//

Auf Fang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auf Fang

Sie waren bei Tagesanbruch in die Lagune aufgebrochen, in zwei Schaluppen, Pirelli und Mahorner im Bug, Eldin hatte mit der ersten Harpune getroffen, es wurde ein erbitterter Kampf, die übliche blutrünstige Routine, der Ausguck würde sich an derartige Bilder gewöhnen.

Endlich wieder, wie viele Tage hatten sie ausgesetzt, auch in der zweiten Schaluppe brachten sie einen Wal zur Strecke, Pirelli als Harpunier, der Jubel war riesig, sie fühlten sich auf der Sonnenseite des Lebens, der Tag stand unter einem guten Stern, sie schleppten die Kadaver zum Brennofen, damit die Besatzung der Marin das Flensen und Auskochen begann, und ruderten wieder hinaus auf die Lagune, doch es war später Nachmittag geworden, Eldin kommandierte sie zurück zur Boston, Walfang ist harte Arbeit, und während die Dämmerung anbrach, fanden sie sich am Strand ein, als ob es selbstverständlich geworden wäre, Thimbleman schwamm einige Züge, der Ausguck schlug Salto, Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer, Touste spielte Akkorde an, von fern rauschte der Ozean.

Sie waren abgekämpft, aber zufrieden.

Stille tat ihnen gut.

LaBelle wärmte sich an der Hitze des Feuers und starrte in die Flammen.

Jeder hing eigenen Gedanken nach.

Indien, Pakistan und Bangladesch werden derzeit von Wetterkatastrophen heimgesucht. Seit zwei Monaten erlebt der Subkontinent eine Hitzewelle mit Maximaltemperaturen bis nahe an fünfzig Grad Celsius.

Ob er schwimmen lernen solle, überlegte der Ausguck, gähnte und streckte sich lang aus, Thimbleman hatte ihm das angeboten, die Ojo de Liebre hatte keinen Wellengang und es reizte, sich in demselben Element zu bewegen wie der Grauwal, nein, Angst hatte er nicht, es war Neugierde, sicher, ein Abenteuer, weshalb also nicht.

Derzeit sind mehr als eine Milliarde Menschen von der enormen Hitze betroffen, die Sterblichkeit aufgrund von Hitze hat seit 1980 um mehr als sechzig Prozent zugenommen.

Er fragte sich, was wohl Eldin beschäftigen mochte, Eldin wirkte entspannt, schon seit einigen Tagen, der Schmerz in der Schulter plagte ihn nicht länger, er war froh, wieder auf Fang zu gehen.

Eldin hatte die Abläufe im Griff, er war die rechte Hand des Kommandeurs, manchmal grob im Ton, aber gerecht, dem Ausguck behagte die Atmosphäre auf der Boston, er hatte über Walfänger Schlimmes gehört, Ärger werde zuallererst an den Jüngsten ausgelassen, und wer sich nicht wehren könnne, werde eben malträtiert, da gelte das Recht des Stärkeren, doch – der Ausguck wußte nicht wie – der Respekt, den Eldin genoß, schien hier auf jeden Einzelnen abzufärben.

Ihm sollte das recht sein, sagte er sich.

Und dennoch war es ungewöhnlich. Niemand, dem Eldin zum erstenmal begegnete, hielte ihn für eine Respektsperson, hager wie er aussah, ein traurig eingefallener Brustkorb, die Schultern nach vorn geneigt, Arme wie Beine spindeldünn, als wären sie kraftlos, ein physisches Wrack, unansehnlich, von so einem Kerl mochte man nichts erwarten.

Einzig die Stimme zeugte vom Gegenteil, wie war das möglich, Heiliger Himmel, all die Kraft, die sich im äußeren Anschein nicht auffinden ließ, trat zutage, sobald er nur seine Stimme erhob, zumeist in einem weichen Bariton, der die Seelen streichelte, der aber, denn Eldin konnte auch anders, in einen messerscharfen Klang wechselte und keinen Widerspruch duldete, so einer war Eldin, eine schillernde Figur, unvergleichlich.

Scammon, der über seinen Aufzeichnungen brütete und sich an Deck selten sehen ließ, konnte sich jedenfalls glücklich schätzen, einen Ersten wie Eldin unter Heuer zu haben, der Ausguck wußte, daß es nicht ihre erste gemeinsame Fahrt war, sie vertrauten einander, sie hatten in der Stadt viel Geheimnis um ihr Reiseziel inszeniert und Begehrlichkeiten geweckt, hatten noch vorgegeben, ebenfalls zu den südlichen Lagunen zu segeln, und dennoch wollten sie einige Tage nach den anderen Walfängern aufbrechen, was deren Argwohn nährte, nein, auch der Ausguck kannte das Reiseziel nicht, und in den Spelunken wurde gerätselt, es hieß sie würden nördlicher gelegene Lagunen aufsuchen, gleich neben der Hafeneinfahrt sozusagen, die den konkurrierenden Walfängern unbekannt seien und eben deshalb reiche und schnelle Beute versprächen, man müsse dort mit niemandem teilen.

Er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, weshalb auch, ihn drängte es hinaus aus dieser schrecklich hysterischen Stadt, wer möchte das ertragen, die Menschen nahmen überhand, wohin der Blick fällt, stößt du auf Haß, Neid und Mißgunst, er hatte sich Thimbleman angeschlossen, Scammon hielten sie für eine ehrliche Haut, zu zweit hatten sie sich stark gefühlt und angeheuert.

Die Mannschaft? Er war’s zufrieden, nur mit Crockeye stand er anfangs auf Kriegsfuß, Crockeye hielt einen Ausguck beim Lagunenwalfang für entbehrlich, aber sei’s drum, er empfand die Mannschaft in den ersten Tagen als eine bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft aus nahen wie fernen Gegenden, eine Gemeinschaft immerhin, auf See war jeder auf jeden angewiesen, und man respektierte einander, Termoth, der Navajo, der die gerühmten Sandbilder schuf, regierte die Schwarzen auf der Marin, die Dinge schienen eine ausgeklügelte Ordnung zu haben, es machte Sinn, auch Termoth fuhr nicht zum erstenmal unter Scammon zur See, es existierten etablierte Strukturen, niemand mußte fürchten, am Ende mit leeren Händen dazustehen, und je mehr Tage vergingen, desto besser fühlte sich der Ausguck aufgehoben, wie war das möglich, hatten die Walfänger doch einen ausnahmslos schlechten Ruf, und nein, er mußte nicht alles verstehen.

Er lächelte.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Thimbleman schwamm einige Züge.

Sanctus standen Tränen in den Augen.

Crockeye hatte sich den Fuß verstaucht, nichts Ernstes.

Gramner legte die Stirn in Falten.

Laut einem Bericht aus dem Bundesstaat Gujarat im Westen des Landes fielen dort in den zurückliegenden Wochen viele Vögel dehydriert vom Himmel, da sie nirgends einen Tropfen zu trinken fanden.

Am Essen war selten etwas auszusetzen, Fisch, den sie in der Lagune fingen, war oft auf dem Mittagstisch, der Ausguck fühlte sich gut versorgt, Gramner war eine Instanz, sein Wort hatte Gewicht, er war ein umgänglicher Koch, auf den die Männer hörten, Fels in der Brandung.

Das war eine kleine, feine Führungscrew, zu der er noch Sut hinzurechnete, einen glänzenden Erzähler und eine regionale Berühmtheit, wohlgelitten in den Spelunken der Barbary Row, für seine Geschichten gleichermaßen geschätzt bei den Goldgräbern wie den Walfängern.

Alles in allem blieb es still an diesem Abend um das lodernde Feuer.

Der Ausguck stand auf und löste sich in die Dunkelheit auf, die Männer vernahmen seine üblichen Schritte Anlauf und das Geräusch vom Salto.

| WOLF SENFF

[Die Fremdtexte sind der Frankfurter Rundschau vom 24. Mai 22 entnommen.]

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Nur im Kopf gibt es keine Grenzen

Nächster Artikel

Mit Spazierstock und Schnür-Stiefelchen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Christoph Heins aktuelles Buch »Vor der Zeit« erzählt alte Mythen neu

Kurzprosa | Christoph Hein: Vor der Zeit. Korrekturenx Mythen sind versprachlichte Menschheitserfahrungen. Jede Kultur besitzt die ihren. In poetischer Form geben sie Auskunft über das Woher und Wohin einer Gesellschaft. Christoph Hein hat sich nun 25 dieser Erzählungen vorgenommen und sie mit kleinen Korrekturen versehen. Und augenblicklich wird evident: Auch uns haben Zeus und Hera, Helena und Dionysos, Eros und Echo noch einiges zu sagen. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Dilettantismus

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Dilettantismus

Farb hatte sich nie zum Ziel gesetzt, ein Spezialist zu werden, ein Experte, schon beim jugendlichen Fußballspiel, von dem er erzählte, war er variabel einsetzbar, im Tor habe er eine passable Leistung gezeigt, defensiv habe er seinen Mann gestanden, er habe strategisches Talent bewiesen. In einer Gesellschaft, die Höchstleistung verlangt, in der die Spezialisten gefragt sind und kompromißloses Zupacken als Leitbild propagiert wird, sagte Tilman, habe einer wie er grottenschlechte Karten.

Wenn der Sprachlehrer zur Spitzhacke greift

Kurzprosa | Javier Marias: Keine Liebe mehr »Je älter ich werde, desto weniger Gewissheiten habe ich«, erklärte der spanische Schriftsteller Javier Marías kürzlich in einem Interview. Vor ziemlich genau zwanzig Jahren war er nach Erscheinen der Übersetzung seines Romans ›Mein Herz so weiß‹ von Marcel Reich-Ranicki im »Literarischen Quartett« des ZDF für den deutschen Sprachraum entdeckt worden. Von PETER MOHR PDF erstellen

Edens verschlossene Tür

Kurzprosa | Cornelia Schleime: Das Paradies kann warten Cornelia Schleime hat mit ›Das Paradies kann warten‹ ihren ersten Erzählband veröffentlicht. Als wunderbare Künstlerin ist sie schon lange bekannt, so schmücken ihre zarten, ätherischen und doch oft verletzend direkten Bilder auch die Erzählungen. In einer Mischung aus entrückter Verträumtheit und Bauarbeiterjargon schreibt sie vom Reisen, Kopulieren, Verlieren und Selbstfinden. VIOLA STOCKER ging ein Stück mit ihr. PDF erstellen

Ramses IX

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ramses IX

Ramses lächelte. Es war abenteuerlich, sich in fremden Gegenden und Kulturen umzutun und einen Eindruck von den Menschen zu gewinnen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft ist hochentwickelt, überlegte er, extrem leistungsbezogen und bestehe doch erst seit zwei Jahrhunderten. Unzählige Menschen lebten auf dem Planeten, und für sie müsse gesorgt werden, da nehme die Verteilung urwüchsige Züge an, das werde man verstehen.