Herkulesaufgaben

Jugendbuch | James Proimos: 12 Things to Do Before You Crash and Burn

Kein leichter Sommer, der einem bevorsteht, wenn man gerade seinen Vater verloren hat und dann noch für zwei Wochen ausgerechnet nach Baltimore zum Onkel geschickt wird. Und obwohl James sich ganz fest das Gegenteil vorgenommen hat, wird es nicht mal übel. Von ANDREA WANNER


James Proimos: 12 Things to Do Before You Crash and Burn
James’ Vater war ein ebenso berühmter wie beliebter Ratgeberschreiber, der bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. James – von allen nur Herc genannt – hat ihn anders erlebt und scheut sich nicht in der Kirche bei der Beerdigung den Trauergäste genau das entgegenzuschleudern: »Er war ein Arschloch. Mein Vater war ein vollkommenes Arschloch.« Und jetzt ist der 16jährige auf dem Weg zu seinem »Scheißonkel Anthony«.

Ein Glas Gurken

Der Vorspann erzählt die Geschichte wie James zu seinem Spitznamen Herc kam. Ein Glas Gurken, das niemand aufbekam, war schuld daran. Nachdem der Vater sich erfolglos daran versuchte hat, gelingt es ausgerechnet dem sechsjährigen James, der nach ihm an der Reihe ist, das Glas zu öffnen. »Hercules!« ist der Ausruf seines Dads – der im Nachhinein immer wieder betonte, dass der Deckel durch seine Vorarbeit entsprechend gelockert worden war. Aber Herc hat seinen Namen – »Seitdem klebt der Name an mir. Wie der Deckel an einem Gurkenglas.«

In Anlehnung an diesen Namen wartet bei Onkel Anthony eine Liste auf Herc, die ihn wie den für seine Stärke berühmten griechischen Helden mit 12 Aufgaben betraut. Für jeden Tag, den er bei seinem Onkel verbringt, steht eine Aufgabe an. Manche davon sind sehr konkret, wie z.B. die für den dritten Tag vorgesehene Anweisung »Räum die Garage auf.« Andere lehnen sich stark an die Mythologie an: »Miste die Ställe der Riverbend Farm aus«. Und wieder andere lassen Herc gestalterische Freiheit wie »Setz dich unter einen Baum und lies ein komplettes Buch.« Oder »Finde den besten Pizzabäcker der Stadt.«

Die allererste Aufgabe jedoch lautet »Such dir eine Aufgabe« und Herb erklärt die Suche nach schönen Unbekannten im Zug, die eine Taschenbuchausgabe von Winnie-the-Pooh bei sich hatte, die sich jetzt in seinem Besitz befindet, zur ersten und zentralen Aufgabe, um die sich alle anderen ranken werden. Und während er sich mit seinem Onkel Wortgefechte liefert, die an Direktheit kaum zu übertreffen sind, von einer Katastrophe in die nächste schlittert und die unglaublichsten Dinge vermasselt, stellt er sich tatsächlich seinen Aufgaben.

Es ist das erste Buch des amerikanischen Kinder- und Jugendbuchautors James Proimos, der auch Bilderbücher zeichnet, das auf Deutsch erscheint. Es überrascht durch seine unverblümte Sprache, durch die mangelnde Scheu vor Unwahrscheinlichem, das auf die Art, wie es erzählt wird, ganz selbstverständlich klingt. Herc ist ein junger Mann, der jahrelange Demütigungen durch einen übermächtigen, von allen sonst angehimmelten Vater erdulden musste, und plötzlich zum ersten Mal ernstgenommen wird. Sein Onkel begegnet ihm auf Augenhöhe, fordert ihn heraus, fordert und fördert ihn damit. Herc entdeckt ungeahntes Potential in sich – und ein Geheimnis im Leben seines Onkels.

Der Entwicklungsroman pendelt zwischen Extremen, zwischen Beschimpfungen und Poesie, zwischen Trauer und Begeisterung, zwischen grauer Vergangenheit und einer Zukunft, die sich noch undeutlich abzeichnet. In 49 kurzen Kapiteln skizziert der jugendliche Ich-Erzähler sein Leben – das klingt stellenweise ungewohnt, immer offen und direkt. Eine ungewöhnliche Art der Trauerarbeit und Befreiung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
James Proimos: 12 Things to Do Before You Crash and Burn
Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Hildesheim: Gerstenberg 2013
118 Seiten. 12,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Monsieur Hulot und der Oktopus

Nächster Artikel

Das Licht im Dachfenster

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Durch das Augenglas der Liebe

Jugendbuch | Beate Dölling: Der Sommer, in dem wir alle über Bord gingen Eine alte Fehde zwischen den Schülerinnen und Schülern zweier Schulen, die anscheinend kein Ende findet, Gefühlswirrwarr und viel schöne Natur, die allerdings auch Arbeit macht, sind die Ingredienzien von Beate Döllings Sommerabenteuergeschichte. Erst am Ende wird die leichte Kost pikanter und zeigt, wie wichtig der Blick der Liebe auf die Dinge ist. Von MAGALI HEISSLER

Wie es sich anfühlt, wenn man vor den Nazis gerettet werden muss

Jugendbuch | Peggy Parnass: Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete Man weiß es ja. Man hat davon gehört. Es gibt sogar ein paar Bücher darüber, dass jüdische Eltern ihre Kinder nach England oder Schweden schicken durften und ihnen dadurch das Leben retteten. Es kann einer insgeheim ganz wohlig werden bei dem Gedanken, geht es doch ums Gerettet werden. Gut, dass es Peggy Parnass gibt. Sie war eines dieser Kinder und erzählt, wie es sich wirklich anfühlt, wenn man von den Eltern derart gerettet werden muss. Von MAGALI HEISSLER

Trauerarbeit

Jugendbuch | Marlies Slegers: 16x Himmel und zurück

Pelle hat seinen Vater verloren. Aber für ihn fühlt es sich an, als wäre seine Mutter seither auch nicht mehr da. ANDREA WANNER freut sich über die einfühlsame Geschichte.

Wut, Witz und Widerstand

Jugendbuch | Bibi Fatima Musavi: Girls Like Me

Ein kleines Stück Stoff unterscheidet die sechzehnjährige Asya von anderen Mädchen in Oslo. Sie trägt Hijab, jene Kopfbedeckung, die von vielen muslimischen Frauen als Zeichen der Bescheidenheit und des Glaubens getragen wird. Das macht ihr Leben nicht leichter. Von ANDREA WANNER

»A natural Disaster«

Jugendbuch | Tommy Wallach: We all looked up Wie verbringt man die letzten zwei Monate seines Lebens? Es ist die Frage, die sich die Menschen stellen müssen, als ein riesiger Asteroid auf die Erde zurast. Der Countdown läuft. Von ANDREA WANNER