Handlungsreisende in Sachen Tod

Roman | Rainer Wittkamp: Mit aller Macht

Rainer Wittkamps letzter, von ihm selbst nicht mehr vollendeter Roman spielt zwischen 1924 und 1986. Er erzählt von zwei Männern, Vater und Sohn, die sich nie kennengelernt haben, und zwei Systemen, in denen diese Männer Karriere machten. Eine höchst fragwürdige Karriere allerdings, denn Fritz Wernicke diente in der Zeit des Nationalsozialismus als Henker, und Peter Körber, der in der Familie von Wernickes jüngerer Schwester Edith aufwuchs und später adoptiert wurde, steht eines Tages in den 1960er Jahren als Angehöriger der Staatssicherheit der DDR vor dem Dilemma, als Mann einer aus der DDR Geflüchteten entweder für Jahre ins Gefängnis zu gehen oder den ihm zu seiner Rehabilitation angebotenen Scharfrichter-Posten anzunehmen. Zwei Männer, zwei Täter – und ein Buch, das die Frage stellt, über wie viel Freiheit der Mensch in einem totalitären System verfügt. Von DIETMAR JACOBSEN

Fritz Wernicke macht unter Hitler Karriere, sein Sohn Peter Körber als Offizier bei der ostdeutschen Staatssicherheit. Beide haben sich nie kennengelernt, denn als Peter Körber, 1940 geboren und bei Stiefeltern aufgewachsen, nach erfolgreicher Absolvierung der Oberschule und einem glänzenden Abschluss seines Studiums an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft in der Hauptabteilung V des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR zu arbeiten beginnt, ist sein Vater längst tot. Allein er hat als sein Vermächtnis für den Sohn einen Stapel an Tagebüchern hinterlassen. Und die zeichnen den Weg eines ehrgeizigen Mannes mit großen Plänen nach, aus dem am Ende allerdings nicht, wie es seinen Wünschen entsprochen hätte, der stolze Besitzer eines weithin gerühmten Hotels wurde, sondern ein Handlungsreisender in Sachen Tod.

Ein »pfiffiges Kerlchen« setzt sich zu jeder Zeit durch

Ein »pfiffiges Kerlchen aus dem Wedding« ist Peter Körber für den Staatssicherheits-Chef Erich Mielke, seitdem sie sich zum ersten Mal gegenüberstanden. Denn Peter versteht es sogleich, dem Minister nach dem Mund zu reden – »Wer sich gegen unsere Republik, ihre sozialistische Ordnung, unsere Schutz- und Sicherheitsorgane stellt […] darf sich nicht wundern, wenn er wie eine Schmeißfliege zertreten wird.« –, und hat schon bald eine steile Karriere im Stasiapparat vor sich. Als Musik-, vor allem Jazzliebhaber leitet er von dem Zeitpunkt an, als die SED-Funktionäre der Jugend und ihrem Musikgeschmack gegenüber eine liberalere Haltung an den Tag zu legen beginnen, um die jungen Menschen auf ihre Seite zu ziehen, eine Unterabteilung des Mielke-Ministeriums, die sich mit der Bespitzelung der Jazzszene der Republik beschäftigt.

Doch während er sich in dem Irrglauben wiegt, auf ideale Weise sein Hobby mit seinem Beruf verbunden zu haben und für verfolgte Musiker »eine Art Schutzengel« darzustellen, nutzt er seinen Ruf als Musikkenner und seine gute Vernetzung mit Hörfunkleuten und Verantwortlichen in Schallplattenfirmen und Künstleragenturen hauptsächlich dazu, »rasch und unauffällig alle Stellen zu infiltrieren, die in der Republik irgendwie mit Jazz zu tun hatten«. Probleme damit, dass er die ihn schätzenden und ihm vertrauenden Musiker täuscht und von seinen Mitarbeitern Listen von Künstlern anfertigen lässt, die nicht hundertprozentig hinter der Politik der SED stehen, hat er keine. Und wenn er durch lukrative Versprechungen Künstler dazu bewegen kann, in ihrem Bekanntenkreis als Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit Informationen zu sammeln, ja in einem Fall einen bekannten Musiker mit seinen Verhörmethoden sogar in den Suizid treibt, macht er den darauf folgenden nächsten Schritt auf der Karriereleiter ohne auch nur einen Anflug von schlechtem Gewissen zu haben.

Ein Sohn seines Vaters

Allein viel braucht es nicht, um aus dem Überflieger einen Bruchpiloten zu machen. Peter Körbers steile Karriere endet abrupt, als sich seine Frau Dora mithilfe von Prager Freunden in den Westen absetzt. Der jungen Frau, die als erfolgreiche Modegestalterin und bekanntes Model für die Zeitschrift Sibylle tätig ist und bei Auslandsjobs schnell gemerkt hat, wie eng, geistig limitiert und bis ins Private hinein ideologisiert der Alltag in der DDR sein kann, hat Peter immer verschwiegen, womit er sein Geld verdient. Für sie war er stets der einfache Mitarbeiter im Ministerium für Kultur, auch wenn sie sich zunehmend die Frage stellte, woher die ganzen Vergünstigungen – Neubauwohnung und Neuwagen ohne Wartezeiten, ein Wochenendhäuschen mit Bootsanleger am See, teure Urlaube im In- und Ausland – für einen ganz normalen Angestellten kamen. Als ihr Bekannte schließlich die Augen über ihren Mann öffnen, zieht sie die einzig für sie denkbare Konsequenz.

Und Mielke? Aus dem guten Onkel und väterlichen Freund, als der er Peter gegenüber immer  aufgetreten ist, wird über Nacht ein kaltherziger Barbar, der den, welchen er vor Kurzem noch nach Kräften förderte, wüst beschimpft – »Du bist kein Tschekist, du bist ein Verbrecher!« –, für Wochen inhaftieren lässt und schließlich dazu zwingt, in der Strafvollzugseinrichtung Leipzig nicht nur als Stellvertretender Anstaltsleiter, sondern auch als Scharfrichter tätig zu werden. Das Peter damit denselben Weg einschlägt, den sein ihm unbekannter leiblicher Vater Fritz Wernecke einst unter den Nazis beschritt, wird ihm erst richtig klar, als seine linientreuen Stiefeltern ihm die 16 Notizbücher – geführt von 1927 bis 1946 – aushändigen, die dessen Vermächtnis für den Sohn darstellen. Sie machen den Inhalt des zweiten Teils von Wittkamps Roman aus und dokumentieren ein Leben, das zu einer anderen Zeit ähnlich verlief wie das von Peter Körber. Aus den großen Erwartungen, mit denen auch Fritz Wernecke einst angetreten war, machen die Umstände einen Angepassten, der glaubt, Recht zu tun, wenn er tut, was ihm befohlen wird.

Große Erwartungen und der graue Alltag eines Angepassten

Für Peter Körber freilich hält sein neues Leben noch eine letzte Prüfung bereit. Tut er, was man von ihm im Ministerium für Staatssicherheit verlangt, würde er vollends in die Fußstapfen seines Vaters treten. Allein Wittkamps Held unterbricht die verhängnisvolle Traditionslinie, indem er die ihm angebotene Chance, seinen im Westen aufgewachsenen gemeinsamen Sohn mit Dora kennenzulernen, ausschlägt, den Plan, für ihn das eigene Leben auf Tonband zu sprechen, nach kurzem Überlegen aufgibt und auch die Aufzeichnungen seines Vaters vernichtet. Denn endlich soll einer aus der Sippe unbelastet von der Vergangenheit aufwachsen, in einer Welt, in der das Nein-Sagen erlaubt und jeder Mensch in seinen Entscheidungen frei ist.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Rainer Wittkamp: Mit aller Macht
Aus dem Nachlass herausgegeben von Günther Butkus und Alexander Häusser
Bielefeld: Pendragon Verlag 2023
248 Seiten. 18 Euro
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