Memoiren aus der Matratzengruft

Roman | Henning Boëtius: Der weiße Abgrund

Der weiße Abgrund tut sich längst vor dem sterbenskranken Heinrich Heine auf, als er mit versiegenden Kräften seine Autobiographie zu vollenden versucht. Henning Boetius hat den letzten Monaten des im Pariser Exil lebenden Dichters einen brillanten Roman gewidmet, der zur weiteren Heine-Lektüre anregt und nebenbei sehr bestechend den Zeitgeist um 1850 vermittelt. Von INGEBORG JAISER

Der weiße AbgrundParis im November 1854. Die Stadt wirkt zerfleischt wie ein ausgeweidetes Tier angesichts der radikalen Eingriffe des Stadtplaners Eugéne Haussmann. »Überall Schnitte, klaffende Wunden, herausoperierte Organe, Zerstückelungen, amputierte Gliedmaßen.« Über die aufgerissenen Straßen holpert mühsam ein offener Planwagen, der bescheidenen Hausrat transportiert – und einen auf Matratzen aufgebahrten, vor Schmerzen stöhnenden, mit Morphium vollgepumpten Kranken. Es ist der Dichter Heinrich Heine, auf dem Weg zu seinem neuen Domizil im Süden der Stadt.

In der angemieteten Wohnung soll er endlich ein eigenes Krankenzimmer beziehen, um in Ruhe an seinem Opus Magnum, seiner umfangreichen Autobiographie schreiben zu können. Doch die Fahrt zieht sich durch die zahlreichen Baustellen so lange hin, dass sich der von Blähungen geplagte Dichter unterwegs auf dem mitgeführten Nachtstuhl erleichtern muss.

Sittengemälde der französischen Metropole

Mit dieser lebhaften, bildgewaltigen Szenerie eröffnet Henning Boëtius seinen Heinrich-Heine-Roman Der weiße Abgrund. Vor uns wird das Panorama der französischen Hauptstadt ausgebreitet, einer Metropole mitten im Umbruch, nicht nur städtebaulich, sondern auch gesellschaftlich. Oder metaphorisch ausgedrückt: »Das dritte Kaiserreich liegt wie eine Glocke über dem stinkenden Käse des Volkes.«

Wie auf einem Tableau erscheinen alle Größen der bourgeoisen Bohème, treffend charakterisiert im Kerzenlicht einer angesagten Soiree: der ekstatische Franz Liszt, die skandalumwitterte George Sand, der zwergenhafte Berlioz. Einst wurde der rebellische Exilant Heine auf dem gesellschaftlichen Parkett herumgereicht »wie ein Gegenstand, der allgemeine Neugier erweckte«. Doch eine unheilbare Krankheit hat ihn mehr als mürbe gemacht. »Körperliches Leiden macht reaktionär. Es fördert höchstens die Kreativität, aber keineswegs die Fähigkeit zu politischen Visionen.« Angesichts der neuen Entwicklung fühlt sich Heine wie ein Fossil, »dessen Reimereien nur noch ein schwaches Echo sind, zurückgeworfen vom Waldrand der Vergangenheit.«

Lebender Leichnam

Heines kümmerliches Dahinvegetieren in der »Matratzengruft« dürfte landläufig genauso bekannt sein wie seine Gedicht Loreley oder Deutschland. Ein Wintermärchen. Henning Boëtius zeichnet ein beeindruckendes Bild der letzten Lebensmonate des Dichters, der seit langem durch anhaltende Multimorbidität zur Bettlägerigkeit gezwungen wird: Kopfschmerzattacken, Lähmungserscheinungen, neurologische Ausfälle, Sehstörungen.

Halb erblindet führt Heine die Bleifeder tastend übers Papier. Mal von Verstopfung, mal von Übelkeit geplagt, erbricht er sich über die Manuskripte. »Ich kotze mein Leben aus«, denkt er und vernichtet die Papiere. Derweil flanieren Freunde und Schaulustige an seinem Bett vorbei, wie ein »Leichenzug, der hinter einem Sarg herläuft. Dabei ist er noch gar nicht tot, aber er scheint für viele so etwas wie ein interessanter lebender Leichnam zu sein«.

Letzte Liebeskomödie

Zu den Verehrerinnen der letzten Monate gehört Elise Krinitz, von Heine liebevoll »Mouche« genannt. Sie inszenieren eine bühnenreife Romanze, ja zelebrieren sie geradezu hysterisch. Schließlich ist Heine »abhängig von der Aufführung dieser kleine Liebeskomödie wie von einem opiumhaltigen Sedativum.« Dass die Krinitz das Sterben des Dichters vollends beschleunigt, mag eine Erfindung von Boëtius sein. Doch letztendlich ranken sich noch immer Legenden um das Leiden Heines. War er an Syphilis erkrankt, an Multiple Sklerose oder gar an einer Bleivergiftung? Dass sich nach seinem Tod Querelen um die nachgelassenen Schriften ergaben, ist jedoch eine verbriefte Tatsache.

Auf weniger als 200 Seiten gelingt es Henning Boëtius, ein eindrückliches Sittenbild der französischen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, verdichtet auf wenige virtuos dargestellte Schlüsselszenen aus Heines letzten Lebensjahren. Gekonnt vermengt Boëtius Verbürgtes mit Erdachtem, mixt Fakten und Fiktion zu einer brillanten Romanbiographie. Als Leser fühlt man sich inmitten eines schlaglichtartig illuminierten Geschehens, bevölkert von ausdrucksvoll charakterisierten Protagonisten. Der titelgebende »weiße Abgrund« entstammt übrigens einem im Vorwort zitierten Brief an Heines Verleger Julius Campe – als allegorisches Synonym für den Tod. Doch der ist vielleicht nur »der letzte Aberglaube«.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Henning Boëtius: Der weiße Abgrund
München: btb 2020
189 Seiten. 18.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Fest gemauert

Nächster Artikel

Eine tierisch sympathische Wohngemeinschaft

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Trauer ist wie ein Schatten

Roman | Peter Zantingh: Nach Mattias

Was macht das Wesen eines Menschen aus? Was bleibt zurück, wenn er nicht mehr da ist? In seinem neuen Roman Nach Mattias nähert sich der niederländische Autor Peter Zantingh leichtfüßig, aus verschiedenen Blickwinkeln und doch auf einfühlsame Weise einem sehr elementaren Thema an. Von INGEBORG JAISER

Blaubart als Gipfelstürmer

Roman | Thomas Glavinic: Das größere Wunder Was sucht ein Mensch am Gipfel des Mount Everest? Eigene Grenzen zu überschreiten, die Natur, sich selbst zu bezwingen? Jedenfalls hat der Held Jonas in Thomas Glavinic neuem Roman Das größere Wunder in seinem Leben alles erreicht, was man sich selbst in den kühnsten Vorstellungen nur zu erträumen wagt. Gleichzeitig hat er die Tiefen menschlicher Existenz durchwandert. Und was nun? – fragt sich auch HUBERT HOLZMANN.

Minnedienst oder Heulen im Wind

Roman | Uwe Timm: Vogelweide Würde man Uwe Timms Helden in seinem neuen Roman Vogelweide einer bestimmten Großwetterlage aussetzen, so doch eher einer, die durch einen fallenden Barometerstand angezeigt wird. Ob sich Eschenbach – so heißt der nicht nur vom Wetter Geplagte – nun dem Tief Bea, Selma oder Anna aussetzt, immer scheint er auch einem femininen Gegenwind zu trotzen. Die Geschichte über einen Steh-auf-Mann der besonderen Art hat HUBERT HOLZMANN gelesen.

Allein gegen die Mafia

Roman | Leonhard F. Seidl: Genagelt Krimiliteratur vom Feinsten: die Endstation für brave Katholiken: Der Erste wird gekreuzigt am Feldrand aufgefunden. Der Zweite baumelt in Halbschuhen erdrosselt vor einer Sitzbank. Die Dritte wird Opfer einer Brandkatastrophe. Der Autor Leonhard F. Seidl kommt in Genagelt einem Serienmörder auf die Schliche. Der Rezensent HUBERT HOLZMANN steht in sicherer, agnostischer Entfernung.

Zynismus statt Hoffnung

Roman │ Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen Die Apokalypse, untergebracht im gesellschaftskritischen Surrealismus der Gegenwart: Der 37-Jährige Heinz Helle hat mit seinem zweiten Roman ›Eigentlich müssten wir tanzen‹ ein Werk geliefert, das schockiert mit seiner trockenen Art und Weise, das brilliert mit seiner ausdrucksstarken Kürze und das zum Nachdenken anregt. Zum Nachdenken über die Gesellschaft, über Werte und über eine neue Art der literarischen Endzeitszenarien. Von TOBIAS KISLING