Gerettete Lebewesen

Kinderbuch | R. Frey, P.Rappo: Ginting und Ganteng

Noch leben Orang-Utans in den Urwäldern von Borneo und Sumatra, aber es wird immer schwieriger für sie. Zum Glück gibt es Auffang- und Auswilderungsstationen, in denen die Tiere gerettet und ihnen geholfen wird. Davon erzählen in schönen Bildern Regina Frey und Petra Rappo. Von GEORG PATZER

Ginting und GantengGinting und Ganteng sind Zwillinge, Orang-Utans. Akrobatisch schaukeln sie miteinander an Seilen, klettern an ihrer Mutter hoch und über sie hinweg, lernen, wie man Nester baut, und klauen Bananen von Rimba. Spielen mit anderen jungen Orang-Utans im Klettergarten – sie leben nicht im Urwald von Borneo, sondern in Käfigen: Ihre Mutter Merah hat sie in einer Auffang- und Pflegestation für Orang-Utans zur Welt gebracht. In der freien Natur bauen sie sich jeden Abend ein neues Nest, hoch oben in den Bäumen, da sind sie vor Feinden sicher. Und auch in der Station macht Merah das, die Pfleger bringen ihr jeden Abend frische Zweige.

Und eines Morgens riecht der blinde Rimba sie nicht mehr: Sie sind weg. Die Pfleger haben sie in eine Auswilderungsstation mitten im Urwald gebracht, wo sie sich ein paar Tage an die neue Umgebung gewöhnen und wo sie von den freilebenden Orang-Utans besucht werden. Und eines Morgens stehen die Käfigtüren offen.

Ein sehr schönes Sachbilderbuch haben sich Regina Frey und die Illustratorin Petra Rappo ausgedacht. Es erzählt sachlich vom Leben der Orang-Utans in schwierigen Zeiten. Unnachgiebig schrumpft ihr Lebensraum, Bäume werden gefällt und brandgerodet, die meisten Tiere vertrieben. Platz für die Palmölplantagen muss her. Und wenn sie sich an den Bananen der Farmer vergreifen, werden sie abgeschossen. So hat Rimba sein Augenlicht durch Schrotkugeln verloren, Merah konnte von den Pflegern der Auffangstation betäubt und gerettet werden.

Frey erzählt von der Suche nach Essen, Früchten, Blättern, Rinden und Insekten. Von ihrem Leben hoch oben, geschützt vor den Feinden wie den Tigern, den Nebelpardern, vom Nachtleben, das die Orang-Utans verschlafen. Genau berichtet sie auch, wie die Orang-Utans wieder ausgewildert werden, im Schutzgebiet, in dem sie vor den Menschen sicher sind.

Petra Rappo begleitet die Geschichte mit ihren oft verspielten, manchmal auch eher sachlich bunten Zeichnungen, mit denen sie die Tierwelt lebendig darstellt, vor allem die beiden zerzausten Zwillinge Ginting und Ganteng. Wie sie an der ebenso strubbeligen Mutter herumklettern, bis sie nur noch ein einziges Gewimmel aus Armen, Beinen und Haaren sind. Oder als fast verstecktes Detail die Gruppe von kleinen Orang-Utans, die eine Pflegerin auf ihrer kleinen Karre spazieren fährt: Man kann sie kaum zählen, so sehr wuseln die orangefarbenen Tierchen umeinander.

Präzise und mit gradem Strich zeichnet Rappo Autos und Käfige, Klettergerüste und die Plantagen, gestaltet phantasievoll bunt und schlingpflanzig den Dschungel mit seinen Gewittern und den vielen Tieren, die nachts unterwegs sind: Kalong und Plumplori, Marderbär und Flughörnchen und Pelzflatterer. Den Schluss bilden zwei Seiten mit weiteren Informationen, die nicht auch noch in die Geschichte gestopft wurden, über tropische Regenwälder und das Klima, über den Anbau von Palmöl und wie man vermeiden kann, es zu kaufen: »Wer sich im Laden für palmölfreie Produkte entscheidet, hilft also den Orang-Utans.«

Es ist ein sehr gelungenes Sachbuch, das die schwierigen Sachverhalte und Zusammenhänge in einer schönen, aber nicht zu sentimentalen Geschichte erzählt, die die Tiere nicht vermenschlicht und die lesenden Kinder weder mit einem moralischen Zeigefinger bedroht noch sie für zu dumm hält.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Regina Frey und Petra Rappo: Ginting und Ganteng
Eine gezeichnete Reportage über Orang-Utans auf Sumatra
Zürich: Atlantis Verlag 2020
64 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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