Kompromißlos

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kompromißlos

Nein, konstatierte der Ausguck, null, was kümmere ihn das, die Verhältnisse seien entstellt, mit jenen Zeiten wolle er nichts am Hut haben, sie seien Gramners Thema.

Der Ausguck schwieg, Thimbleman streckte sich und sah mit verträumtem Ausdruck hinaus auf die Lagune.

Stimmt’s etwa nicht? Der Ausguck blieb hartnäckig. Eine ›Moderne‹, in der die zehntausend Dinge auf eine Weise verzerrt seien, daß man sie kaum noch erkenne, es gehe zu wie in einem Tollhaus. Solle Gramner sich kümmern.

Ein Grauwal reckte den gigantischen Kopf aus dem Wasser.

Im Grunde jedoch, erklärte der Ausguck, wären jene Verhältnisse leicht zu verstehen, nur daß es niemand darauf anlege. Damit aber fange es an. Die Menschen würden sich selbst betrügen, sich über die realen Zustände hinwegtäuschen, sich in die Tasche lügen. Du mußt auf ihre Sprache achten, Thimbleman, vor allem auf ihre Sprache. Nein, jene ›Moderne‹ ist nicht robust, keineswegs, sie ist fragil, sie hat tiefe Risse, und der Mensch ist anfällig geworden. Die Zeitungen schreiben, er leide an Allergien.

Lies das gegen den Strich, Thimbleman, übe dich darin, bis es dir zur Gewohnheit wird. Es heißt zwar, der Mensch leide an Allergien, doch diese Formulierung lenkt ab, denn nach zwei Jahrhunderten Industriegesellschaft und beschädigten Lebensgrundlagen ist seine physische Konstitution brüchig geworden und die äußeren Reize greifen über, sie zehren ihn aus, der Mensch zerbricht am heruntergewirtschafteten Planeten.

Er sieht diese Zusammenhänge nicht.

Er hört nicht, Thimbleman, er sieht nicht, er begreift nicht, es ist ein Elend, allein wie er herumläuft, fettleibig, traumatisiert an Geist und Seele, es ist eine Schande, wer hielte diesen Anblick aus, ohne selbst einen Schaden davonzutragen. Solle Gramner sich kümmern, nein, diese Zukunft ist mein Thema nicht.

Zier dich nicht, Ausguck: Erzähl weiter!

Seit neuestem sucht ihn eine Seuche heim.

Seuchen traten zu allen Zeiten auf.

Die Seuche jener fernen Zukunft, man ist versucht, zu lachen, sie ist jener Industriegesellschaft ebenbürtig, sie ist leistungsfähig, man möchte sie Schwarmintelligenz  nennen, und der Mensch, der sich eine Menge auf seinen innovativen Geist zugute hält und sich mit Vorliebe triumphalistisch inszeniert, er ist ihr ausgeliefert, mattgesetzt, er verordnet Abstand zu seinem Nächsten und sucht sich mit Atemmasken zu schützen, schön und gut, mit Atemmasken, mit Händewaschen, und wir staunen, Thimbleman, daß seine hochgelobte Technologie nun still, sprachlos, unscheinbar im Hintergrund weilt.

Du spottest.

Ich spotte. Er ist nicht Herr der Lage, in seiner Not weicht er auf digitale Konferenzen aus, und nun verrate mir – der Ausguck lachte –, wie könne es unter diesen Umständen noch menschliche Gemeinschaft geben. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, nicht wahr? Anstatt freundlich zu lächeln, begegnet er seinesgleichen mit Argwohn und Mißtrauen, die Grundlagen der Zivilisation, verstehst du, sie sind in Gefahr.

Weiß Gramner keine Antwort?

Nein, nicht einmal Gramner weiß Antwort, die Seuche erschüttert die Fundamente zivilisierten Zusammenlebens, verstehst du, die Menschen sollen einander seit neuestem nicht länger berühren dürfen, das ist ohne Beispiel, und sie erfassen noch immer nicht die Tragweite, sie verstehen nicht, was sich abspielt.

Du verrätst es mir, Ausguck.

Der Planet ist im Begriff, sich vom Menschen zu trennen: Fahr zur Hölle, ruft er ihm zu, das ist die Botschaft, er hat ihn satt, ein für allemal, der Planet hat sich zur Genüge ausbeuten und plündern lassen, Thimbleman, es reicht ihm, ultimativ, es ist Matthaei am letzten, doch der Mensch weiß das Menetekel nicht zu lesen, er verstand schon die vorangegangene Botschaft nicht, das HIV-Virus, das durch Geschlechtsverkehr übertragen wird und tödlich ist, nein, man bedenke, die Zeugung als ein Ritual des Todes, und dennoch erkennt der Mensch keine Not, umzukehren und sich in die natürlichen Abläufe zu integrieren, verstehst du, er ist definitiv kein Herrscher, er war das nie, sondern er muß sich fügen.

Das wird er nicht können.

Er hatte vielfältige Gelegenheiten, innezuhalten, sich zu besinnen, sei es der Rinderwahn, sei es Fukushima, seien es die Feuersbrünste in Australien, Rußland, Kalifornien, die Orkane und Überflutungen – der Mensch überläßt sich dem Sog, dem Wahn der Macht und steckt nicht zurück.

Der Ausguck atmete tief, nahm wenige Schritt Anlauf und schlug einen Salto.

Fast aus dem Stand, sagte Thimbleman und applaudierte begeistert.

Allenfalls daß ich mich im Schwimmen unterrichten ließe, sagte der Ausguck, in dieser abgelegenen Lagune stelle ich mir das angenehm vor, keine Menschenseele weit und breit, es ist Fangpause und Arbeit fällt nicht an, täglich sehe ich zu, wie zwanglos sich der Grauwal in seinem Element bewegt.

Von mir, fragte Thimbleman: Ich soll es dir beibringen?

Kannst du es nicht?

Thimbleman lachte: Ich rechne auf einen fügsamen Schüler, Ausguck.

| WOLF SENFF

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