Fest gemauert

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Fest gemauert

Auf keinen Fall. Der Ausguck erschrak. Nein – er genieße die friedlichen Tage in dieser Lagune.

Das war dem Ausguck anzusehen. Thimbleman lächelte.

Er wußte nicht viel über den Ausguck, außer eben, daß er aus der Stadt stammte, schon als kleines Kind in der Gerberei des Vaters gezwungen war mitzuarbeiten und die erste Gelegenheit nutzte, sich aus dem Elternhaus davonzustehlen. Er hatte es nicht leicht, ein halbes Kind noch, war einige Tage durch die Stadt gestromert, wie man sich eben so durchschlägt, war den Goldgräbern konsequent aus dem Weg gegangen, lungerte am Hafen herum und konnte von Glück reden, auf Scammons ›Boston‹ eine Heuer gefunden zu haben.

So etwas wie diese Fangpause habe er in seinen verwegensten Träumen nicht ahnen können, wußte der Ausguck, woher auch, eine Gesellschaft ist sortiert wie in Stein gemeißelt, hier die Herren, dort die Knechte, übergangslos, undurchlässig, in der Stadt war das nicht zu übersehen, und paradox war, daß dennoch aus allen Teilen der Welt die Menschen ohne Ende herbeiströmten und auf Reichtum hofften, es war grotesk.

Von Erfolg mochte schon reden, wer sich in der Stadt mühsam über Wasser hielt, in den Straßen herrschten bittere Armut, Elend, Trunkenheit, stets dicht am Abgrund die Herumtreiber, die Goldgräber, die Glücksritter, und weithin sichtbar protzte das Gegenteil: noble Herrschaften, elegant ausstaffierte Damen, prächtige Kutschen – zahlenmäßig gering, und desto aufdringlicher der Luxus: das eine Prozent wider die neunundneunzig.

Dem suchte der Ausguck zu entgehen, und es schien beinahe, als leite ihn ein untrüglicher Instinkt, denn auf der ›Boston‹ war von einer starren Hierarchie der Mannschaft wenig zu spüren, der Ausguck sah sich respektiert, das war ein gänzlich neues Gefühl, weshalb, welch gütiges Schicksal hatte ihn auf diesen Walfänger verschlagen, und in der aufgrund der Verletzungen so überraschend angeordneten Fangpause gesellte sich sogar Eldin, der allseits gefürchtete Obermaat der ›Boston‹, zu den Männern, die sich bei einbrechender Dämmerung und subtropischen Temperaturen nach und nach um ihr Lagerfeuer sammelten.

Das Leben in der Stadt war anders, jedermann verteidigte dort seinen Status mit Zähnen und Klauen, es sei denn, man gehörte zu den Landstreichern, den Vagabunden, den Mittellosen, zu einem marginalisierten Lumpenproletariat, da gab es nichts zu verteidigen, und bei den Krösussen vermehrte sich der Reichtum fast ohne eigenes Zutun, sei es durch Spekulantentum, durch Pacht, durch Wucherzins, durch Erbschaft, nein bei den Familien im Luxussegment mußte niemand um seinen Status fürchten, keineswegs, sie waren das eine Prozent, sie zogen die Strippen der Politik und etablierten ihr Vigilantenkomitee, ihre Hängematten waren engmaschig und boten hohen Komfort, niemand machte sich einen Kopf um die Spielregeln, die Verhältnisse reproduzierten sich scheinbar von selbst, hier die Herren, dort die Knechte nach den Maßgaben einer verläßlichen, selbstlernenden künstlichen Intelligenz, sie führte Regie, sie zog die Fäden, der Goldrausch gebar das Maschinenwesen, so möchte man meinen, hundert Prozent.

Das regierende Personal, so würde Gramner sagen, werde laufend ausgewechselt, die Namen würden sich ändern, die Etiketten, doch nicht die Zustände, hatte das nicht bereits vor Jahrhunderten eingesetzt und würde, wenn überhaupt, noch lange kein Ende finden, das Maschinenwesen würde sich austoben auf dem Planeten, unerbittlich, grenzenlos, global, Tod hinterlassend und verbrannte Erde, rette sich wer kann – ein katastrophales Elend, das sich allem Anschein zum Trotz bis zuletzt als Zivilisation zelebrieren würde, fest gemauert, denkmalgeschützt, in triumphierender Pose, in eigens verfaßten Geschichtsbüchern verewigt, und wen möchte es wundern, schloß Gramner erleichtert, daß der Ausguck die Flucht ergriffen habe.

| WOLF SENFF

Fremdtext ›Maschinenwesen‹
»Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen.« J. W. v. Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821/29), III, 13

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Flamme

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Die Tage zu zählen, sei sinnlos. Die Fangpause, hieß es, werde dauern.

Der Ausguck und Thimbleman hockten am Strand, in Sichtweite der ›Boston‹, sie hatten den Nachmittag über landeinwärts Holz gesammelt, morsche Stücke, leicht brennbar. Nun saßen sie davor, ohne daß sie sich gelangweilt hätten, die Zeit verstrich, sahen zu, wie von Osten gemächlich die Dämmerung heraufzog, der Ausguck entzündete das Feuer.

Sanctus und Touste schlenderten von der ›Boston‹ herüber und gesellten sich dazu, die Flamme züngelte, knisternd bildete sich Glut, niemand sprach oder bewegte sich, sie standen im Bann des Feuers.

Thimbleman legte von Zeit zu Zeit einen Scheit nach, darauf bedacht, die Flamme niedrig zu halten, die Temperaturen waren subtropisch mild, es ließ sich aushalten, das rastlose Flackern zog die Blicke auf sich.

Von Engeln

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Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer, die Ojo de Liebre lud ein zu bleiben, der Walfang war eh eine Weile ausgesetzt.

Der Mensch solle sich nicht wichtigtun, sagte Sanctus, er sei ein befristeter Aufenthaltsort, den Engel aufsuchten, um sich zu bewähren, die Menschen würden ihnen anvertraut und durch Höhen und Tiefen begleitet.

Die Männer waren überrascht. Sanctus ergriff selten das Wort, was wußte er über Engel.

Pirelli räusperte sich.

Der Ausguck stand behutsam auf, Engel, Schutzengel gar, das war nicht sein Thema, nach wenigen Schritten verschluckte ihn die Dunkelheit.

Der Ozean rauschte von ferne.

Skurril, sagte Thimbleman.

Pharaonin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Pharaonin

Eine Grabstätte.

Ein Mausoleum.

Größer.

Sie habe es auf mehreren Ebenen anlegen lassen, sagte Ramses II., das sei zwei Jahrhunderte vor seiner Zeit geschehen, noch während der achtzehnten Dynastie, auch Echnaton habe der achtzehnten Dynastie angehört, gewiß, ja, er kenne den Totentempel in Deir el-Bahari, mit ihm habe Hatschepsut eine eigene Tradition der monumentalen Bauten begründet, die Ramessiden, ergänzte er, hätten zwei Jahrhunderte nach ihr regiert, sie gehörten der neunzehnten und der zwanzigsten Dynastie an.

Einwohnen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Einwohnen

Kirchen, Kathedralen, Dome seien zu Hotspots des Tourismus geworden, sagte Tilman, kein Aufenthalt in Paris ohne Notre Dame, kein Rom-Aufenthalt ohne den Petersdom, absolviert in einer Reisegruppe nebst sachkundiger Führung.

Farb kam aus der Küche und schenkte Tee nach, Yin Zhen, die ersten Märztage brachen an, die Temperaturen waren leicht winterlich, doch die Sonne schien, in einem warmen Pullover hätten sie sich beinahe schon auf die Terrasse setzen können.

Anne nahm einen Keks.

Tilman rückte näher an den Couchtisch.

Ohne ihn

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Mittendrin, sagte Farb, wir stecken mittendrin.

Keine Chance, sagte Wette.

Annika schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie immer das Service mit dem Drachendekor aufgedeckt, rostrot, das Tilman aus Beijing mitgebracht hatte, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, diese Wettbewerbe, fand er, seien völkerverbindend, zumal in Zeiten wie diesen, ich komme darauf zurück.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Der Planet balanciere sich neu.