Risse und Brüche

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Risse und Brüche

Die Ojo de Liebre war eine Lagune der Baja California, subtropisches Klima, ein Idyll, mehr konnte niemand verlangen, der Grauwal hatte guten Grund, daß er hier seine Kälber zur Welt brachte, er war zahlreich vorhanden, die Stimmung unter der Mannschaft hätte blendend sein sollen, doch seit mehreren Tagen waren die Männer gezwungen, auf Fangfahrten zu verzichten, weil einige ihrer Hauptakteure sich bei der ersten Ausfahrt verletzt hatten.

Eldin, Erster Offizier, ein schlanker, energischer Kerl mit einer kraftvollen Stimme, die die Männer einschüchterte und ihren Respekt einforderte, hatte sich die Schulter gezerrt, und vor allem seinetwegen hatte Scammon die Pause verordnet.

Ein, zwei Tage noch, hieß es.

Stimme, unterbrechend: Er sprach von der Strandung der Medusa auf der Arguin-Sandbank, von Rettungsbooten, die sie verlassen hatten, einer Meuterei. Wie ein Wasserfall sprudelten die Wörter aus ihm heraus. Gekapptes Tau, Stürme, ein Schmetterling, fliegende Fische, Haie, eine zweite Meuterei, zerschlagene Wasserfässer, Weinrationen und so weiter.

Die Männer waren ungeduldig. Als es dämmerte und Gramner zu erzählen begann, zeichnete sich frühzeitig Unmut ab, einige setzten sich gar nicht erst hin, Crockeye führte ein lautes Gespräch mit McGovern und dem Rotschopf, der Zwilling gähnte gelangweilt: Das Thema Moderne, sagte er, sei nun ausgelutscht, nicht wahr, und weshalb müsse er sich Gedanken um eine Zukunft machen, die er eh nie erleben werde.

Er erntete beifälliges Gemurmel.

Crockeye, McGovern und der Rotschopf lachten, während Gramner den Umbruch  von der Segelschiffahrt zum Dampfschiff als markanten Übergang zur ›Moderne‹ beschrieb. Schnee von gestern, lästerten sie, und ob er auch etwas Neues zu erzählen habe, das wäre doch schön.

Gramner war irritiert, und er blieb damit nicht allein, die meisten ärgerten sich über das ungehobelte Verhalten, das nicht üblich war auf Scammons Schiffen, Gramner, Sut und Termoth waren als Erzähler bis in die Kneipen Friscos bekannt und wohlgelitten, und Scammon bildete sich eine Menge darauf ein, daß sie auf der ›Boston‹ angeheuert hatten.

Die Gruppe um Crockeye hatte ihr Auftreten anscheinend mutwillig als eine Provokation inszeniert und gab, das ließe sich Gramner partout nicht ausreden, einen intensiven Vorgeschmack der globalen Klimakatastrophe, die sich nach und nach ausbreiten würde, sagte er, und die verheerende Folgen haben sollte, der australische Kontinent stünde in Flammen und würde unbewohnbar – ein Los, das auch Kalifornien drohte –, wegen Infektionsgefahr würden chinesische Millionenstädte unter Quarantäne gesetzt, die Menschen trügen Atemschutzmasken. Doch das, erklärte Gramner, geschähe lange nach Scammons Walfangfahrten und spiele für die Ereignisse in der Ojo de Liebre keine Rolle.

Stimme, unterbrechend: We continue to embrace technology, not to shun it. When people are free to innovate, millions will live longer, happier, healthier lives.

Crockeye war eine unangenehme Erscheinung, aalglatt, ein Gesicht wie ein Kleinkind, feiste Züge über die gesamte Figur, er gefiel sich darin, Leute schamlos auszufragen, er war aggressiv, ein Draufgänger und ein Ausbund an Heimtücke.

Nein, man sah ihm das nicht sofort an, er konnte gesellig sein und wirkte nicht abstoßend, sonst hätte ihn Scammon wohl kaum aufgenommen, doch je länger er Dienst tat, desto unverhohlener trat sein Charakter zutage, er war hartherzig, gehässig, hetzte die Männer hinterrücks auf und trieb einen Keil in die Mannschaft, das Klima, wie gesagt, änderte sich.

Stimme, unterbrechend: Dreimal neun ist Donnerstag, und der 18. Juli des Jahres 1816 war ein herrlicher Donnerstag. Kein Wölkchen trübte den azurblauen Himmel, die Sonne blendete, und selbst die Luft, sonst dunstig, war klar wie Kristall.

Die Fangpause dauerte den sechsten Tag und war eine Belastung, dachte Gramner, man sollte darüber reden, gar keine Frage, man mußte das offen tun, ohne Giftpfeil im Köcher, keine versteckten Absichten.

Doch Gramner hatte Zweifel, daß Crockeye dazu bereit wäre, er zog es vor, sich, wenn es auf Messers Schneide stand, zurückzuziehen, und versteckte sich hinter anderen, manche hielten ihm vor, er sei ein Feigling, der unter seinesgleichen kühne Reden schwang und sich nur hervortat, wenn es etwa darum ging, einem Kind ein Bein zu stellen.

Er stamme aus der Moderne, höhnte London, man müsse ihn dort schleunigst wieder abliefern.

Touste rief die Büchse der Pandora in Erinnerung.

Was trieb Crockeye an, fragte sich Gramner, war es Eitelkeit, war es das Gefühl, zurückgesetzt zu sein, war es der Drang, Macht auszuüben? Und vor allem, wie ließe sich diese fehlgeleitete Kraft eindämmen und in fruchtbare Bahnen lenken?

Stimme, unterbrechend: Alle hatten instinktiv mitgekriegt, daß etwas schiefgelaufen war. Frauen und Kinder schrien. Soldaten traten wütend gegen das Schanzkleid, und Maiwetter betete – so unverschämt laut, daß es alle hören mußten.

Gramner tat sich schwer.

Wäre es tags zuvor an Eldin gewesen, einzugreifen, als Crockeye dem Ausguck ein Bein stellte? Er war ein korrekter Erster, hatte den Vorfall beobachtet und hätte gute Gründe gehabt. Doch während der Fangpause schienen die alltäglichen Abläufe wie gelähmt, genaugenommen wartete jeder, daß Scammon endlich das Kommando zum Einsatz der Schaluppen gäbe.

| WOLF SENFF
| Titelfoto: Michael Vadon, Mr Donald Trump, New Hampshire Town Hall on August 19th, 2015 at Pinkerton Academy in Derry, NH by Michael Vadon 03, CC BY-SA 4.0

| Unterbrechertexte aus: Franzobel, Das Floß der Medusa, Wien 2017, S. 11f., S. 7,  S. 275, sowie aus: Donald Trump, Rede auf dem World Economic Forum Davos, 21. Januar 2020

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