Und was hörst du so? Ein Kennenlernen

in Bittles' Magazine

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

Aller Anfang ist schwer. Das wäre das altkluge Sprichwort passend zum Anlass. Aber wenn überhaupt, dann ist »Aller Anfang schwierig« und selbst das ist nicht wahr. Außerdem habe ich es eigentlich nicht so mit Sprichworten. Und doch ist es gar nicht so einfach, sich nicht abgedroschen vorzustellen und ich grüble darüber, wie ich das elegant lösen kann. Dabei verliere ich mich allerdings nur in Gedanken und ende bei der Frage, wer ich eigentlich bin. Aber immerhin hat John mir das Bittles‘ Magazine für den März überlassen und vielleicht muss ich gar nicht weiter ausholen und wir lernen uns über Musik kennen. Das hat schon häufig als gute Grundlage zum Kennenlernen gedient. Heute gibt es LOUISE RINGELs aktuell liebste weiblichen DJs. Warum weiblich?

Weil diesen Sonntag Weltfrauentag ist, was ich vermutlich mehr feiere als Weihnachten. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist der Weltfrauentag eine Feierlichkeit um etwas, an das ich glaube. Und zweitens fühle ich mich tatsächlich angesprochen, denn es dreht sich nicht um eine rein männliche Geschichte, in der die einzige Frau eine Jungfrau und Mutter ist. Außerdem sehen die Verhältnisse für weibliche DJs im Musikbusiness noch ganz schön haarig aus. Also alle Augen auf Akiko Kiyama, Cinthie, Helena Hauff und ihre fantastischen Kolleginnen.

Akiko KiyamaAkiko Kiyama macht wahnsinnig spannenden Minimal Techno, der rau industriell und doch immer wieder weich und melodisch daherkommt. Seit 2004 hat sie drei Alben und einen Haufen EPs veröffentlicht und es macht riesen Spaß sich durch die einzelnen Tracks zu hören und in ihnen zu versinken. Zeit und Aufmerksamkeit sollte man jedoch mitbringen. Akikos Musik ist anspruchsvoll und sie nur nebenbei zu hören, würde ihr nicht gerecht werden. Die Tracks sind reich an Ebenen, die alle für sich und untereinander komplex verwoben sind und mir immer wieder das Gefühl geben, vor einem großen Suchbild zu stehen. Akiko nimmt sich Zeit und baut sie langsam auf. Wie eine gute Geschichtenerzählerin, die Spannung aufbaut und in ihrem Publikum ständig die Frage aufkommen lässt: »Was passiert als nächstes?«

Sie beweist immer wieder Humor. Sei es mit ulkigen Geräuschen wie in Bridge the Divide auf Ophelia, unkonventionellen Takten wie in Non-human Realm oder kuriosen Titeln wie Take Your Skeleton in the Closet auf Where Are My Shoes nach der Vorgänger EP If I Had A Pair Of Shoes. Mein Favorit ist aber wahrscheinlich Der Wald Erzahlt Geschichte als letzter Track auf Deviation. Auf den Rücken legen, Augen schließen, Ohren öffnen und der Wald erwacht von ganz alleine zum Leben.

CinthieCinthies Name spricht eigentlich für sich selbst. Sie ist eine internationale Größe in der Szene und langjähriges Mitglied, denn sie legte schon als Minderjährige auf und wurde in den 2000ern von Westbam entdeckt. Sie führt mittlerweile den Plattenladen elevate store in Berlin und ist Mitbegründerin der Label Beste Freunde, Beste Modus und Unison Wax. Ihre wahre Größe besteht wahrscheinlich, abgesehen von der Musik, in ihrem Engagement in der Szene und ihrer Vorbildfunktion für Musikerinnen, denn sie setzte sich in der elektronischen Musikszene durch, als diese noch viel stärker männerdominiert war. House und Disco sind ihre Heimat und Cinthies Beats sind groovig, glitzernd und doch so reduziert, dass ich mich fantastisch in Trance tanzen kann. Einer meiner Favoriten ist Mezmerising. Percussion und Geigen Elemente, groovige Vocals und ein treibender Beat, der sich zum-auf die-Zunge-beißen hochschaukelt. Außerdem grandios gut sind Crystal Grooves 001 und Crystal Grooves 003, die so funky und hell sind, dass ich mir das Lächeln beim Hören nicht verkneifen kann. Der Beat kitzelt es einfach raus.

Fast gegensätzlich dazu erscheint die acid-wave-industrial Musik von Helena Hauff aus Hamburg.

Helena HauffSie ist trocken, kalt und ganz schön dreckig charmant. Zeitweise werden ihre Sets grotesk, doch weghören ist unmöglich. Gerade ihr Debut Discreet Desires hat mit Sworn to Secrecy Part 2 einen moody Track, der von düster flüsternden Vocals geprägt wird. L’homme mort oder Spur sind zwei weitere fantastische Tracks, die mysteriös dunkel sind und mich an 80er Jahre und Goth erinnern. Wenn ich die Augen schließe, stehe ich in einem stockdunklen Keller und sehe nur ernste, schwarze Gestalten, deren Körper zucken und wippen. Mit Qualm wurde Helena noch unkonventioneller und unvorhersehbarer. Teilweise nervös flirrend – ich möchte fast sagen: stressig, aber dadurch eben auch elektrisierend. Grelle Videospiel Sounds, die absolut maschinell und unnatürlich klingen. Helena Hauff ist nicht harmonisch und nicht angepasst, aber wahnsinnig spannend und verstörend im guten Sinn.

Lotte AhoiWenn Helena Hauff dafür sorgt, dass Körper und Nerven angespannt sind und es gar keine andere Möglichkeit gibt, als sich die Nacht um die Ohren zu stampfen und zu boxen, dann ist Lotte Ahois unendliche Gelassenheit wie ein Beruhigungsmittel. Warum wird klar, wenn man liest, wie sie selbst ihre Musik beschreibt: »Schneckenhouse« oder »Slothdisco«. Dieser Charakterzug ihrer Musik ist perfekt, um in den Morgen zu flowen und erinnert an Sonnenstrahlen, Hängematten und nackte Füße. Sie ist von Grund auf und bis in jede Pore entspannt und macht lange, unaufgeregte Sets. Froher, warmer Downtempo, der einen wohlig umhüllt und Körper und Geist friedlich fließen lässt. Das bedeutet jedoch keineswegs Langeweile. Lotte bedient sich aus einem Topf multikultureller Musik, darunter türkische, ägyptische oder mongolischer Songs. Hinein flicht sie Tracks von Bill Withers, Queen oder Marvin Gaye und kreiert eine natürliche, abwechslungsreiche Mélange. Kein bisschen anstrengend und doch so deep, dass ich eintauchen und mich treiben lassen kann.

Und dann gibt es da noch Ana Helder, die lateinamerikanische »Groovyness« in ihren Techno fließen lässt und mich besonders mit Soy Canella und El groove de tu corazon begeistert. Sandilé aus Köln, die funky und house lastig ist. Jammin n Slammin und It’s always gonna be house sind geschmeidige, tanzbare Tracks. Pauli Pocket überzeugt mich mit ihren sauberen, bouncy Beats, die einen Anflug von böse haben und wie ein kleiner Schalk im Nacken sitzen. Die Liste kann natürlich beliebig weitergeführt werden, aber ich belasse es hierbei. Damit lässt es sich am Weltfrauentag schon ganz gut in die Revolution wippen.

| LOUISE RINGEL

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