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Wette

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wette

Wette, sagte Annika, sie habe mit Wette gesprochen, er sei daran interessiert, Doppelkopf zu spielen, was nicht als Absage zu verstehen sei, aber sie möge gern auch Hüttmann fragen.

Schön, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne, die Farb auf der Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glattstrich.

Wette, sagte Farb, hatte Wette nicht Psoriasis, eine Zeitlang sogar im Gesicht, die Haut sei ein sensibles Organ.

So etwas grenze dich aus aus dem Alltag, sagte Tilman, du wirst nicht länger als zugehörig empfunden, doch allem Anschein nach sei das besser geworden.

Wette habe sich mehrmals am Toten Meer aufgehalten, sagte Annika, für Psoriasis sei das ein heilsamer Ort, einzigartig auf dem Planeten, und das sei vermutlich hilfreich gewesen, außerdem sei er unter seinesgleichen gewesen, auch Neurodermitis finde sich dort ein, seine Psoriasis sei jetzt erträglich, und gegenwärtig könne man ohnehin kaum zum Toten Meer fahren, die Situation sei unübersichtlich, in einigen Hotels seien Flüchtlinge aus einem nahen Kibbuz einquartiert.

Die Welt sei aus den Fugen, sagte Farb.

Wette habe von Hüttmann erzählt, der jahrelang die Filiale einer Lebensmittelkette geleitet und sich vorzeitig in den Ruhestand begeben habe, er lebe in Panitzsch, im alten Ortsteil, sie kenne, sagte Annika, Hüttmann aus der gemeinsamen Schulzeit.

Die Landschaft um Panitzsch sei entstanden, als die Saalekaltzeit vor hundertdreißigtausend Jahren ausklang. Ein Mensch, sagte Farb, blicke selten über den Horizont seines Lebens hinaus, nein, diese langen Zyklen ließen sich auch in einer Erzählung kaum wiedergeben. Das Eis habe sich nach und nach zurückgezogen und Endmoränen hinterlassen, als eine besonders markante eben den Kirchberg von Panitzsch.

Vom Dorf hinauf zur Kirche sei ein angenehmer Spaziergang, sagte Farb, er fahre gelegentlich hinaus nach Panitzsch, sagte Farb, die Kirche habe Charakter, sie sei robust, sie sei widerständig, Fels in der  Brandung, ein Taufstein aus dem späten zehnten Jahrhundert, Kirchen seien Gotteshäuser, Trutzburgen, Orte auch des Rückzugs von der Welt, wenngleich, ergänzte er, sie auch nach außen ausstrahle, stolz, unaufdringlich, sie heische nicht nach Aufmerksamkeit, sie hasche nicht nach Wind.

Interessant, sagte Tilman und griff nach einem Kipferl, das nur nach einem Hauch Vanille schmecken würde, die Preise für Vanille waren während der vergangenen Monate massiv erhöht worden.

Nachdem zuvor zweimal eine Kirche aus Holz errichtet war, sagte Farb, sei zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts nach romanischem Vorbild eine Kirche aus Feldsteinen erbaut worden, der ummauerte Kirchhof habe als Zuflucht gedient.

Ihre endgültige, nun barocke Gestalt habe sie früh im achtzehnten Jahrhundert erhalten. Weithin sichtbar, ein stolzer ›Hohepriester‹, stehe sie weiß und massiv, unter der Sonne leuchtend auf ihrem Hügel südlich der Parthenaue.

Die Bronzeglocken aus dem vierzehnten Jahrhundert seien Schmuckstücke, sagte Farb, er habe sie auf dem Fußboden der Apsis liegen sehen, ›consolor viva, fleo mortua, pello novica‹, wahrscheinlich hätten sie restauriert werden sollen oder die Aufhängung gehörte erneuert, eine umfassende Renovierung im Jahr 2006, er erinnere sich an das Grab einer Britt Süß, die verstorben sei, als sie einundzwanzig war, das Grab sei ihm eines Tages aufgefallen, als Katharina noch gelebt habe, einige Jahre später habe er es nicht mehr gefunden.

Farb stockte unvermittelt und lächelte verlegen. Die Worte, sagte er, seien ihm davongeeilt, und wollte wissen, ob er gelangweilt habe, und tat sich ein zweites Stück von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika schlug ihr Reisemagazin auf.

Farb strich die Sahne auf seiner Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glatt.

Karttinger, überlegte er, nein, nicht hier, ausgeschlossen, was treibe sie um, die Karttinger gehöre in eine andere Erzählung, sie müßten ohnehin achtgeben mit dem Personal, daß sie nicht zu zahlreich würden und etwa ziellos umherirrten, auch Wette und Hüttmann sollten gründlich beraten sein und wissen, was sie erwarte, er erinnere an Fini und Feverl aus Doderers Roman Nr. 7, die kurzerhand mit einem Tritt aus dem Geschehen expediert worden seien, und speziell was eine Doppelkopfrunde betreffe, müßten sich Wette und Hüttmann auf die jeweils gültigen Spielregeln einlassen, bedingungslos einlassen, es gäbe für sie keinen Spielraum, null, er aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

| WOLF SENFF

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Farb lachte. Verzichtbar.

Die Welt stünde ohne ihn keineswegs schlechter da.

Ohnehin ergeht es ihm miserabel, da greifen auch all seine Versuche nicht, gute Laune zu stiften, ehrlich, er ist überflüssig, und außerdem – was trage er bei zum Wohlbefinden des Planeten, nichts, wer brauche ihn, niemand, er nehme sich vom Kuchen und gebe nichts zurück.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Durchaus sei denkbar, sagte Farb, daß sein Abgang eine befreiende Wirkung hätte, der Planet würde von Zwängen und Knebelungen erlöst, der Tag zum Beispiel dürfte Persönlichkeit entfalten, als ein lebendiges Wesen wahrgenommen werden wie andere auch, er verströmte gute Stimmung unter einem blauen Himmel, er wäre melancholisch unter dunklen Wolken und Regenschauern, neigte zum Zornausbruch unter Blitz und Hagel.

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Sut lehnte sich zurück und lächelte.