/

Konflikt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Konflikt

Er solle die Finger vom Ausguck lassen, herrschte Pirelli McCrockeye an, weil dieser dem Ausguck erneut Nichtstun vorgeworfen hatte, ein Faulpelz sei der, und sich über das, wie er es nannte, Herumgehüpfe beklagte, der Ausguck werde sich dabei den Hals brechen.

Auch Thimbleman war nicht ungeschoren geblieben, mit dem Schwimmen im Meer setze er leichtfertig sein Leben aufs Spiel, er trage schließlich eine Verantwortung gegenüber der Mannschaft, und erzürnt hieb Crockeye mit der Faust auf die Reling.

ChampionOfTheSeasPirelli lachte lauthals und wies ihn zurecht, daß er den Jungen nichts vorzuschreiben habe, der Erste setze auf der ›Boston‹ die Regeln.

Daran hatte Crockeye zu schlucken, sein feistes Haupt lief bis in den Nacken rot an, doch er sagte keinen Ton und mußte sich das wenig später auf dem Vorschiff von seinen Kumpanen McGovern, dem Zwilling und dem Rotschopf vorhalten lassen.

Doch ihm war schlecht beizukommen, er drehte den Spieß um.

Weshalb sie ihn nicht verteidigt hätten, warf er ihnen vor, sie hätten schweigend dabei gestanden, und es wäre für sie ein Leichtes gewesen, es dem Pirelli einmal zu heimzuzahlen, das sei längst überfällig bei diesem Italiener.

Da lachten sie wieder.

Höchste Zeit, sagte der Zwilling.

Was für ein alberner mediterraner Wichtigtuer, schimpfte der Rotschopf.

Gramner hatte die heftigen Wortwechsel verfolgt und nahm sie als deutlichstes Beispiel für den Klimawandel auf Scammons ›Boston‹, er war alarmiert. Die Bosheit schlug Wurzeln, so weit war es gekommen, und er fühlte sich dem hilflos ausgesetzt.

Gewiß, die Dinge ließen sich erklären, die Moderne griff um sich, der Umschwung vom Segelschiff zum Dampfer, und dieser Wandel präsentierte sich als alternativlos, die Zeit, hieß es und duldete keinen Widerspruch, sie sei reif, es gäbe kein Zurück und selbst kluge Worte hätten ihre Macht verloren.

Was aber geschah wirklich, was spielte sich ab? War es jene stürmisch drängende ›Moderne‹, die spätestens mit dem Goldrausch über den Planeten hereinbrach wie ein Tsunami, der alles überschwemmt, und der Mensch, anstatt daß er überlegte und abgewogene Entscheidungen träfe, überließe sich gedankenlos dem Rausch einer urwüchsigen, zerstörerischen Gewalt?

Oder wäre die Menschheit selbst eine Naturgewalt, ein Wirbelsturm, der sich austobt, den es zu balancieren, zu zügeln gälte, doch wer, um Himmels willen, wollte das tun?

Oder der Hochleistungswahn des Menschen griffe längst über auf die Natur, die sich mit eigenen Spitzenleistungen übertrifft, die ungeahnte Rekorde aufstellt: nie dagewesene Feuersbrünste, verheerende Wirbelstürme, haushoch tosende Wogen, sensationell zahlreiche Todesfälle und darüber hinaus neuartige Krankheiten und Seuchen?

Oder der Mensch: ein Wrack seiner selbst, überrollt von der Gewalt des Maschinenwesens, kraftlos, überfordert, ausgelaugt und von ehedem harmlosen Infektionen dahingerafft?

Das waren abenteuerliche Gedanken, selbst Gramner erschrak.

Daß sich das Klima auf der ›Boston‹ bedrohlich wandelte, war eine Tatsache, Crockeye tat sich ungeniert als ein Hitzkopf hervor, nicht bereit, sich zu integrieren, Kritik und Tadel genoß er als Aufmerksamkeit und fand Nachahmer, er spaltete die Mannschaft, und da Scammon sich kaum sehen ließ und Eldin mit seiner Schulter beschäftigt war, erinnerte ihn niemand an seine Grenzen, der hergebrachte Zusammenhalt brach ein.

Gramner sperrte sich gegen den beschwichtigenden Gedanken, daß es Phasen gäbe, gute wie schlechte, und daß diese Phasen auch wieder vergingen, daß sie abgelöst würden und eben auf einer anderen Brigg sich gerade diese Gemeinschaft heranbilden mochte, indes sie auf der ›Boston‹ bröckelte. War es doch der Mensch, der den Dingen ihren Sinn und die Zusammenhänge verlieh, aus seinen Gedanken formte sich die Welt, und wie, grübelte Gramner, wie konnte es da geschehen, daß das destruktive Element an Einfluß gewann, gar überwog, und daß der Sinn verlorenging?

Letztlich war er davon überzeugt, daß es falsch wäre, den Kampf aufzunehmen, Kriege zu erklären, nein, niemand konnte etwas tun. Der Ärger heizte sich auf, bis er überhitzt war, er verpuffte und sackte in sich zusammen. Der Klügere gibt nach, und Erfolg verspräche allein, daß man derartige impulsive Ausbrüche ins Leere laufen ließe.

| WOLF SENFF
| Southworth & Hawes, ChampionOfTheSeas ca1854 EastBoston Southworth Hawes MFABoston, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Tailored Cuts And All Encores: New Record Reviews

Nächster Artikel

Neues Leben entsteht

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Demokratie

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Demokratie

Entbehrlich, er ist entbehrlich.

Farb lachte. Verzichtbar.

Die Welt stünde ohne ihn keineswegs schlechter da.

Ohnehin ergeht es ihm miserabel, da greifen auch all seine Versuche nicht, gute Laune zu stiften, ehrlich, er ist überflüssig, und außerdem – was trage er bei zum Wohlbefinden des Planeten, nichts, wer brauche ihn, niemand, er nehme sich vom Kuchen und gebe nichts zurück.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Durchaus sei denkbar, sagte Farb, daß sein Abgang eine befreiende Wirkung hätte, der Planet würde von Zwängen und Knebelungen erlöst, der Tag zum Beispiel dürfte Persönlichkeit entfalten, als ein lebendiges Wesen wahrgenommen werden wie andere auch, er verströmte gute Stimmung unter einem blauen Himmel, er wäre melancholisch unter dunklen Wolken und Regenschauern, neigte zum Zornausbruch unter Blitz und Hagel.

Tatendrang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tatendrang

Angesichts des Desasters, fragte Farb, was sei zu tun, und legte sich ein Stück von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman ging zur Küche und holte die Schale mit Schlagsahne.

Annika schenkte sich Tee ein, Yin Zhen, sie hatten das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, Tilman hatte es, wie er sagte, von Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, aber sie hatte es vor wenigen Tagen in einer Auslage eines Geschäfts in der City gesehen, rostrot.

Eine Freundin, sagte sie, reise in diverse Regionen des Planeten und drehe Tierdokumentationen, um durch das Fernsehen einen Eindruck von der Vielfalt des Lebendigen zu vermitteln, ein Requiem, abschiednehmend, denn die Vielfalt schwinde.

Kulturwandel

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturwandel Von der Tragweite des Wandels machen sie sich keine Vorstellung, sagt Gramner. Wenn sie überhaupt eine Chance nutzen wollen, die Katastrophe abzuwenden, müssen sie ihr Leben umstellen, sagt er. Was soll das heißen, daß sie ihr Leben umstellen, Thimbleman, was meint er damit. Manchmal verstehe ich Gramner nicht. Wie solltest du. Er redet über eine Zukunft, die dir und mir nicht bekannt ist. Die Moderne, ich weiß.

Landschaft

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Landschaft

Landschaft, jedermann hat seine inneren Landschaften, so einfach, die Dinge sind leicht zu verstehen: er ist abgründig, ein Fels in der Brandung, stürmisch, wolkenverhangen, ist eine Sandwüste, eine stille Lagune, eine aufblühende Wiese, ein reißender Gebirgsbach, du verstehst, jedermann hat seine inneren Landschaften, er könne sie pflegen, doch sie können sich ändern, indem unversehens ein Gewitter heraufzieht, oder sie wechseln zu einer anderen Szenerie.

Karttinger 8

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Karttinger 8

Mit atemberaubender Geschwindigkeit gegen die Wand! Tempi passati. Das Geschehen am Rio Lobo auf einen Schlag beendet. Ein ernüchterndes Beispiel! Nur nicht aus Liebe weinen! Da werde aber jedem angst und bange, daß eine Erzählung knallrot zu Ende geht.

Nahstoll zeigte sich unerschütterlich: Das sei eben der Lauf der Welt, sagte er, zu guter Letzt sei der Knoten geplatzt, das lasse sich gar nicht vermeiden, keinesfalls, ein jeder Knoten, sagte er, neige zum Platzen, heut’ Abend lad’ ich mir die Liebe ein, die Vendée sei der Karttinger eine zweite Heimat geworden, und wer wäre so todesmutig und stellte sich dem Geschehen in den Weg, wenn sich die Dinge in ihre Ordnung ergössen, davon geht die Welt nicht unter.