feiere längst seine finale Party und wisse nicht davon.

Termoth lächelte. Wenn etwas wachse, sagte er, verstehe jedermann, was da geschehe. Wir sehen ja täglich zu, sagte er, wir sehen die Knospe, die sich entfaltet, wir sehen die Blüte, oder wir sehen den Baum, der Früchte trägt, seine Blätter abwirft, im Frühjahr erneut grünt und von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr größer wird.

Er erinnere ihn ab Farb, sagte Gramner, ja, Termoth erinnere ihn an Farb.

Farb?, fragte  Mahorner.

Farb gehöre in eine andere Erzählung, sagte Gramner, in eine Erzählung vom Toten Meer.

Was das sei, ein totes Meer, wollte Thimbleman wissen.

Das führe zu weit, sagte Gramner, er habe das selbst kaum verstanden, das Tote Meer liege weit unter dem Meeresspiegel, mehrere hundert Meter, und dort befänden sich die Dead Sea Works, nach der ESSA in den kalifornischen Lagunen seien sie der zweitgrößte Salzproduzent auf dem Planeten, doch die Dead Sea Works wiederum hätten mit Farb nichts zu tun.

Seid still, flüsterte Sanctus.

Thimbleman schwieg, doch das Thema beschäftigte ihn, und wer Farb sei, hätte er auch gern gewußt.

Wie das angehe, daß ein Meer unter dem Meeresspiegel liege, fragte sich Harmat.

Seit dem vergangenen Jahrhundert etabliere sich die Ökonomie als Wissenschaft und schwadroniere davon, daß Wirtschaft wachse. Diese Leute wüßten nicht, wovon sie redeten. Termoth war empört. Die Sprache werde Schritt für Schritt ihrer tiefgreifenden Verwurzelung entrissen.

Wachsen, sagte Termoth. sei ein urwüchsiger Vorgang, eine Tätigkeit des Lebens, mit der sich das Leben erhalte, versteht ihr, ein Prozeß voller Kraft, ein heiliges Wesen, so sagen wir Navajo, und ihr würdet von der Energie der  Engel reden.

Wirtschaft, bekräftigte er, wachse nicht, ihr wohne kein Leben inne, und ihr dennoch ein Wachstum zuzuschreiben, das sei irreführend. Metaphorisch? Was für ein Unfug! Der Mensch dürfe nicht leichthin eine Qualität einem beliebigen anderen Bereich zuordnen, versteht ihr, nein, Wirtschaft sei nicht von Leben erfüllt, eben nicht, wie solle das gehen, der arbeitende Mensch sei von Leben erfüllt, sagte er und rührte seinen Fuß heftig auf den Schiffsplanken, Wirtschaft wachse nicht.

Wir töten den Wal, unterbrach Crockeye unvermittelt, wie könne da die Wirtschaft von Leben erfüllt sein und wachsen. Du kannst sie vergessen, die sogenannte Moderne, komplett, der Mensch sei von Sinnen. Er zog aber verwunderte Blicke auf sich und verstummte erschrocken.

Er sei erleichtert, sagte Thursday, nicht in hundert oder hundertfünfzig Jahren leben zu müssen. Der Kapitalismus werde – in seinem verhängnisvollen Streben, den Menschen zu gestalten, ihn zu kolonisieren – das zivilisierte Leben vernichten.

Was Termoths Rede mit dem Toten Meer zu tun habe, interessiere ihn, sagte Harmat, und wer dieser Farb sei.

Mit dem Toten Meer habe das nichts zu tun, erklärte Gramner, im Gegenteil, Farb suche das Tote Meer auf, weil er dort zu genesen hoffe, man bleibe dort selten länger als drei oder vier Wochen. Dieses Meer sei einzigartig, man müsse über den Atlantischen Ozean segeln und darüber hinaus, um dorthin zu gelangen.

Harmat war verblüfft. An einem toten Meer gesund werden?

Gramner lächelte. Das Meer sei nicht tot, sagte er, es handle sich lediglich um den Namen, der sei unglücklich gewählt, das wolle er gar nicht in Abrede stellen, denn schließlich betrete Farb dort den Weg zurück ins Leben.

Was es mit diesem Farb auf sich habe, das wüßte er gern, ergänzte Crockeye, und wie es möglich sei, daß ein Meer sich unterhalb des Meeresspiegels befinde, unfaßbar, wer solle denn das glauben, das sei nicht in Ordnung.

| WOLF SENFF
| Abb.: EDWARD S. CURTIS / QS:P170,Q433128, Canyon de Chelly, Navajo

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Roger Eberhard, Bernhard Schlink, CC BY-SA 3.0
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