Ein Wintermärchen

Jugendbuch | Abiola Bello: Love in Winter Wonderland

Wonderland, eine kleine Buchhandlung mitten in London, die seit drei Generationen in Familienbesitz ist, steht kurz vor der Pleite. Es sind noch genau siebzehn Tage bis Weihnachten – und es bräuchte ein Wunder. Aber zu Weihnachten sind die ja bekanntlich möglich, findet ANDREA WANNER.

Zwei Hände, die einen Bücherstapel tragenDer 17jährige Trey soll die etwas verstaubte Buchhandlung in vierter Generation weiterführen. Sein schwarzer Urgroßvater hatte sie einst gegründet und die ganze Familie ist stolz darauf, sie bis ins 21. Jahrhundert geführt zu haben, als eine der wenigen unabhängigen Buchläden in schwarzem Familienbesitz.

Die Probleme beginnen nicht erst, als Books, Books, Books in der unmittelbaren Nähe eine Filiale eröffnet. Trey hat eigentlich keine Lust darauf, Bücher zu verkaufen. Er liest zwar gern, aber sein Traum ist es, seinen Lebensunterhalt singend zu verdienen, was vermutlich daran scheitert, dass er nicht vor Publikum auftreten kann wegen seines Lampenfiebers. Als er aber mitbekommt, wie es um den Laden steht, will er unbedingt um ihn kämpfen.

Ariel besucht die gleiche Schule wie Trey, gehört aber nicht zu den angesagten Leuten um Trey und seine biestige Freundin Blair. Ihre Probleme sind neben ihrer Figur – Ariel litt stark unter ihrem Übergewicht und der daraus resultierenden Hänselei, hat aber abgenommen – ebenfalls finanzieller Art: Sie möchte am Artists‘ Studio Malerei studieren, aber ihre Mutter kann sich die Studiengebühr garantiert nicht leisten. Ariels Vater ist vor Kurzem an Krebs gestorben, auch er war Künstler, ausgebildet am Artists‘ Studio. Also braucht das Mädchen einen Nebenjob. Und der bietet sich ausgerechnet in der Buchhandlung Wonderland.

Gemeinsam entwickeln Trey und Ariel nach anfänglichen Streitereien einen Plan, um die Buchhandlung zu retten. Über Social Media geht die Sache viral und schon bald geschieht Außergewöhnliches.

Die nigerianisch-britische Autorin Abiola Bello, die in London geboren und aufgewachsen ist, macht den Stadtteil Hackney zum Ort der Story. Hackney galt lange als das Armenhaus der britischen Metropole, ehe es sich zu einem Geheimtipp vielfältiger kultureller Angebote mauserte. Die Geschichte ist da ganz nah dran und erzählt auch viel über das Potential, das in Communities steckt. Ihre beiden Figuren Trey und Ariel lässt sie abwechselnd jeweils aus ihrer persönlichen Sicht berichten. Natürlich geht es auch um Bücher, um Lieblingsliteratur, Bestseller und Young-Adult-Fiction.

Eine Redakteurin brachte Bello auf die Idee, eine Liebesgeschichte zu schreiben, da es im Bereich Young Adult wenige Schwarze Liebesgeschichten gäbe – und schon gar nicht welche, die in der Weihnachtszeit spielen. So ist manches durchaus vorhersehbar, aber es gibt überraschende Verwicklungen und der Charme des Buches liegt nicht zuletzt in der (Black) Playlists von Trey und Ariel: Jedem Kapitel ist ein Weihnachtssong vorangestellt, von »Just Ain’t Christmas« von Ne-Yo (Ariel) über »Santa Claus Goes Straight to the Ghetto« von Snoop Dog ft. Nate Dogg, Dazz Dillinger, Tray Dee und Bad Azz (Trey) bis zu »A Child Is Born« von Rihanna (Ariel) reichen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Abiola Bello: Love in Winter Wonderland
(Love in Winter Wonderland, 2022)
Aus dem Englischen von Franziska Jaekel
Mit Vignetten von Nora Paehl
Frankfurt am Main: KJB 2023. 384 Seiten. 16 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Tun oder lassen

Nächster Artikel

Stille Nacht an der Moldau

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Mädchengeschichten

Jugendbuch | M.Hof,I.Kuijpers: Julia / M.Holzinger: Funkensommer Zwei Taschenausgaben bereits erschienener Mädchenromane locken in diesem Frühjahr junge Leserinnen. Ein bisschen Probleme, ein bisschen (Liebes)Konflikt erwartet sie, eher ernsthaft angegangen in der fiktionalisierten Autobiographie einer jungen Balletttänzerin, ›Julia‹ von Marjolijn Hof, rundum rosig romanhaft in Michaela Holzingers Bauernhof-Roman ›Funkensommer‹. Von MAGALI HEISSLER

Album für die Jugend

Jugendbuch | Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen Die Vergangenheit kennen, sei wichtig, heißt es, um die Gegenwart beurteilen zu können. Die Behauptung enthält offenbar Wahres, sonst würden sich nicht so viele eifrig bemühen, Geschehenes gründlichst vergessen zu machen. Ereignisse aus dem Unabhängigkeitskampf Kameruns, etwa. Hemley Boum hat einen Roman darüber geschrieben. Nicht zuletzt für die Jungen. Von MAGALI HEIẞLER

Von Meerjungfrauen und anderen Gefahren

Jugendbuch | Ulla Scheler: Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen Ein Mädchen. Ein Junge. Die beiden sind beste Freunde seit Kindertagen. Und jetzt lädt der Junge das Mädchen nach dem Abi zu einer Reise ins Ungewisse ein, die alles ändern wird. Von ANDREA WANNER

Die falschen Geister der Vergangenheit

Jugendbuch | Jennifer R. Hubbard: Atme nicht Die Selbsttötung von Jugendlichen ist ein ebenso tabuisiertes wie brisantes Thema. Jugendliche fasziniert es allemal, vor allem aber ist es wichtig, es offen anzugehen. Tut man es, begibt man sich allerdings auf einen Weg, der Klippen und Fallgruppen in unangenehm hoher Zahl aufweist. Die US-amerikanische Autorin Jennifer R. Hubbard hat sich in ihrem Jugendbuch Atme nicht – ihrem ersten, das auf Deutsch erscheint – unerschrocken auf diesen Weg begeben und eine überraschend komplexe Geschichte vorgelegt. Von MAGALI HEISSLER

Wie geht’s dir?

Jugendbuch | Umberto Galimberti und Anna Vivarelli: Das große Buch der Gefühle

Bücher über Gefühle liegen für die Kleinen im Trend. Da wird gezeigt, was Angst, Wut oder Freude bedeuten, wie man mit eigenen Gefühlen umgeht und die von anderen wahr- und ernst nimmt. Und jetzt gibt es so etwas endlich auch für die Großen, freut sich ANDREA WANNER