//

Natur

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Natur

Ob es allein die Industrienationen seien, fragte Farb, die sich aufführten, als ob die Natur ihnen gehören würde.

Schwierig, sagte Tilman, man könne darauf nicht besonders trennscharf antworten, die Industrienationen gelten nun einmal als erfolgreich, sie hätten Wohlstand geschaffen und seien für andere Nationen ein Vorbild, dem nachgeeifert werde.

Ein Irrweg, sagte Farb, damit beschreite der Mensch einen Irrweg, die Industrialisierung habe die Schätze des Planeten hemmungslos geplündert, der Planet sei heruntergewirtschaftet, die Ressourcen seien so gut wie erschöpft.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Tilman rückte näher an den Couchtisch heran und suchte eine schmerzfreie Haltung einzunehmen.

Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf, strich sie auf dem Kuchen sorgfältig glatt und aß ein Stück.

Er überlegte, Tee einzuschenken, Yin Zhen, sein Blick fiel auf das Drachenservice, aus dem sie tranken, rostrot, zierlich, unverwechselbar, man sah dem Drachen an, daß er, wie die Legende zu erzählen weiß, zwei Jahrhunderte lang als eine Schlange gelebt hatte, bevor sie ihre Metamorphose vollzog, das Leben kennt viele Facetten.

So sei ein Gefälle von Reichtum und Wohlstand unter den Nationen entstanden, sagte Tilman, alles unter dem Leitbild von Wachstum und Fortschritt, die jedoch gegenwärtig komplett wegbrächen, der Planet sei ausgeblutet und durch lebensfeindliche Produkte geschädigt, doch niemand nehme Vernunft an, um verbliebene Ressourcen werde erbittert gekämpft.

Wie man sich das vorstellen solle, fragte Farb, daß Vernunft einkehre, das könne er doch selbst nicht glauben, der Mensch müßte sich von Grund auf neu aufstellen, er würde das bestehende Gefälle einebnen müssen und seine Mitmenschen von gleich zu gleich behandeln, unmöglich, wie stelle er sich das vor.

Farb beugte sich vor und nahm eine zweite Pflaumenschnitte.

Annika reichte ihm einen Löffel mit Schlagsahne, die er erneut überaus akribisch glattstrich.

Tilman lächelte. Eine Wirtschaft, die lebensnotwendige Güter verteile, existiere in rudimentärer Form, sagte er, Farb möge an die Tafeln in den Metropolen denken, wo Ware an Bedürftige ausgegeben werde, oder an Krisenregionen, etwa Flüchtlingsgebiete, Erdbebenregionen, von Überflutungen oder von Orkanen heimgesuchte Regionen, in denen Not und Elend herrsche und in denen Lebensmittel und Medikamente verteilt würden, daß man sich fragen müsse, weshalb darüber so zurückhaltend informiert werde und was denn eigentlich die Medien leisteten und ob sie sich nicht doch vorwiegend mit Luxus, Erfolgen und Reichtümern identifizieren würden.

Annika hielt den Vorwurf an die Medien für ungerechtfertigt, man müsse, sagte sie, selbstverständlich zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendeanstalten unterscheiden, sie lägen Welten auseinander.

Es gehe ihm um den Blickwinkel, sagte Tilman, und ob sie die stets so einfühlsame Berichterstattung etwa über Königshäuser oder Balltreter denn mit einer Reportage über Flüchtlingszentren gleichsetzen würde, das sei jedoch, unterbrach er sich, gar nicht das Thema, sondern es gehe ihm um die praktizierten Ansätze einer verteilenden Ökonomie, die nicht an Preis und Gewinn orientiert sei, sondern am unmittelbaren Bedarf der Konsumenten, einem Prinzip, das schon dem antiken Ägypten bekannt gewesen sei, immerhin, dort sei überschüssige Reisernte in großen Speichern gelagert worden, aus denen auch in Zeiten des Mangels die Bevölkerung nach dem jeweiligen Bedarf versorgt werden konnte, und ein wenngleich schwacher Reflex dieses Prinzips lasse sich heute in den Tafeln der Metropolen erkennen.

Und was, fragte Farb, habe all das mit diesem heruntergewirtschafteten Planeten zu tun.

Kapitalismus sei eine über alle Maßen verschwenderische Form der Bewirtschaftung, sagte Tilman, und deshalb müsse, wer vernünftig sein wolle, Mittel und Wege etablieren, um dieser Vergeudung Einhalt zu gebieten, so lange überhaupt noch restliche Ressourcen verfügbar seien, es sei höchste Zeit.

Annika lächelte. Der Rubikon, spottete sie, sei überschritten.

Außerdem, fügte Tilman hinzu, beute der Mensch nicht minder auch sich selbst aus, seine Konstitution sei nicht länger unerschütterlich, sein Immunsystem schwächle, er werde von Seuchen heimgesucht, was noch vorhanden sei an sozialem Zusammenhalt, breche auf, seiner Psyche gehe die Orientierung verloren, all das sei in hohem Maße bedrohlich, viel werde geredet, viel werde gewarnt, doch nichts werde geändert.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von der Ilm an die Havel

Nächster Artikel

Jede Menge Hindernisse

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Das Gesicht eines Rächers

Kurzprosa | Peter Handke: Das zweite Schwert

»Das ist also das Gesicht eines Rächers.« Welch ein Einstieg in diese, als Maigeschichte etikettierte Erzählung Das zweite Schwert. Man kann inzwischen sicher sein: Wo Handke draufsteht, ist auch Handke drin. Von PETER MOHR

Getroffen 

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Getroffen

In der Ojo de Liebre, sagte Sut, ist der Grauwal in Reichweite, die ›Boston‹ liegt geschützt vor Anker, uns bleibt Mühsal erspart. Daß er sich wehren kann, hat unser erster Einsatz bewiesen.

Der Abend war mild, das Meeresrauschen klang aus weiter Ferne, Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Die Männer genossen die Fangpause, der Ausguck schlug einen Salto, sie lachten und applaudierten.

Ob ein Pottwal reichere Erträge liefere, fragte der Rotschopf.

Sein Walrat sei einzig, sagte Sut, in seinen Gedärmen findet ihr Ambra. Doch du stellst ihm weit draußen auf den Ozeanen nach – zwei, drei Jahre in eins auf See, das sei weiß Gott nicht jedermanns Sache.

Auflösung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auflösung

Er sehe sich Irrwegen ausgesetzt, sagte Farb, Sackgassen, täuschenden Abzweigungen, wohin das führe, es würden falsche Fragen gestellt.

Zufall, nein, sagte er, das sei kein Zufall und ebenso wenig ein Anzeichen von Demenz, es würden falsche Fährten gelegt.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Tilman schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Absicht, sagte er, das geschehe mit voller Absicht, die Öffentlichkeit werde auf Glatteis geführt.

Wenn dem Esel zu wohl werde, sagte Tilman, gehe er aufs Eis tanzen.

Annika lächelte. Man wisse sich nicht anders zu helfen, sagte sie.

Kulturrevolutionen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturrevolutionen

Er habe nachgedacht, räumte Farb ein, er sei neugierig geworden und habe sich informiert.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Farb warf einen Blick auf seine Tasse, er war vernarrt in den zierlichen rostroten Drachen, nur den Henkel, der sich im oberen Teil gabelte, fand er unpassend.

Tilman war ungeduldig. Farb hätte sich über Echnaton informiert? Wikipedia als Einstieg zum alten Ägypten?

Desillusioniert, nicht verbittert

Kurzprosa | Helga Schütz: Die Kirschendiebin Helga Schütz, die Anfang Oktober ihren 80. Geburtstag feierte, hat sich seit Jahr und Tag als poetische Dokumentaristin des ostdeutschen Alltags einen Namen gemacht. Äußerst subtil hat sie in ihren Romanen (angefangen mit ›In Annas Namen‹, 1986) darüber hinaus ihre eigene Biografie eingeflochten. An dieser bewährten Konzeption hat die in Niederschlesien geborene und später in der DDR lebende Autorin auch in ihrem aktuellen Erzählwerk ›Die Kirschendiebin‹ festgehalten. Von PETER MOHR