//

Tun oder lassen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tun oder lassen

Die Zusammenhänge, sagte Tilman, sie seien verständlich, ohne daß ein weiterer Rat seitens der Wissenschaft erforderlich sei, keine Ambition auf einen Nobelpreis, nein, null, die Dinge lägen auf der Hand, es  müsse keine Denkfabrik beauftragt werden, zeitraubende Analysen zu unterbreiten.

Er rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Das Gohliser Schlößchen spreizte sich sanft im Glanz der Nachmittagssonne.

Die Botschaft des Planeten sei unmißverständlich.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Sie werde jedoch seitens der medialen Öffentlichkeit begrenzt wahrgenommen.

Farb lächelte. Diese Botschaft, sagte er, sie werde gedreht, verkürzt, beschnitten, so wie es jeweils opportun sei, nein, als ernsthaft könne das niemand bezeichnen, dazu werde, sagte er, ein gewaltiges Bohei angezettelt, um Verwirrung zu stiften, viel Getöse, maximal Lärm um nichts, und der nächste Aufreger sei bereits in Szene gesetzt, das seien halt die medialen Abläufe, Expertise werde angefordert, Meinungen pro und kontra würden angehört, ein atemberaubender Ritt durch die Schlagzeilen, und was eben noch brandaktuell gewesen sei, sei im Handumdrehen vergessen.

Eine einfache, unzweideutige Botschaft drohe zerredet, im vielstimmigen Geschwätz übertönt zu werden, sagte Tilman, der Planet meine es ernst, doch werde das offensichtlich vom Menschen nicht verstanden, der im Begriff sei, den Planeten als ein gemeinsames Haus zu etablieren mit einer luxuriös ausgestatteten Beletage, mit düsteren, ärmlichen Kellern, unbeheizt, mit Dachterrasse, mit Lampions zur Gartenparty, mit beispielloser Vielfalt des Lebens, der Mensch okkupiere Territorien, verteidige verbissen seine Besitzstände, er stürze sich Hals über Kopf in Vergnügen, Spaß, Gelächter, gute Laune, er genieße die Vorzüge, bediene sich der Früchte des Planeten.

Nichts sei umsonst, sagte Farb.

Annika lächelte. Das, sagte sie, sei das Problem, er unterliege, grob gesagt, seiner hemmungslosen Raffgier, verlange Spaß und gute Laune um alles in der Welt und, eine unerwünschte Prise Tragik, nehme nicht einmal Rücksicht auf sich selber.

Sein physisches Wohlergehen betreffend, ergänzte Farb, und ebenso seine materielle Situation, es gebe Armut und Obdachlosigkeit, und er drohe sich zugrunde zu richten über seiner grenzenlosen Sucht, daß er bloß nichts versäume.

Das scheine ihn wenig zu kümmern, sagte Annika.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm die Schlagsahne, die zierliche Schale war an den Rändern durchbrochen und mit einem Rosenmotiv geschmückt.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Farb verteilte einen Löffel Schlagsahne auf seinem Kuchen und strich sie sorgfältig glatt, während sie, der Kuchen war noch warm, an den Rändern bereits zerlief.

In Zeiten existenzieller Krise, sagte er, seien viele Millionen Menschen entwurzelt worden, ihrer Heimat beraubt, sie vagabundierten über den Planeten, und erneut brächen Kriege aus, indes eine privilegierte Minderheit sich in trügerischer Sicherheit wiege, nein, diese Zustände seien nicht erträglich, ultimativ, der Planet sei in Aufruhr, weshalb, Mutter Erde werfe den Handschuh, sie ziehe eine rote Linie, das sei die Botschaft.

In höchster Not, sagte Tilman, sie habe lange genug zugesehen, nun beginne sie aufzuräumen, den Stall des Augias auszumisten, der Planet sei verdreckt, heruntergewirtschaftet, seine natürliche Balance sei gestört, er müsse kräftig gelüftet werden, ausgeschüttelt, gründlich durchgespült, seine Abläufe drohten an allen Ecken und Enden zu kollabieren, und nein, Spaßgesellschaft adieu, die Lage sei ernst, für gute Laune kein Anlaß, nicht im geringsten, der Planet sei kein Spielzeug, der Mensch habe sich instrumentalisieren lassen, er müsse sich nun der Wunden annehmen, die er dem Planeten geschlagen habe, seine Suppe auslöffeln, seine jeweils neuesten Technologien, sein Fracking, seine Seltenen Erden, und wie lächerlich sie sei, seine Künstliche Intelligenz, es müsse mit all dem ein Ende haben, Rückbau sei geboten, so simpel sei sie, die Botschaft, es würden Verwerfungen auftreten, ohne jeden Zweifel, weitreichende Brüche, der Planet sei niemandes Kolonie und, darauf sei Verlaß, er werde sich aller Fesseln und Zwänge entledigen.

Tilman nahm ein Vanillekipferl, sie hatten seit einigen Monaten an Geschmack verloren.

Gaia, Mutter Erde, sagte er und lächelte, habe ihren Feldzug gegen die titanischen Mächte eingeleitet, sie habe sich viel Zeit gelassen, ihren Kampf gegen das überhandnehmende Maschinenwesen, und nein, Hagel und Granaten, sie werde für nichts garantieren.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Berührend und doch weit weg

Nächster Artikel

Ein Wintermärchen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Ein Schauspieler ohne Zuschauer

Roman | Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit »Man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben«, verkündet Ramon, eine der Hauptfiguren in Milan Kunderas neuem Roman ›Das Fest der Bedeutungslosigkeit‹ – das erste größere Erzählwerk des 1929 in Brünn geborenen und seit den 1970er Jahren in Frankreich lebenden Autors seit 2001. Damals hatte sich Kundera in ›Die Unwissenheit‹ noch mit seinem eigenen Schwellendasein zwischen den Kulturen beschäftigt, hatte seine Figuren Irena und Josef mehr aus Neugierde denn aus echtem Heimweg nach langer Zeit von Frankreich nach Prag zurückgeschickt. Von Peter Mohr

Leben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leben

Ob der Planet lebendig sei, sagte Farb, das wüßte er gern.

Eine spannende Frage, sagte Anne, hielt ihre Tasse in der Hand und blickte nachdenklich auf den zierlichen lindgrünen Drachen, sie war fasziniert, allein was ihr mißfiel, war die gegabelte obere Verankerung des Henkels, es gab gefälliger geformte Tassen, sie erinnerte sich an Mon Ami von Roerstrand, doch was wäre ohne Fehl und Tadel, sie schenkte Tee ein, sie warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Selbstverständlich, führte sie fort, auf ihm gediehen Pflanzen, er biete dem Getier eine Heimstatt.

Das sei nicht seine Frage gewesen, erinnerte Farb, sondern er habe wissen wollen, ob der Planet lebendig sei, ja, gewiß, er nickte bekräftigend, dieser Planet.

Desillusioniert, nicht verbittert

Kurzprosa | Helga Schütz: Die Kirschendiebin Helga Schütz, die Anfang Oktober ihren 80. Geburtstag feierte, hat sich seit Jahr und Tag als poetische Dokumentaristin des ostdeutschen Alltags einen Namen gemacht. Äußerst subtil hat sie in ihren Romanen (angefangen mit ›In Annas Namen‹, 1986) darüber hinaus ihre eigene Biografie eingeflochten. An dieser bewährten Konzeption hat die in Niederschlesien geborene und später in der DDR lebende Autorin auch in ihrem aktuellen Erzählwerk ›Die Kirschendiebin‹ festgehalten. Von PETER MOHR

Den Atem verschlagen

Kurzprosa | Armin T. Wegner: Der Knabe Hüssein und andere Erzählungen Die Vergessenen dem Vergessen zu entreißen, das war das erklärte Ziel von Volker Weidermann mit seinem Buch der verbrannten Bücher. Es wurde vor fünf Jahren schnell zum Bestseller und rief Namen ins kollektive Gedächtnis zurück, die von den Nazis im Mai 1933 ein für alle Mal aus der Erinnerung ausgelöscht werden sollten. Und für eine sehr lange Zeit tatsächlich auch wurden. Unter den über hundert Autoren, die der Feuilletonchef der FAS damals porträtierte, war auch Armin T. Wegner, einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Weimarer Republik. Seine Erzählungen Der Knabe

Gedenken

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gedenken

Höchste Zeit, sagte Anne, höchste Zeit auch für eine feministische Kultur des Gedenkens.

Tilman beugte sich vor.

Unser Blick auf die Gegebenheiten hat zu wenig Struktur, sagte Anne, wir gedenken der Opfer des Terrorismus, der Opfer der Mafia, der Opfer von chemischen Waffen, der Opfer von Flucht und Vertreibung, wir etablieren einen Olympia-Tag, einen Tag des Jazz, einen Europa-Tag, das alles ist wichtig nebst vielem darüber hinaus.

Tilman schenkte Tee nach.

Doch bleiben diese Themen nicht letztlich beliebig?, fragte Anne.

Er stellte die Teekanne zurück auf das schlicht weiße, zierliche Stövchen.

Und? Was fehlt?, fragte er.