Prellbock der Einsamkeit

Roman | Arnold Stadler: Rauschzeit

Der Büchner-Preisträger Arnold Stadler ist weder als Vielschreiber noch als zeitgeistorientierter Autor bekannt geworden. Sein neuer Roman ›Rauschzeit‹ in einer Besprechung von PETER MOHR.

Arnold Stadler - RauschzeitIm Gegenteil – die Romane des 62-jährigen Autors gehören zur schwer verdaulichen Kost, eignen sich nicht zum schnellen Verzehr, wollen bezwungen und nicht gelesen werden. »Es war alles einen Tick verrückt bei mir«, bekannte Stadlers Hauptfigur aus dem Roman ›Sehnsucht‹ (2002) durchaus charakteristisch für das Gesamtwerk des Georg-Büchner-Preisträgers von 1999. Im neuen Roman mit dem mehrdeutigen Titel ›Rauschzeit‹ widmet sich Stadler dem Evergreen-Thema »Was ist eigentlich Liebe?« Nicht platt, nicht kitschig, schon gar nicht romantisch, sondern auf eine streng rationale, aber doch bisweilen durchaus humorvolle Art und Weise.

Im Mittelpunkt des neuen Romans ›Rauschzeit‹ stehen Alain, der sich immer ein wenig allein fühlt, und seine Frau Irene, die nur »Mausi« genannt wird. Beide sind um die vierzig Jahre alt, beide arbeiten als Übersetzer und leben im Berliner Stadtteil Schöneberg mit getrennten Schlafzimmern eher neben- als miteinander. Die Entfremdung war offenbar ein schleichender Prozess. »Was ist Glück? Nachher weiß man es«, lautet Stadlers vielsagender Romaneinstieg. In seinem ausschweifenden, mit vielen Rückblenden und Zeitsprüngen angelegten Epos dreht sich fast alles um »vorher« und »nachher«, um Sehnsüchte, um verpasste Lebenschancen und zaghafte, beinahe verschämt wirkende Ausbruchversuche.

Die »Rauschzeit« ist (im doppelten Sinn) vorbei. Rauschzeit wird im Waidmanns Vokabular die Phase zwischen November und Februar genannt, in der sich das Schwarzwild hemmungslos paart. Rauschzeit hieß auch die beste Freundin von Alain und Mausi. Die Fotografin Elida Elfrida Rauschzeit, die bestrebt war, das Unsichtbare ablichten zu wollen, hat vierzigjährig ihrem Leben ein Ende gesetzt, nachdem ihr langjähriger Lebensgefährte Norbert zuvor an Aids gestorben war. Eines der vielen Rätsel, die schon im dem Roman vorangestellten Büchner-Motto »Wir wissen wenig voneinander« avisiert werden.

Erzählerischer Ausgangspunkt ist ein Sommertag im Jahr 2004. Alain ist zu einem Übersetzerkongress nach Köln gereist und dort nach vielen Jahren seiner einstigen Jugendliebe Babette begegnet. Mausi hat sich beinahe zeitgleich bei einem Opernbesuch in den Dänen Jesper »verguckt«. Alain sitzt auf einer Parkbank, seziert beinahe selbstquälerisch sein bisheriges Leben (»Die Erinnerung ist ein Rückspiegelschmerz, ihr Ort heißt: Ich war einmal.«), während Mausi in Berlin weilt und ähnliche Gefühlswallungen durchmacht wie ihr Ehemann.

Alternierend erzählt Stadler aus den Perspektiven von Mausi und Alain, die das Aufblühen längst vergessen geglaubter (oder unterdrückter) sexueller Begierden erleben. Ähnliche Gefühle, wie sie in den Erinnerungen aus der Studentenzeit in Wohngemeinschaften und wilden Jahren mit ausschweifenden Urlauben an der französischen Atlantikküste (die gab es auch schon in Stadlers Roman ›Komm, gehen wir‹, 2007) existierten.

Elfis Selbstmord fungiert als Initialzündung, als vorsichtiger Weckruf, etwas Neues zu probieren. Am Morgen ihrer Beerdigung befindet Alain: »Mein Körper war nicht viel mehr als ein Prellbock meiner Einsamkeit. Möglicherweise mein Leben lang nie zur rechten Zeit glücklich.«

Arnold Stadler schafft es trotz seiner sehr assoziativen Erzählweise, dass man häufig bei einem einzigen, aphoristisch zugespitzten Satz hängen bleibt, ihn wieder und wieder liest und sich an einem einzigen Gedanken abarbeitet, z.B. »die Zukunft war damals meine Sehnsucht, wie nun die Vergangenheit meine Heimat ist«. Die Lektüre dieses sperrigen Romans benötigt viel Zeit, vielleicht sogar das, was man einst Muße nannte.

Liebe, Einsamkeit, Glück, ein wenig Altersmelancholie als latente Hintergrundmusik und tiefsinnige Schlenker zum großen Philosophen Martin Heidegger, der wie Arnold Stadler in der 8000-Seelen-Kleinstadt Meßkirch geboren wurde, prägen die berauschende »Rauschzeit«. Wie sagte Stadler selbst vor Jahren einmal: »Es muss ein Geheimnis haben, damit ein Buch bleibt, was es ist: Im Idealfall etwas Faszinierendes.« Eine wahrlich faszinierende Herausforderung, für gut trainierte Leser eine Art literarischer Gipfelsturm. Wenn man oben ist, die erzählerische Expedition bewältigt hat, öffnet sich ein gigantischer Weitblick.

| PETER MOHR

Titelangaben
Arnold Stadler: Rauschzeit
Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016
548 Seiten, 26.- Euro
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