Cale-Raunacht

in Kurzprosa/Prosa

Kurzprosa | Tina Karolina Stauner: Cale-Raunacht

Die Zuhörer im Quasimodo noch in Gesprächslaune. Small Talk und Namedropping. Jemand sagt: »Calexico und Simple Minds haben gerade eine neue CD raus.« Eine Frau, die sich ganz an den Bühnenrand drängt, schreit jemandem nach hinten zu: »Von John Cale haben wir doch auch eine CD, oder?«

»A blackened shroud
A hand-me-down gown
Of rags and silks, a costume
Fit for one who sits and cries
For all tomorrow’s parties«
(aus ›For All Tomorrow’s Parties‹, Nico)


Nico – ›Camera Obscura‹

Im Raum dröhnender Sound Carpet einer Bratsche, spielt Cale neuerdings immer zu Konzertanfang aus dem Off ein. Es dauert, bis er mit der Band auf die Bühne kommt. Erste Nummer ist ›Venus in Furs‹. Cale allein mit seiner Viola und ein allseits bekannter Klassiker. Sie ganz vorne im Zuschauerraum, um direkt aus der Nähe zu beobachten. In der Unmittelbarkeit klassischer Rockkonzertatmosphäre. Sie mag diesmal sofort den Gitarristen nicht. Mit seinen Soli, die zu jedem Beau in einer Mainstreamband passen würden. Es scheint zunehmend so, als kriege der Set straighter Rockmusik immer mehr Cale und nicht Cale den Set. Sie beginnt dabei mehrmals mit ihrem Blick den roten Vorhang zu fixieren im Bühnenhintergrund, der aussieht wie in einem kleinen Theater mit Varietéstoff. Ihre Wahrnehmung bekommt eine zweite Ebene. Sie lässt die Musik auf sich wirken und gleichzeitig wird sie torpediert von einzelnen aus dem Kontext gerissenen Sätzen. Der Satz »It’s just a waste of time« bohrt sich völlig aus dem Zusammenhang ins Hirn. Und sie ergänzt schweigend mit den Worten: »Zeitverschwendung in einem Rockkonzert« Sie entwickle dabei eine Aversion gegen die Leute im Zuschauerraum. Ein Publikum wie irgendwo. »Das hier ist doch Berlin«, denkt sie und Hass kriecht in ihr hoch. Nicht jedoch auf Cale, von dem sie Songs aus ›Black Acetate‹ will. Ein Album, das ihr als wichtiges Statement gefällt. Cales Rezeption und Verhalten scheint mit dubioser Ebene. Zwei junge Frauen vor der Bühne werden von ihm wütend angesprochen, die sich dann demonstrativ verziehen.

Aus dem Hintergrund springen unvermutet zwei exzentrisch anmutende Tänzer vor die Bühne. Wirken exakt wie direkt aus Spät-70er-Jahre-Tagen der Zeit von David Bowie in Berlin hereingebeamt und sehen mit ihren affektierten Bewegungen seltsam aus. Verschwinden nach einem Song wieder. Cale wirkt irritiert in dieser anachronistischen Szene. Und sie lacht amüsiert. Später funktioniert der Song ›Perfect‹ nur halbwegs. Cale wirkt dabei brüchig. Und sie versteht nicht, wieso er nun ›Hallelujah‹ performt. Nichts scheint weniger in die Stimmung zu passen als das. Sie sieht ihn dabei aus der Nähe an. Er bemerkt den Blick und beobachtet sie schräg aus den Augenwinkeln. Sie driftet neben der Ebene Rockkonzert in ein analytisches Denken. Treibt in eine merkwürdige Dichotomie aus Sprache und Bildern. Bei den Songfragment-Worten »green room« ist es dann, als geriete sie wie vor vielen Jahren in den visualisierten grünen Raum, den ihr jemand unvermutet angeboten hatte, um sie umzubringen. Bevor sie »Nein« sagte und wegging. Ihr Blick ist gesenkt und alles, was sie wahrnimmt, ist eine grüne Vision. Dieser grüne Raum aus der Vergangenheit scheint da zu sein und sie zu verschlingen. Picassogrün. Bevor sie sich in den Hintergrund des Clubs zurückzieht. Bei dem Wort »heaven« kreuzt sich im Dunkeln ihr Blick quer mit dem von Cale, sodass ein imaginäres schwarzes X aus zwei Blicken entsteht. Etwas erinnert sie dabei an die Rasierklingenfrequenz in Bunuels ›Ein andalusischer Hund‹. Schließt die Augen, umgeben von Schwärze. Cale in Berlin also, wie er gerade mal halbwegs seinen Gig im Griff hat.


David Bowie – ›The Angels Have Gone‹

Geradezu elitär war verglichen damit die Atmosphäre des Münchner Konzerts nur kurz zuvor gewesen. Cale hatte mit Bratschen-Soundtrack als backing die Bühne geentert. Präzise vom ersten Moment an die Show bestimmend. Ging in eine Dramaturgie, die bis ins Detail stimmig wirkte. Spielte mit jeder Situation, Von dem Moment an, als er über die Bühne spazierte, und vor sich hinsagte: »Nice to see you, Babe.« Und hinter ihr darauf jemand sagte: »Das sagt er ins Blaue.« Er dann wie suchend seinen Blick durch die ganze Halle schweifen lassend. Sie sahen sich auf einmal einen Moment direkt in die Augen. Dabei beobachtete sie eher aus dem Hintergrund. In der Coolness dieses Abends. Cale’s E-Gitarre unendlich lang in Extremen von Dissonanzen, bevor er in einen Akustikpart wechselte, der alles harmonisch zusammenhielt. Mit ›Set me free‹ als Highlight im Timing eines inszenierten Spannungsbogens. Der ›Heartbreak Hotel‹ als Zugabe hatte. Noch einmal sein Blick und blaues Scheinwerferlicht, Er brach die Show mitten im Song ab. Verließ die Bühne. Sie erinnert sich minutiös an jede seiner Körperbewegungen. Bevor die Band instrumental beendete. Er war Christa’s Freund. The other hand Nico’s lover. Oder war es umgekehrt. In den Jahren von Velvet Underground. Jedenfalls irgendwie wie anklicken von ›Demon Seed‹ von Doug Seegers. Screen.

Sie hatte noch ein Beck’s getrunken. Und war weggegangen. Erst zu Hause hatte sie gedachte: »Ich hätte einfach nach dem Konzert ein paar Worte über »Black Acetate« mit ihm sprechen können.« Wochen später in der Berlin-Show dann war sie nach dem Konzert an der Theke gestanden. Vor ihr Cales Bandmusiker Autogramme schreibend. Einige Fans warteten am Bühnenrand. Ein Fan stiefelte mit einem Zettel in der Hand nach hinten über die Bühne. Sie stellte ihr ausgetrunkenes Glas auf den Tresen. Zerknüllte den Strohhalm des Drinks zwischen ihren Fingern. Warf ihn in das Glas. Nur einige Schritte entfernt die Tür irgendwo nach Backstage, auf die ihr Blick gerichtet war. Ein Typ in grauem Anzug, schätzungsweise etablierter Journalist, sah sie an und wies dabei auf diese Tür. Sie stand da, fragte schließlich den Barkeeper nach einem Espresso. Den man um diese Zeit nicht mehr bekam. Und verließ den Raum durch eine andere Tür ins Freie, ohne nochmal die Backstagetür zu beachten. Trank im Café ein Stockwerk höher Weißwein. Das Notizbuch aufgeschlagen auf dem Tisch. Kein Wort notierend blickte sie in irgendeine nicht existierende Ferne. Vorbei an einem Cale-Plakat an der Eingangstür. Die Bedienung begann, die Stühle auf die verlassenen Tische zu stellen. Nur noch vereinzelte Gäste an der Bar. Ihr blieb noch das Café zu verlassen. Nachdem sie eine nächtlich einsam in einem Café sitzende Person dargestellt hatte. Draußen vor der Tür brach Kälte in sie ein. Sie nahm noch spätabendliche Passanten wahr und Eiskristalle. Im Gesicht schmelzende Schneeflocken. Irgendwo in einer Bar stehen würde jetzt auch nichts bringen. Nur noch Frost und Leere statt Gedanken. Und ein Hotel erreichen. Sie sperrte sich ins Zimmer. Legte sich auf’s Bett und hatte das fahle Licht der Deckenlampe in den Augen. Stunden später blickte sie beim Aufwachen wieder mitten in das grelle, nackte Glühbirnenlicht. Sie schob am Fenster dicke Vorhänge zur Seite, draußen schleichendes Morgengrauen in einem tristen Hinterhof. Der Tag wirkte wie ein Vakuum.

Sie nahm ihr Notizbuch, das sie nachts noch in der Hand gehabt und auf den Nachttisch gelegt hatte, schlug es auf und da stand der Satz: »It’s just a waste of time«. Und das in apathischer Frühstücksstimmung mit dem Versuch an gar nichts zu denken. Beim Spaziergang später nachmittags durch einige elitäre Galerien in Wilmersdorf geriet sie in einer Ausstellung fast gezwungenermaßen in ein Gespräch über konkrete Kunst, Minimalismus und das minutiöse der Arbeit an Mustern. Sie fragte sich, ob der handwerkliche Aspekt dieser Malerei als eine stupide Tätigkeit zu sehen sein könnte oder, ob es um meditative Qualität ging. Schwieg über ihre Antwort. In der Galerie Camerawork dann der Wechsel zu edler Erotik-Atmosphäre in Guido Argentinis Bildern »Privaterooms« mit schönen Models, Großformat und Hochglanz auf passabel-perfektem Mainstreamniveau. Sie blätterte in ausliegenden Fotobüchern. Geriet unvermutet an eine John Cale Porträtaufnahme von Anton Corbijn aus dem London des Jahres 1983. Cale, wie er mit riesig geweiteten, fast irren Augen in düsterer Atmosphäre direkt in die Kamera blickt. Sie starrte lange auf das Foto. Inmitten einer designten Welt dieser Erotikfotografieausstellung. Legte schließlich das Buch mit dem Bild aus einer anderen Zeit weg und ging.

Abends stieg sie in den Nachtzug nach München. Lehnte sich ans Fenster. Ließ die Lichter Berlins an sich vorüberziehen. Dann fuhr der Zug ins Dunkle. Sie schlief ein. Wachte nach Stunden auf in die weiße aufgehende Sonnenscheibe blickend, die einen dicken gelben Rand hatte und direkt auf der Horizontlinie stand. Ein weißer Schleier aus Gefrorenem und Nebel lag über der Landschaft. Es war, als schwämme sie wie auf einem undefinierbaren Gefühl endloser Emotionslosigkeit. Sie holte einen Pappbecher Kaffee im Zugbistro. Und begann, an einer Rezension zu schreiben. Erwägte demnächst mal wieder in ein Konzert von Tom Waits zu schauen.


John Cale – ›Damn Life‹

Titelangaben
Cale Raunacht, 2008/19
aus ›Short Stories‹ / ›For Four Decades‹ (2008 -2019), Tina Karolina Stauner
Music For a New Society/M:Fans -John Cale
Domino Records / Goodtogo, 2016)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise.

Zuletzt erschienen in Kurzprosa

Goldrausch

Ankommen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ankommen Er sei nicht angekommen im Leben, behauptet
TITEL Textfeld

Rückbau

Textfeld | Wolf Senff: Rückbau Der Leitgedanke der neuen Zeit, sagt Gramner,
Japanese Archer

Kyudo-Texte

Textfeld | Wolf Senff: Kyudo-Texte. Eine Affaire der Schülcke Tesch fühlte sich
Vulkan

Tambora

Textfeld | Wolf Senff: Tambora Nein, nicht ich, sagte der Ausguck, ich
Arche Literaturkalender 2019

Lesen und Leben

Kurzprosa | Arche Literaturkalender 2019 Auch in diesem Jahr vereint der alljährlich
Gehe nach oben