Sandelholz aus Java und arabischer Weihrauch in China

Sachbuch | Valerie Hansen: Das Jahr 1000. Als die Globalisierung begann

Dass die Globalisierung Licht- und Schattenseiten hat, ist uns allen klar, in diesem Covid-Jahr sowieso und noch einmal ganz deutlich. Aber wann begann sie? 1492? Als Kolumbus in Amerika landete? Oder 500 Jahre vorher, als die Wikinger dort landeten? Mit dieser These schrieb Valerie Hansen ein spannendes Sachbuch, das GEORG PATZER gelesen hat

Hansen - Das Jahr 1000Der Titel und ihre Eingangsthese führen ein wenig in die Irre: Das Jahr 1000 war tatsächlich nicht der Beginn der Globalisierung. Was an dem Datum (bzw. den Jahren um dieses Datum herum) stimmt, sagt die in Yale lehrende Historikerin und China-Expertin einmal eher vorsichtig: Dass ab jetzt ein Objekt tatsächlich einmal um die Welt hätte reisen können. Eine sehr vage Begründung und wahrscheinlich am ehesten dem Marketing geschuldet.

Nein, die Globalisierung war um 1000 schon lange in vollem Gang: Die beiden »Seidenstraßen« zu Land und auf dem Meer bestanden schon ein paar Jahrhunderte, der Buddhismus hatte sich schon in Ostasien ausgebreitet (und mit ihm der Austausch von Kultur, Wissen und Waren), zwischen Griechenland und Indien gab es seit Alexander dem Großen wohlbekannte Wege, und die Ausbreitung des Islam ab etwa 630 von der iberischen Halbinsel bis Kirgistan, wo sie auf eine Arme der chinesischen Tang-Dynastie traf, gab der Globalisierung einen enormen Schub.

Hansens gedanklicher und theoretischer Ausgangspunkte sind die Besiedelung des Pazifik durch die Polynesier und Leif Eriksons Fahrten nach Neufundland und Labrador – sie spekuliert zudem darüber, dass die Wikinger bis nach Yukatan gekommen seien, eine gewagte Behauptung. Einige Male fuhren sie gen Westen, aber eine langfristige Verbindung ist dadurch nicht zustande gekommen, um 1400 wurden die Siedlungen auf Grönland überhaupt ganz aufgegeben. Was auch auf China zutrifft, das in der Song-Dynastie (960 – 1279) zwar einen regen Handel mit sehr entfernten Ländern betrieb, aber an den Expansionen im 15. und 16. Jahrhundert nicht teilnahm.

Faktenreiches Buch

Dennoch ist Hansens faktenreiches und locker geschriebenes Buch eine schöne Fundgrube für die weltweiten Beziehungen im »dunklen« Mittelalter. Das ja höchstens in Deutschland dunkel war, während es in China mit den Hafenstädten Guangzhou und Quanzhou schon Millionenstädte gab. Vor allem per Schiff gelangten Alltags- und Luxusgüter wie afrikanischer Elfenbeinschmuck, malaysische Rattan-Matten und aromatisches Sandelholz aus Timor, Edelmetalle, Seide, Porzellan und Gewürze übers Meer nach China und auch Mönche und heilige Texte: »All diese Erzeugnisse waren damals übliche Handelswaren. Schon seit Jahrhunderten führten die Chinesen Dufthölzer wie Sandelholz aus dem heutigen Java und Indien sowie aromatisches Baumharz wie Myrrhe und Weihrauch von der Arabischen Halbinsel ein. Sie verbrannten importiertes Räucherwerk, um die Luft mit Wohlgerüchen zu erfüllen, bedampften ihre Kleidung mit importierten Aromen und schmeckten Medikamente, Getränke, Suppen und Gebäck mit fremdländischen Gewürzen ab.« Auf dem Landweg transportierten Pferde nicht nur Krieger wie die Seldschuken, sondern auch Güter quer durch Asien, von der Mongolei bis nach Mitteleuropa.

Die Wikinger wiederum waren in Skandinavien Sklaven- und Pelzhändler und wirkten auch an der Gründung des ältesten russischen Reiches mit, der Kiewer Rus. Vor allem in Afrika und der islamischen Welt blühte der Sklavenhandel, Bagdad, damals auch eine Millionenstadt, war eines der Zentren des Handels, das jedes Jahr Tausende von Afrikanern verkaufte, die quer durch die Sahara geschleppt wurden, deren Routen sich verschoben.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ihres Buchs ist wohl, dass »wir Europäer« dabei eigentlich keine Rolle spielten: »Im Unterschied zu diesen Menschen aus dem Norden (den Wikingern, d.V.) waren alle anderen Hauptakteure im Jahr 1000 – Chinesen, Inder, Araber – keine Europäer. Der längste regelmäßig befahrene Seeweg verband China mit Oman und Basra, dem Hafen am Persischen Golf, der Bagdad am nächsten lag. Diese Route vom Persischen Golf verknüpfte zwei Pilgerwege: Der eine führte von China nach Mekka, der andere diente Pilgern aus Ostafrika, die sich ebenfalls zum Hadsch aufmachten. Der Verkehr spielte sich überwiegend zwischen der Arabischen Halbinsel und den Häfen an Chinas Südküste ab, doch manche Waren wurden bis zu den Häfen entlang der ostafrikanischen Küste vertrieben.«

Das ist umso wichtiger, als der Eurozentrismus in unserer Kultur immer noch vorherrscht: In der Schule behandelt der Geschichtsunterricht fast nur die deutsche und europäische Geschichte, in der Philosophiegeschichte geht es von Sokrates bis Heidegger nur um die europäische Philosophie (dabei entstanden in Indien und China schon vor Tausenden Jahren philosophische Schriften und die erste Psychologie der Welt, der buddhistische Abidhamma), Kunstgeschichte hört an der Ostgrenze Griechenlands auf. Mit vielen Fakten untermauert Hansen diesen neuen Blick, zudem schreibt sie so leicht fasslich und lebendig, dass ihr Buch auch für Nicht-Historiker gut zu lesen ist und so manchem die Augen öffnen kann.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Valerie Hansen: Das Jahr 1000. Als die Globalisierung begann
(The Year Thousand. When Explorers Connected the World – and Globalization Began, 2020)
Übersetzt und Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
München: Verlag C.H. Beck 2020
394 Seiten, 28 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kamera einpacken und raus in die Natur

Nächster Artikel

Blind

Neu in »Sachbuch«

Wenn Narzissten Narzissten Narzissten schimpfen…

Gesellschaft | Roger Schawinski: Der Allergrößte. Warum Narzissten scheitern … und dann nicht mal wissen (wollen), was das genau ist. Wer mitansehen will, wie prompt das in die Hose geht, greife zum neuesten Buch von Roger Schawinski, ›Ich bin der Allergrößte. Warum Narzissten scheitern‹. Alle anderen amüsieren sich über einen weiteren Fall von Copy&Paste-»Literatur«. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Revolutionäre im Autohimmel

Gesellschaft | Bastian Obermayr: Gott ist gelb Auf der Hauptversammlung vom 10. Mai 2014 versuchte der ADAC, sein verbeultes Image zu reparieren. Doch was wird ihm eigentlich vorgeworfen? Gut, die manipulierten Wahlen zum »Auto des Jahres« gingen groß durch die Presse. Auch von außerplanmäßigen Flügen mit Rettungshubschraubern konnten wir lesen. Der ›SZ‹-Journalist Bastian Obermayer, der die Enthüllungen über den ADAC ins Rollen brachte, hat in seinem Buch ›Gott ist Gelb‹ weitere Verfehlungen ans Tageslicht geholt. Und lässt kein gutes Haar am Münchner Verein. Monatskartenbesitzer JÖRG FUCHS hat viele Fragen – bekommt er auch Antworten? PDF erstellen

Vorsicht vor Frauen und Schnaps

Gesellschaft | Leitfaden für britische Soldaten 1944 Spätestens seit die US-Regierung auf den 9/11-Terror mit Bombeneinfällen im Irak reagierte, kennt man auch im friedensverträumten Deutschland das Wort »Exit-Strategie«. Man sollte, besagt es, nicht irgendwo einfallen, wenn man nicht weiß, wie man wieder rauskommt. Das leuchtet selbst Zivilisten ein, ist aber nur der zweite Schritt. Der erste – für den zweiten unabdingbare – scheint in neuen »asymmetrischen« Kriegen fatalerweise wegtechnologisiert zu sein: Man sollte das Land, in das man einfällt, sehr gut kennen. Nicht nur die Geo- und Topographie samt Klima, sondern die Menschen und deren Geschichte, Kultur, Lebensart, Mentalität. Mit

Zur Situation des Widerstands

Gesellschaft | Steffen Vogel: Europa im Aufbruch Steffen Vogel gibt einen kenntnisreichen Überblick über den Stand politischer Bewegungen in den Ländern Europas. Sein Interesse liegt auf dem Widerstand gegen die vorherrschende neoliberale Ausrichtung, »einen Kurs, der letztlich perspektivlos ist«. Vor allem in den südlichen Ländern sieht er starken Widerstand, während in nördlichen Ländern rechtspopulistische Kräfte an Einfluss gewonnen hätten. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Volles Risiko

Menschen | Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945 Wer heute zu seinem Chef geht und sagt: »Ich möchte entlassen werden«, hört allenfalls, dass er Hartz IV und den sozialen Abstieg riskiert. Marie Jalowicz riskiert ihr Leben, warnt der Hallenleiter bei Siemens, als sie ihm im Frühsommer 1941 damit kommt. Sie ist Jüdin, Zwangsarbeiterin, sie darf nicht kündigen, sie kann nur entlassen werden. Er versucht ihr abzuraten, verweist auf die relativ geschützte Umgebung, die Kolleginnen: »Da draußen sind Sie ja allein in der Eiswüste.« Sie entgegnet: »Ich will in die Eiswüste, und ich will allein sein.«