Heimweh nach Historie

Roman | Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

Eine drängende soziale Frage unserer Zeit lautet: wo können wir, wie wollen wir leben? Angesichts der existenziellen Bedeutung des Wohnens hat der Schriftsteller Jan Brandt erneut seinen großen geplanten Auswandererroman vertagt und gleich zwei Bände in einem dazwischengeschoben. Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt birgt das ganze Ausmaß an Zerrissenheit zwischen einem entgleisten Immobilienmarkt und der eigenen Identitätssuche. Von INGEBORG JAISER

Was ist das? Ein Doppelband? Ein Wendebuch? Ein Heimatroman? Eine nordische Familiensaga? Eine wissenschaftliche Abhandlung? Der Stammbaum einer friesischen Händlerdynastie? Die Chronik der Gentrifizierung Berlins? Wer diesen gewichtigen Band in den Händen hält, wird ihn erst einmal irritiert drehen und wenden.

Ein Buch mit zweigeteiltem Umschlag in Schwarz und Weiß: auf der einen Seite geht ein dunkler Riss durch den brüchigen Putz, auf der anderen Seite zerteilt ein heller Blitz die Finsternis. Das orange Lesebändchen zwischen den Buchteilen mag kaum bei der Orientierung helfen.

Hohe Decken und ein Gefühl von Freiheit

Wo soll man anfangen? Optimisten werden wohl mit der hellen Hälfte beginnen: Eine Wohnung in der Stadt. Nach einem Auslandsjahr dank Erasmus-Programm kehrt der Autor 1998 nach Deutschland zurück. Nicht in seine friesische Heimat und nicht nach Köln, wo er zuvor studiert hat. Die einzige Großstadt, in der es sich als Schriftsteller leben lässt, ohne sich zu verbiegen oder mit Nebenjobs abzurackern, scheint Berlin zu sein. Ein berauschendes Bohème-Gefühl macht sich breit, auch angesichts der Legenden und Mythen über jene, die hier schon gelebt haben: Hans Fallada und Jörg Fauser, David Bowie und Iggy Pop.

Rasch taucht Brandt in einen hochproduktiven, künstlerischen Mikrokosmos ein, lernt andere Schriftsteller kennen, die bereits dem verheißungsvollen Lockruf gefolgt sind. »Wir wohnten in Wohnungen, die wir selbst renoviert hatten, mit Kohleofen oder Gasaußenwandheizern, die Dusche in der Küche, das Klo in der Kammer oder auf halber Treppe, aber mit hohen Decken und einem Gefühl von Freiheit, wie wir es so noch nie erlebt hatten.« Prekäre Wohnverhältnisse gehören zum Lebensstil.

Zuflucht und Wahlheimat

Doch auch Berlin – gleichermaßen Sehnsuchtsort und Wahlheimat für den ländlich sozialisierten Brandt, der schon mal als »alter Friesennerz, Deichgraf, Polderfürst« gehänselt wird – verändert sich. Es wird immer schwieriger, eine akzeptable Wohnung ohne Wasserschäden, Rattenplage oder lautstarke Rapper in der Nachbarschaft zu finden. Das romantisierte Dichterleben scheint vollends zu kippen, als eine Eigenbedarfskündigung in den Briefkasten flattert. Wohin so schnell?

Für Brandt beginnt eine absurd tragische Odyssee kafkaesken Ausmaßes, ein aufreibendes und zeitraubendes Bewerbungsverfahren mit Lebenslauf, Schufa-Auskünften, Bürgschaft der Eltern (zuweilen mogelt er auch ein Exemplar seines letzten Romans zu den Unterlagen). Bei Wohnungsbesichtigungsterminen fühlt er sich mit gefühlten Hundertschaften von Mitbewerbern wie in einem »Horizontalpaternoster« durch die Räume geschleust. Um schließlich nicht auf der Straße zu landen, rettet er sich mit Zwischenmieten und temporären Unterkünften, stets im Zweifel: »Mit 42 wieder in einer WG zu wohnen, kam mir komisch vor, wie ein Fehler im System.«

Fitzcarraldo von Ostfriesland

Welch herbe Ironie des Schicksals, dass zur gleichen Zeit das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Urgroßeltern, ein ehrwürdiger Gulfhof im friesischen Ihrhove, zum Verkauf steht und abgerissen werden soll. Obwohl das Haus längst nicht mehr im Familienbesitz ist, Jan Brandt obendrein nie darin gewohnt hat, ist er augenblicklich angefixt von der Idee, das Anwesen zu retten und in ein Literaturcafé, Künstlerhaus, Kulturzentrum umzuwidmen. Doch wie ließe sich die Finanzierung stemmen?

Von nun kämpft Brandt als »Fitzcarraldo von Ostfriesland« an zwei Fronten – und der Leser mag das Buch nach Belieben drehen und wenden, mal hier (Ein Haus auf dem Land), mal dort weiterlesen. Obwohl der Autor keinerlei schriftliche Aufzeichnungen seines Urgroßvaters besitzt, betreibt er profunde Nachforschungen und unterfüttert das Recherchierte mit abenteuerlichen Auswanderungs- und Rückkehrgeschichten. Heimat und Herkunft stellen plötzlich neue Werte dar, auch für Brandt, der einst nicht ohne Groll der Provinz entflohen ist (»Mit achtzehn hätte ich das Dorf mitsamt seinen Bewohnern am liebsten abgefackelt«).

Die Wohnung ist unverletzlich

Brandts Wendebuch und Doppelroman stellt vieles buchstäblich auf den Kopf: Landflucht und städtische Gentrifizierung, Heimat und Fernweh, Eigentum und Verlust – und immer auch die Suche nach der eigenen Identität. Um angesichts der selbst erfahrenen Wohnungsnot und Betroffenheit nicht in falsche Sentimentalität abzudriften, fährt der Autor emsig recherchiertes Material auf: Kennzahlen, Statistiken, Wohnungsmarktberichte.

Und hängt, in bester wissenschaftlicher Manier, beiden Buchteilen erhellende Literaturverzeichnisse an. Darüber hinaus gerät Eine Wohnung in der Stadt selbst zu einer interessanten Chronik der literarischen Off-Szene Berlins während der Jahrtausendwende. Dass sich jedoch die Träume einer sicheren Schriftstellerheimat weder im provinziellen Ihrhove noch im großstädtischen Berlin bleibend verwirklichen lassen, davon zeugt dieses Buch. Warnend ist ihm Artikel 13, Absatz 1 des Grundgesetzes vorangestellt: Die Wohnung ist unverletzlich.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen
Köln: DuMont 2019
424 Seiten. 24.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Der Schwamm war ihm zu nass, da ging er auf die Gass‘«

Nächster Artikel

Leseabenteuer

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der Kater und die Kissenschlacht

Roman | Sibylle Lewitscharoff: Killmousky Eine Katze als Titelfigur und die Georg-Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff als Krimiautorin – wie passt das zusammen? Man kann es für ein literarisches Verwirrspiel halten, was uns die Autorin, die in der Osterwoche ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, zwischen den Buchdeckeln präsentiert. Killmousky – der neue Roman von Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff. Von PETER MOHR

Kurze und bündige Sprachspielereien

Roman | Markus Öhrlich: Die beste erstbeste Gelegenheit Nichts weniger als ein kleines, sich über achtundfünfzig Seiten erstreckendes Meisterwerk legt Markus Öhrlich mit seinem Debütroman Die beste erstbeste Gelegenheit vor, ein Meisterwerk lakonischer Sprachspielereien. Von RÜDIGER SASS

Drogen per Drohnen

Roman | Zoë Beck: Die Lieferantin Elliot Johnson, von ihren Freunden Ellie genannt, versorgt das London der nahen Zukunft mit Drogen bester Qualität. Ihr Stoff, im Darknet bestellbar, wird per Hightech-Drohnen zum Kunden befördert. ›Die Lieferantin‹ bleibt dabei immer im Dunklen. Doch weil Ellies Geschäftsmodell den traditionellen Straßenvertrieb plötzlich uralt aussehen lässt, kommt Londons Unterwelt natürlich ins Grübeln. Drei Bosse verbünden sich, um die billigere und bessere Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Als dann auch noch der Tod zweier Gangster die Szene in Unruhe stürzt, wird es auf den Straßen der englischen Metropole zunehmend unruhig. Von DIETMAR JACOBSEN

Was am Ende zählt

Roman | Julian Barnes: Die einzige Geschichte Am Lebensherbst angekommen, stellt sich jeder unweigerlich die Frage nach Liebe und Reue. Paul liebt eine 30 Jahre ältere, verheiratete Frau. Doch er bereut seine Liebesgeschichte nicht, denn – wie er von ihr lernt – es ist die einzige Geschichte, die zählt. Von MONA KAMPE

Dystopie mit Botschaft

Roman | Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung

Die japanische Schriftstellerin Yoko Ogawa verfasste mit Die Insel der verlorenen Erinnerung eine Dystopie, in der die Erinnerungen auf einer namenlosen Insel nach und nach verloren gehen, solange bis kaum noch etwas übrig bleibt. Damit gelingt der Autorin eine eindringliche Parabel, die vor autoritären Tendenzen und Überwachungsfantasien warnt. Von FLORIAN BIRNMEYER