Berührend und doch weit weg

Sachbuch | Andrea Gjestvang: Lofoten

Irgendwo ganz da oben, im hohen Norden Europas, da liegen sie, die Lofoten, 200 Km nördlich des Polarkreises, sehr weit weg. Und von sehr weit oben betrachtet ähnelt die Inselgruppe einem Luchsfuß (altnordisch Lofotr), daher rührt auch der Name. BARBARA WEGMANN hat sich auf die abenteuerliche Reise gemacht.

Eine Bergkette am Meer, die von der Abendsonne angestrahlt wird.Auf die weite Reise in einem Bildband, der mich derart fasziniert hat, dass ich diese Inselgruppe, 80 Inseln an der Zahl, die vor 6000 Jahren schon bevölkert wurden, als nächstes Reiseziel auserkoren habe. Zurzeit bekomme ich via Internet die faszinierendsten Bilder der gewaltigen Polarlichter, so beeindruckend, farbenprächtig, geheimnisvoll, geradezu außerirdisch.
»Fast am Ende, kurz vor dem Nordkap, ragt eine Inselgruppe in den wilden Nordatlantik. Doch so wild ist dieser gar nicht, denn vom wärmenden Golfstrom umspült, ermöglicht er ein Bad im Somme und im Winter eisfreie Häfen und Fjorde.«

Ein Reiseland quer durch das ganze Jahr also. Und jetzt, gerade im Winter, da kommen sie: die Kabeljauschwärme. Zu dieser Zeit laicht der Fisch vor den Lofoten, ein Reichtum, von dem die Menschen der Inseln lebten und leben. »Ab dem neunten Jahrhundert entdeckten die Insulaner eine geniale Konservierungsmethode. Über Monate in der Seeluft getrocknet, war der Winterkabeljau dann Jahre haltbar.« Es war ein unglaublicher wirtschaftlicher Aufschwung für diese Inseln, auf denen heute insgesamt etwa 24000 Menschen leben. Expeditionen wurden vor Jahrhunderten möglich mit dieser lang haltbaren Verpflegung, dieser ‚ersten Fischkonserve, nur ohne Dose‘. Eine Verpflegung, die übrigens auch den Vitamingehalt nicht etwa verlor beim Dörren. Die Inseln wurden für diesen Aufschwung nahezu entwaldet, denn Baustoff für Hütten und Lagerräume wurde notwendig, erst später forstete man wieder auf, denn aus Russland und Südnorwegen brachten Händler auch Pflanzentriebe mit.

Andrea Gjestvang ist Fotografin, lebt in Oslo und Berlin, war mehrmals auf den Lofoten und präsentiert eine wunderbare Sammlung an Eindrücken, Stimmungen, an Naturaufnahmen und Porträts von Menschen, die hier leben. Schade, dass alle Seiten von so breitem weißem Rand umgeben sind, es verkleinert optisch die teilweise wirklich eindrucksvollen Bilder, das kalte Weiß gibt ihnen einen leblosen Rahmen, den sie nicht verdient haben. Egal ob es die Bilder von rauen Bergklippen sind, der zerklüfteten Küste, die schon so manches Fischerleben forderte, oder die Lichtverhältnisse der alles andere als eintönigen Inseln, man möchte so gern eintauchen in die Bilder und irgendwie geht es nicht, man möchte sich gefangen nehmen lassen und es klappt irgendwie nicht. Aber die Texte, geschrieben mit vielen Informationen, Fakten und auch einer angenehmen Prise Humor, sie kurbeln das Kopfkino an und sind stimmungsvoll, zeugen von viel Atmosphäre auf den entschleunigten Inseln. »Vom 28. Mai bis zum 14. Juli geht auf den Lofoten die Sonne nicht unter und umgekehrt vom 7. Dezember bis 5. Januar nicht auf. Stockduster ist es trotzdem nicht. Typisch für den Winter ist ein bläuliches Schummerlicht tagsüber und nachts helles Mondlicht. Der Herbst kennt viele Grautöne, wenig Aufheiterungen und viel Regen … Manchmal ereignet sich das Wetter auch gleichzeitig: Dann schneit, regnet, hagelt, sonnt es an einem Ort und Fleck.«

Es sind viele Momentaufnahmen, die die Fotografin einfühlsam präsentiert, dicke Wolkenberge am Hang, Sonne, die ins Meer gleitet, Dunkelheit über dem Fjord. Sie wechseln sich ab mit Porträts von Insulanern, die eine Übersicht am Ende des Buches dann näher erläutert. Menschen, die hier leben, Traditionen pflegen, ihrer Arbeit nachgehen, ihre Häuser und Familien haben. Alltag auf den Lofoten eben.
Ein Mann, der auf seinem Sofa mit der Aussicht auf ganz viel Land und Meer ein Mittagsschläfchen zu halten scheint, junge Mädchen mit einem Coffee-to-go, Häuser, die sich fast schlafend stellen am Hafen, viele Ansichten von Menschen, Landschaft, Häusern in sehr warmem, heimeligem Sonnenlicht.

So gibt der Bildband Einblick in Geschichte und Lebensbedingungen auf den Inseln, sachlich und emotional, informationsreich und auch sehr atmosphärisch.

Übrigens: Nicht nur der Stockfisch macht hier von sich Reden, der Tran half »gegen Herzschwäche, Nachtblindheit, Rheumatismus und Rachitis. Leider nicht gegen Dummheit. Sonst wäre die Menschheit nicht auf die Idee gekommen, aus Tran Nitroglyzerin herzustellen und sich damit in Kriegen in die Luft zu jagen.« Gut, so die Autorin, war Tran auch für Lampen, Türscharniere und Motoren. Es wurde Farbe daraus gemacht und Boote damit abgedichtet. Gegessen wurde der Fisch mit viel Alkohol. Die Pietisten seien vor allem gegen die Saufgelage zum Ende des Winterkabeljaufangs vorgegangen. »Zu viele Fischer torkelten betrunken ins Hafenbecken und tauchten nie wieder auf.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Andrea Gjestvang: Lofoten
Mare Verlag Hamburg
ISBN: 9783866487307
132 Seiten, 58 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Erfindung der Sehnsucht

Nächster Artikel

Tun oder lassen

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Päckchen – nicht nur zum Fest

Kulturbuch | S. Schumann/J. Schmidt: In Hülle und Fülle Nein, nein, nein, mit Paketen oder Päckchen im postalischen Sinne haben diese Päckchen wahrlich nichts zu tun, dennoch: ihr Inhalt könnte vielleicht noch viel spannender sein, als der anderer Pakete, leckerer, geschmackvoller, köstlicher. BARBARA WEGMANN sucht nach weiteren Worten.

Ein Buch wird zum Menü

Sachbuch | Algarve. Eine kulinarische Reise

Ein Menü hat mehrere Komponenten, Vor-, Haupt- und Nachspeise gehören dazu, vielleicht ein guter Wein, eingebettet in eine angenehme Atmosphäre, ein sympathisches Gegenüber, ein perfekter Abend. In diesem exklusiven Buch präsentiert sich ebenfalls ein Menü, ein faszinierendes dazu: Landeskunde, Reiseimpressionen und Kulinarisches. Ein sinnliches Buch, das mit seinen eigenwilligen Zutaten zu einer überraschend runden Sache wird. BARBARA WEGMANN stellt es vor.

Erschöpfte Gesellschaft

Sachbuch | Stefan Boes: Zeitwohlstand für alle

Eines ist über die Zeit allgemein bekannt: sie ist immer zu knapp. Warum das so ist? Das wissen wir dann wieder nicht. Wir benutzen Waschmaschinen und Geschirrspüler, fahren unentwegt mit Autos und warten nicht mehr auf die Post, weil wir schnell eine Mail schreiben. Wir sparen derart viel Zeit, dass sie unmöglich zu knapp sein kann. Dass sie es dennoch ist, gehört zu ihrem Wesen.
Der Journalist und Autor Stefan Boes ist der Frage nachgegangen, wohin die Zeit verschwindet und wie wir sie zufriedenstellender nutzen können. Seine Erkenntnisse hat er in dem Buch mit dem vielversprechenden Titel »Zeitwohlstand für alle. Wie wir endlich tun, was uns wirklich wichtig ist« zusammengefasst.

Mit Mark Twain ins Heilige Land

Kulturbuch | Mark Twain: Unterwegs mit den Arglosen

Wer weiß, vielleicht fahren Sie in diesem Jahr noch nicht in Urlaub. Aus guten Corona-Gründen. Dann, aber bei Weitem nicht nur dann, sei diese Lektüre wärmstens empfohlen: Gehen sie mit auf eine Reise, die von Amerika ins Heilige Land führt. Ihr Begleiter: Mark Twain. Reisebriefe sind es, geschrieben einst für eine Zeitung, und wer Twain nur als Autor von Tom Sawyer und Huckleberry Finn kennt, der sollte unbedingt sein Wissen um dieses herrliche Buch erweitern, meint BARBARA WEGMANN.

Küsse tauschen

Kulturbuch | Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins Für die einen ist Berlin das Letzte, ein charakterloses Gemisch, für andere ein freiheitlicher Magnet, eine Human-Werkstatt. Je nach Sympathie mal bloß Behauptstadt, mal Überhauptstadt. Wer meint, Berlin-Hype und Berlin-Bashing seien etwas Neues, wird von einem wiederentdeckten Berlin-Buch eines fröhlichen Besseren belehrt. Von PIEKE BIERMANN