Zukunftsvisionen

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Indiebookday 2015 | Jugendbuch | T.Nesch: Der Drohnenpilot

Stellen wir uns eine Welt vor, in der es das Grundeinkommen für alle gibt. In der die Autos auf den Straßen nur noch so schnell fahren können, wie es zulässig ist, und auf diese Höchstgeschwindigkeit heruntergebremst werden. Eine Welt, in der die Sicherheit von Polizei und Militär gewährleistet wird und mit Hilfe von Drohnen kontrolliert und überwacht wird. Eine Welt, nur einen Tick von unserer eigenen entfernt. Von ANDREA WANNER

DrohnenpilotDarius ist 17 und hat seit seinem Schulabschluss nichts zu tun. Eine Ausbildungsstelle gibt es nicht für ihn. Die häuslichen Verhältnisse sind seit dem kürzlichen Tod der Mutter eher deprimierend, zumal der Vater auch keine Arbeit hat. Für das Notwendigste reicht es dennoch, denn es gibt ja für alle das Grundeinkommen. Und es Evelyn, in die sich Darius verliebt hat und mit der er jetzt zusammen ist. Wenigstens ein Lichtblick. Der andere ist Raid, ein Computerspiel, bei dem er täglich Flugobjekt durch gefährliche Aufgaben manövriert und Level um Level meistert. Die Tage fließen dahin, das einzig Spannende ist ein Aufbegehren der Bürgerinnen und Bürger gegen das Zuschütten eines Teichs. Darius und Evelyn gehören mit zu den Protestierenden. Und dann hat Darius das Spiel zu Ende gespielt und erhält über den Bildschirm die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Man bietet ihm einen Job an: er soll ein Drohnenpilot werden. Das Spiel war eine Art Test, nur die besten Spieler sind für diese Aufgabe geeignet. Das Leben von Darius verändert sich.

Thorsten Nesch porträtiert einen jungen Mann in einer schwierigen Situation. Das Leben bietet Darius keine Perspektiven. Er sieht, wie man enden kann – Bier trinkend und fernsehend –, wenn er sich seinen Vater anschaut. Auch Evelyn sucht nach Chancen für die Beziehung: Mit einem Typ, der nur vor dem Bildschirm sitzt und sonst nicht zu tun hat, will sie sich auf Dauer nicht abgeben. Da kommt das Angebot wie ein kleines Wunder: ein gutes Gehalt, eine eigene Wohnung, dazu ein Job, bei dem Darius genau das tun muss, was er am liebsten macht und am besten kann. Wer könnte dazu nein sagen. Drohnenpilot – in seinen kühnsten Träumen hätte er das nicht zu hoffen gewagt. Es ist sein erster Schritt in eine große Zukunft, in ein Leben mit Sozialprestige und Anerkennung, mit Erfolg und der Aussicht, Evelyn bieten zu können, was sie möchte. Darius unterschreibt.

So beginnt sein Job in einem Container in einem Raum mit Bildschirmen, Keyboard, Joystick und Ledersesseln. Er bekommt Anweisung und manövriert Drohnen an bestimmt Zielorte oder patrouilliert mit ihnen in angegebenen Gegenden. Die erste kleine Irritation ist schnell da: Er wird ausgerechnet zu dem Teich beordert, an dem die Demonstranten sind. Und seine Aufgabe ist keine, die ihm gefällt. Es werden weitere folgen, die ihm noch weniger gefallen. Seine Begeisterung und Naivität weichen Fragen. Träume plagen ihn, erste Gewissensbisse. Und dann kommt der eine Moment, an dem er weiß, dass er das so alles nicht will und kann.

Nesch hat für seinen Jugendroman gut recherchiert und packt die Fakten in eine spannende Geschichte, die er in die Zukunft verlegt – obwohl diese Zukunft näher ist als mancher ahnt. Drohnen gibt es in ganz unterschiedlichen Ausführungen und zu ganz unterschiedlichen Zwecken. Ausgerüstet mit Kameras und Sensoren können sie beispielsweise nützliche Daten für wissenschaftliche Zwecke wie die Klimaforschung sammeln. Sie können zur Überwachung und Kontrolle eingesetzt werden und im Miniaturformat nahezu unbemerkt jederzeit und überall sein. Und schließlich können sie mit Waffen für militärische und polizeiliche Aktionen ausgerüstet sein. Drohnen-Piloten sitzen dabei weit weg von den Zielen, die sie anvisieren. Sie steuern die unbemannten Flugkörper per Joystick und Monitor mit großer Präzision und im Idealfall ohne emotionale Beteiligung, weil sie ja gar nicht wirklich dabei sind. Aber wer trägt die Verantwortung? Wer garantiert, dass es nur »die Bösen« trifft? Was ist mit »Kollateralschäden«?

Nesch begleitet seinen Helden durch einen moralischen Konflikt, den er erst erkennen muss. Die übrigen Figuren – Darius’ Vater, seine Freundin Evelyn, die neuen Kollegen – bleiben dabei blass und unscheinbar. An manchen Stellen wirkt das Timing etwas ungeschickt: zu schnell gerät Darius bei seinem Jab als Drohnenpilot in eine Krise, dafür dass er ohne zu Zögern die Stelle übernommen hat. Auch der Liebesbeziehung fehlt es an Glaubwürdigkeit. Was dennoch übrig bleibt, ist eine packende Auseinandersetzung mit einem brisanten Thema, auf den Punkt gebracht mit den beiden Zitaten am Ende des Buches. Das erste ist von Jay Carney, dem Pressesprecher des Weißen Hauses: »These strikes are legal, and they are ethical and they are wise.« Und das zweite stammt von Brandon Bryant, einem ehemaligen Drohnenpilot: »I felt disconnected from Humanity.« Wie weit ist der Schritt von einem Computerspiel zur Realität? Wie abwägend reagiert ein junger Mensch, dem eine Chance geboten wird? Und wann findet jemand den Mut, aus einer Sache, die er als falsch erkannt hat, auch wieder auszusteigen?

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Thorsten Nesch: Der Drohnenpilot
München: mixtvision 2015
288 Seiten, 13,90 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

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