Monsieur Hulot und der Oktopus

Kinderbuch | David Merveille: Hallo Monsieur Hulot

»Wie eine Perlenschnur sind die Gags aufgereiht, verbunden von einer überaus liebenswerten Intelligenz und einem romantischen Charme, der über Chaplins kalkuliertes Spiel weit hinausgeht. Eine zärtlich-erfreuliche Typen-Komödie, die sich gegen jede filmische Einordnung nicht nur im französischen Kino sperrt.« liest man im Lexikon des Internationalen Films, wenn man nach Monsieur Hulot sucht. ANDREA WANNER als alter Jacques-Tati-Fan freut sich über ein besonderes Bilderbuch.

Hallo Monsieur Hulot
Jacques Tati hat die Figur des Monsieur Hulot entwickelt und selbst dargestellt. Raffinierte verpackte er Zivilisationskritik in kleine Szenen, setzte Pantomime und Slapstick vordergründig zur Unterhaltung ein und traf in seinen fünf Spielfilmen dabei immer den Nagel auf den Kopf.

In Les Vacances de Monsieur Hulot, von 1963 taucht der liebenswerte Individualist mit Pfeife und Hut erstmals auf – und David Merveille wagt jetzt eine Bilderbuchadaption.

Ein Held in Ringelsocken

22 Bildergeschichten hat er sich ausgedacht. Raffiniert und wie das Vorbild aus dem Kino nahezu ohne Worte erzählt er sie auf jeweils zwei Seiten. Rechts beginnend mit Bildfolgen, die aus vier bis acht Einzelszenen bestehen, kommt die Pointe wie ein Paukenschlag jeweils nach dem Umblättern links als ganzseitiges Bild.

Im Meer heißt beispielsweise eine Anekdote, die Hulot im senffarbenen Anzug Pfeife rauchend unter Wasser zeigt. Kleine Fische umschwirren seinen Kopf, die Schere eines Hummers zickt nahe an seinem Kopf vorbei und ein Tintenfisch mit kariertem Lätzchen und Gabel in einem seiner zahlreichen Fangarme lächelt ihn liebenswürdig an. Wo ist er da nur gelandet? Ohne Sauerstoffgerät in einer merkwürdigen Unterwasserwelt, die von Wesen bewohnt scheint, die zwar einerseits biologisch korrekt scheinen, andererseits so dann noch in der Realität nicht existieren. Die Auflösung zeigt Moniseur auf dem Fahrrad auf einer belebten Straße – im Hintergrund ein Bistro namens Tati und ein Kino…. Der Verkehr ist gerade zum Stehen gekommen, vielleicht wegen einer Ampel. Und Monsieur Hulot, die Hände am Lenker, die Pfeife im Mund, den linken Fuß auf dem Pedal und den rechten zur Balance auf der Straße, steht neben einem meerblauen LKW, bunt bemalt mit Fisch und Meeresfrüchten und der Aufschrift Fischgeschäft am Meer. Wunderbar lässt sich die Szene jetzt rekonstruieren: der LKW auf der linken Spur neben dem Radfahrer muss ein bisschen schneller gewesen sein, so dass zunächst die Fische, dann die große Krabbe und zulässt der Oktopus an Monsieur Hulot vorbeiziehen.

Der 1968 in Brüssel geborene Autor ist ein gründlicher Beobachter des Charakters seiner Vorlage. Er spielt mit dem, was er bei Tai und Hulot entdeckt hat, spitzt die Feinheiten zu und schafft ein Bilderbuch voller originellem Witz und Retrocharme, eine Hommage an den Regisseur Tati und seinen unvergessenen Antihelden. Er lässt ihn Ringelsockenträume träumen, seinen Schatten am Valentinstag in Ermangelung einer Angebeteten einer vollbusigen Schönheit auf einem Werbeplakat Blumen schenken, stellt ihn vor beinahe unüberwindliche Hindernisse wie einen Zebrastreifen oder zeigt im Zoo verblüffende Gemeinsamkeiten zwischen dem Zoobesucher Hulot und den Tieren dort.

Auch für das Zitat Tatis »Ich bin ein wenig Don Quichotte, der mit Humor gegen Windmühlen anrennt«, mit dem dieser seine Rolle als Sonderling seiner Zeit in Worte fasst, findet er ein kleine Geschichte. Augenzwinkernd und mit dem gleichen hintergründigen Humor wie sein großes Vorbild. Und wie die Filme für Kleine und Große gleichermaßen geeignet. Dass man die sich danach mal wieder anschauen muss, versteht sich von selbst.

| ANDREA WANER

Titelangaben
David Merveille (nach Jacques Tati): Hallo Monsieur Hulot.
22 lustige Bildergeschichten.
Zürich: NordSüd 2013
56 Seiten. 14,95 Euro
Kinderbuch ab 5 Jahren

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