Irrfahrt mit dem Navigator

Kurzprosa | Hartmut Lange: Der Lichthof

»Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht«, lässt der inzwischen 83-jährige Hartmut Lange eine seiner Figuren, den Politologen Ronnefelder gleich zweimal sagen. Das klingt Lange-untypisch, fast simpel, beinahe wie ein Kalenderspruch aus einem philosophischen Ratgeber. Vom Berliner Novellisten ist man anderes gewohnt: jede Menge Düsternis, Rätselhaftigkeiten, tiefe seelische Abgründe und bisweilen schaurige Naturbeschreibungen, die er zumeist an einsamen Ufern der vielen Seen im Berliner Umland angesiedelt hat. PETER MOHR hat den neuen Novellenband von Hartmut Lange Der Lichthof gelesen.

Der LichthofHartmut Lange hat sich stets als Grenzerkunder zwischen Wahn und Sinn, zwischen Unterbewusstsein und suggerierter Fremd-Determination betätigt und äußerst versiert mit Fiktion und Meta-Fiktion gespielt. Zumeist ließ er uns mit einem offenen Ende und bewusst ausgelegten falschen Fährten nach der Lektüre zurück.

Im neuen Buch geht es etwas »softer« zu. Je zweimal stehen gestörte Partnerschaften (»Der Lichthof« und »Der Navigator«) und Probleme mit dem Älterwerden im Zentrum (»Der Weg zum Meer« und »Ronnefelder«). Eine Frau ist allein zurück geblieben in einer üppigen Berliner Altbauwohnung und glaubt trotz geschlossener Fenster, einen Luftzug durch den Lichthof zu spüren. Ihr Misstrauen wächst ins Unendliche, sie wähnte ihren Mann auf einer Geschäftsreise, telefonierte mit ihm und fragte sich anschließend: »Woher konnte er wissen, dass ich wach war und unser gemeinsames Bett verlassen hatte?«

In der zweiten Beziehungsnovelle spielt ein Navigationssystem in einem PKW eine ganz wichtige Rolle. Das Paar fährt durch Österreich in Richtung Italien, als das »Navi« offensichtlich zu »spinnen« beginnt und das Fahrzeug von der Autobahn in ein entlegenes Kaff dirigiert.

Der Italien-Aufenthalt wurde zum Desaster, der Streit um den defekten Navigator dominierte die Zweisamkeit. Susanne, so schien es, hatte Gefallen daran gefunden, sich in die Irre leiten zu lassen, dem Zufall Tür und Tor zu öffnen.

Das Paar trennte sich (»Jedenfalls hat er uns einen Weg gezeigt, auf dem es nicht mehr weitergeht.«), und am Ende hat jener Wolfgang den Navigator im Keller von Susannes verwaister Wohnung wiedergefunden – zwischen Hoffen und Bangen pendelnd.

Um handfeste psychische Probleme geht es auch in den beiden anderen Novellen. Ein Schauspieler und ein Politologe haben nicht nur mit ihrem biologischen Alter, sondern auch mit dem nachlassenden Interesse an ihrer Arbeit zu kämpfen. Schauspieler Gruber verschwindet am Ende irgendwo am Strand von Sylt – ein wiederkehrendes Motiv bei Hartmut Lange. Im Wattwanderer (1990) schickte er seine Hauptfigur Völlenklee ins Wasser, und auch im Vorgängerwerk An der Prorer Wiek und anderswo (2017) ließ er eine Rechtsanwältin einige Schritte ins Wasser gehen, und sie »wurde nie wieder gesehen.«

Der eingangs zitierte Politologe Ronnefelder, der sich nach seiner Emeritierung noch auf die Spuren des Buddhismus begab und ernüchtert heimkehrte, zersägte schließlich symbolträchtig sein Ehebett und untersagte seiner Haushaltshilfe, das drapierte Holz zu verändern.

Der fünfte Text des Bandes (»In eigener Sache«) fällt stilistisch völlig aus der Reihe, handelt es sich doch dabei um das bisher einzige veröffentlichte autobiografische Fragment aus Langes Feder. Nüchtern, erschütternd, aber sprachlich längst nicht so pointiert wie die vier Novellen. Da hat Hartmut Lange die Worte wieder hingetupft wie bei einer Partitur. Und dass es im neuen Band weit weniger düster zugeht, ist überhaupt kein Makel. Es ist so, als wenn uns der Meister der zeitgenössischen Novelle sogar ein wenig an die Hand nimmt zu einem geheimnisvollen Spaziergang durch sein verschachteltes Gedankenlabyrinth.

| PETER MOHR

Titelangaben
Hartmut Lange: Der Lichthof
Zürich: Diogenes 2020
95 Seiten, 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Übergänge

Nächster Artikel

Eine Wunderwelt zum Staunen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Robert

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Robert

Halb zehn war seine Zeit gewesen, anzurufen, am Freitag, am Donnerstag oder bereits am Mittwoch, ich hatte gefrühstückt, sagte Tilman, und wir verabredeten uns für den Sonnabend oder den Sonntag zu Kaffee und Kuchen, wir hatten ein gediegenes Stamm-Café aufgetan, nein, nicht das Gnosa, ich ging, du weißt es, Susanne, sonst gern auch ins Gnosa, manchmal bestellte er eine Kleinigkeit zu essen, das war uns zur festen Gewohnheit geworden, nicht jedes Wochenende, aber in regelmäßigen Abständen, das Leben basiert auf unverrückbaren Gewohnheiten, Robert hatte sich auch um seine Enkel zu kümmern, der Zehnjährige spielte im Fußballverein und sang im Schülerchor, wir hatten stets ein Menge Gesprächsstoff.

Abstiegskampf

Lite Ratur | Wolf Senff: Abstiegskampf Krähe, lass mich erzählen. Nein, Fußballfan bin ich nicht. Sei mal still. Dass ich samstagsnachmittags Bundesligakonferenz höre, ist mir zur Gewohnheit geworden; so sehr, dass ich’s an spielfreien Wochenenden vermisse, wie man eben eine vertraute Gewohnheit vermisst. Zwei-, dreimal in den letzten Jahren war ich im Stadion, bei St. Pauli, klar, zum HSV, nein, dazu lieber kein Wort. Von WOLF SENFF

Wasser

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wasser

Ernsthaft, sagte Tilman, die Ressourcen des Planeten wollen schonend behandelt werden.

Farb blickte auf.

Sie würden knapp, sagte er.

Im Brandenburgischen tobe ein Konflikt um die Nutzung des Grundwassers, das von einem PKW-Hersteller ausgebeutet werde, die dort lebenden Menschen fürchteten extreme Konsequenzen, Wasser sei ein kostbares Gut.

Zurecht, sagte Farb, die natürlichen Vorräte würden über alle Maßen beansprucht, von schonendem Umgang könne keine Rede sein, das Desaster sei unausweichlich, weltweit, sagte er: in Spanien breite sich Steppe aus, in den USA schrumpften die Stauseen, Australien fahre Jahr für Jahr geringere Ernten ein, die Hälfte der Weltbevölkerung sei heute schlechter mit Wasser versorgt als die Bewohner des antiken Rom.

Abwarten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Abwarten

Ihre Tagesläufe hatten sich verändert, was sollte man auch tun, solange es galt, die Wunden zu kurieren.

Warten sei angesagt, sagte der Ausguck, geduldiges Warten, morgens oder nachmittags schwamm er mit Thimbleman in der Lagune, sie angelten Fisch, den sie bei Gramner in der Kombüse ablieferten, sie staunten über die Wale, und es schien, als würde nach und nach ihre Angst vor den riesigen Tieren nachlassen.

Man gewöhne sich, sagte der Ausguck.

Spielregeln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Spielregeln

Was denn nun, fragte Wette.

Er wisse von nichts, sagte Farb.

Ob er austeilen solle, fragte Tilman.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne und nahm sich einen Marmorkeks; seitdem die Preise für Vanille in unerschwingliche Höhen gestiegen waren, waren die Vanillekipferl, die er früher so gern gegessen hatte, nicht länger im Handel erhältlich.