Afrofuturistin bei der NASA

Kalender | A Journey into 365 Days of Black History

Ein Wandkalender erzählt Schwarze Geschichte – SABINE MATTHES hat den Kalender voll Soul, Pioniergeist und Übermut gelesen.

Der Kalender hatte mich kürzlich angelacht wie ein altes Soul-Platten-Cover. Liebe auf den ersten Blick – im Souvenir Shop der Battersea Power Station in London. Dort passte er auch hin. Der besondere Zauber zwischen Pioniergeist und Retro-Charme, eine ähnlich geheimnisvolle Kraft, wie sie dem ikonischen Industriedenkmal innewohnt. Und was für ein Feuerwerk an Informationen! Spannender Energie-Booster zum Neuen Jahr. Der Kalender feiert die Errungenschaften von Schwarzen, ihre Beiträge zu unserer Geschichte, in den unterschiedlichsten Disziplinen – Aktivisten, Wissenschaftler, Erfinder, Künstler, Unternehmer und Sportler. Ihre Leidenschaft, Neugier, Kreativität und Solidarität, Brillanz und Klugheit, ihr Freigeist, Mut und unbedingter Wille sind Inspiration für jeden Tag.

Verschiedene farbige Personen auf dem Cover des Kalnders

Im Januar empfängt uns Azie Taylor Morton. 1977 wurde sie von Präsident Jimmy Carter zur Schatzmeisterin der Vereinigten Staaten ernannt – als erste und bis heute einzige schwarze Person in dem Amt. Ihre Unterschrift ziert alle Dollar-Noten, die während ihrer Amtszeit gedruckt wurden. Sie folgte ihrem Credo: »Es ist nicht Glück, und es sind nicht die Umstände, und es ist nicht, wie man geboren wurde, was die Zukunft einer Person bestimmt. … Alles, was man tun muss … ist die Frage beantworten: »Wie möchte ich, dass diese Situation wird?« Dann muss man sich komplett den persönlichen Aktionen verschreiben, die einen dort hinbringen.« Gute Vorsätze für 2026.

Dieses Geheimrezept steckt wohl hinter vielen der Erfolgsgeschichten. Jeder Monat stellt eine ausführlich vor. Und jeder Tag erinnert an Geburtstage und Meilensteine schwarzer Geschichte. So wird am 23. Juli an die »First Pan-African Conference« 1900 erinnert, die der trinidadische Anwalt Henry Sylvester-Williams für drei Tage in London organisierte. Kurz vor der Pariser Weltausstellung, um Touristen afrikanischer Herkunft die Teilnahme an beiden Ereignissen zu ermöglichen. Dabei spielte W. E. B. Du Bois eine Hauptrolle, mit seinem Brief an die Führer der europäischen Nationen. Sie wurden dazu aufgefordert, Rassismus zu bekämpfen, den Kolonien in Afrika und der Karibik die Unabhängigkeit zu geben und den Afroamerikanern politische Rechte.

Auch der Unabhängigkeit Südsudans vom Sudan im Jahr 2011 gedenkt der Kalender im Juli. Und man erfährt von Garrett Morgan, Sohn befreiter Sklaven, cleverer Autodidakt, der eine eigene Schneiderei gründete, ein Haarglättungsmittel erfand, später auch die automatische Ampel und im Oktober 1914 die Gasmaske. Sie rettete im Ersten Weltkrieg etlichen Soldaten und wohl auch Ernst Jünger das Leben. Morgan hatte zuvor im Eigenversuch die Wirksamkeit bewiesen, indem er sich damit 20 Minuten lang in ein verqualmtes Zelt setzte. Dabei gab er vor, ein indianischer Ureinwohner zu sein, damit seine Erfindung nicht auch unter der Diskriminierung der Schwarzen zu leiden hätte.

Die Amerikaner haben auch ihren blauen Straßenbriefkasten einem Schwarzen Erfinder zu verdanken. Philip B. Downing erhielt dafür am 27. Oktober 1891 ein Patent, woran der Kalender erinnert. 25 Jahre später erhielt er ein weiteres Patent für seinen – weniger berühmten – Briefumschlagbefeuchter.

Neben solch faszinierenden Kuriosa gibt es monatlich eine umfassendere Biografie. Der Februar ist Miles Vandahurst Lynk gewidmet. Nach seiner Ausbildung auf einem schwarzen College wurde er 1891 der erste schwarze Arzt in Jackson, Tennessee. 1900 gründete er dort mit seiner Frau, einer Chemikerin, eine Universität für Schwarze Studenten der Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie und Recht. Lynk schrieb etliche Bücher und Artikel über Medizin und afroamerikanische Geschichte. Am bedeutendsten aber war sein monatlicher ›Medical and Surgical Observer‹ (1892–1894) – die erste von einem Afroamerikaner herausgegebene medizinische Fachzeitschrift.

Im März wird an die frühe Bürgerrechtsaktivistin Christia Adair erinnert, 1893 in Texas geboren. Ihr Aktivismus begann mit dem Kampf gegen das Glücksspiel – um Frauen und Kinder zu schützen, die vom Einkommen ihrer Männer und Väter abhängig waren. Was sie zur Bewegung der Suffragetten brachte. Dann zum Engagement für das Wahlrecht für Schwarze und zum Organisieren der gemischten Harris County Democrats – als Alternative zu den existierenden segregierten Organisationen der Demokraten. Zu ihrem 84. Geburtstag wurde ihr ein Park gewidmet, wo ein Wandgemälde von ihrem Leben erzählt.

Haitis nationale Helden werden im April gewürdigt. Die frühe Kunstszene – mit Hector Hyppolite, dem Voodoo-Priester, Schuhmacher und großen haitianischen Meister, dessen Gemälde von Andre Breton und Truman Capote wertgeschätzt wurden. Und der Athlet Constantin Henriquez – der erste haitianische und erste Schwarze, der eine Olympia Medaille gewann. Frankreich hatte ihn ausgewählt, um für das französische Rugby Team zu spielen, bei den zweiten Olympischen Spielen die 1900 als Teil der Weltausstellung in Paris stattfanden. Henriquez Vater hatte ihn 1893 zum Medizinstudium nach Frankreich geschickt. Nach seiner Rückkehr nach Haiti praktizierte er als Arzt und engagierte sich, die Grundlagen für haitianische Sportbegeisterte aufzubauen.

Der Juni ist Cecil J. Williams gewidmet, dem Fotografen des Civil Rights Movement. Der Juli Evelyn Boyd Granville, die 1949 als zweite Afroamerikanerin einen Doktor in Mathematik erhielt und als menschlicher Computer galt. Ihr Interesse für Computer-Programmierung führte sie 1956 zu einem Job bei IBM. Die NASA hatte IBM beauftragt, Software für ihr Weltraum-Projekt zu schreiben und Granville war Teil des Teams – verantwortlich für die Computerprogramme, um die Wege von Fahrzeugen im Weltraum zu verfolgen. Später halfen ihre Berechnungen für das NASA Apollo Programm, die ersten Menschen auf den Mond zu bringen. Gewissermaßen eine Afrofuturistin.

Die US-Musikindustrie wurde damals in den 1950er und 60er Jahren von Männern dominiert. So musste sich die Songschreiberin Rose Marie McCoy in New York ihren eigenen Platz schaffen. Im Laufe ihres Lebens schrieb sie etwa 850 Songs. Über 360 Künstler nahmen ihre Arbeiten auf, darunter Elvis Presley, Diana Ross and the Supremes, Ike und Tina Turner, und James Brown. Ihr ist der September gewidmet. Anders als viele Songschreiber ihrer Zeit wollte sie keiner Plattenfirma angehören, sondern lieber frei und flexibel sein und die kreative Kontrolle behalten. So schrieb sie Songtexte für eine Vielzahl von Stilen – für Jazz, Pop, Gospel, Rock ’n‘ Roll und Country-Künstler – sowie für eine Coca-Cola Kampagne.

James Baldwin hatte es so beschrieben: »Der Ort an den ich passe, wird nicht existieren, bis ich ihn schaffe«. Diese mutige und ermutigende Vision ist die Kraft, die all den im Kalender gewürdigten schwarzen Ikonen innewohnt. Als erfolgreiche Pioniere haben sie sich und anderen neue Wege eröffnet und Freiräume geschaffen. So erinnert der Kalender am 26. Dezember an den Beginn des sieben Tage dauernden Kwanzaa. Der Black-Power-Aktivist Maulana Karenga hatte es nach den Watts Riots 1966 in den USA entwickelt – als erstes pan-afrikanisches Fest, um Schwarzen eine Alternative zu Weihnachten zu geben. Es basiert auf unterschiedlichen afrikanischen Erntefest-Traditionen und ist eine Feier afroamerikanischer Kultur. Eine Verbindung zu den Urahnen wird hergestellt. Sieben Kerzen werden angezündet – die schwarze in der Mitte steht für Einheit, die drei grünen für die Erde, die drei roten für den blutigen Kampf der Afroamerikaner. Sie symbolisieren die sieben Prinzipien von Kwanzaa: Einigkeit, Selbstbestimmung, Zusammenarbeit und Verantwortung, gemeinsames Wirtschaften, Zielstrebigkeit, Kreativität, Glaube. Keine schlechten Vorsätze fürs Neue Jahr.

| SABINE MATTHES

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