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Gier

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gier

Der Mensch bekomme seinen Rachen nicht voll, sagte Farb.

Tröstlich, spottete Wette.

Ob er vergangenen Sonntag den Infantino gesehen habe, fragte Farb, neben jenem siebenundvierzigsten Präsidenten, der lieber König wäre, zur besten Sendezeit pompös inszeniert, FIFA 2026, die Gruppen wurden ausgelost, und deshalb diese monströse Veranstaltung, frage man sich, Hagel und Granaten, nein, der Mensch bekomme seinen Rachen nicht voll, Ruhm und Ehre, und gib ihm, gib ihm Saures, und einer gehe noch rein.

Ein Lebensprinzip, spottete Wette, elementar.

Wohin der Blick falle, sagte Farb, alles eine Nummer zu groß, auch auf den ESC, der enorm Geld abwerfe, wozu das, im Mai, dem baggern sie jetzt schon an der Wurzel, der Blick auf den ESC sei aus politischen Gründen kontrovers, doch: mehr, mehr, sprach der kleine Häwelmann.

Der Mensch bekomme seinen Rachen nicht voll, wiederholte Wette.

Haarsträubend , sagte Tilman.

Wette schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wieder das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostrot, Tilman hatte es aus Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, interessant, ich erwähnte es mehrfach, und nein, nicht die gesamte Strecke auf der Großen Mauer, unmöglich, sie bot keinen Platz für drei Läufer neben einander, war zudem nicht durchgehend restauriert und fiel nach rechts wie links oft in einen steilen Abgrund.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Wette warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wohin der Blick falle, sagte Farb, ob nun auf die krassen Fälle Ukraine, Gaza, Sudan, überall tobe sich Vernichtung aus, daß man geneigt sei zu glauben, rachsüchtige Dämonen seien aus den Verliesen entlassen, die Bilder seien entsetzlich, doch auch für sie gelte das Prinzip: bitte mehr, bitte mehr davon, die Medien seien gefräßig, der Mensch bekomme den Rachen nicht voll.

Schön und gut, sagte Annika, und was sei daran tröstlich.

Nicht allein die krassen Fälle, sagte Farb, auch die wenig augenfälligen, nimm die Fahrgeschäfte, die Achterbahnen, daß einem schwindelig werde, und es gehe immer steiler, noch steiler, der Absturz nehme dir den Atem, oder der Rausch der Geschwindigkeit bei zweihundert Sachen, das Wohnen im dreißigsten Stockwerk, eine Stadt in der Wüste, The Line, in Saudi-Arabien, ursprünglich auf hundertsiebzig Kilometer Länge konzipiert, der Flughafen Kansei in Osaka sei auf einer künstlichen Insel angelegt, Hochleistungsperformance, und es gehe mehr, immer mehr, absolut, der Mensch bekomme den Rachen nicht voll.

Schön und gut, wiederholte Annika, und was sei daran tröstlich.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer – nein, jetzt nicht, aus, das gehöre in eine andere Erzählung.

Das Prinzip färbe ab, sagte Tilman, die Natur habe es sich scheint’s vom Menschen abgeschaut, denn sie lege zu, erinnern wir an den Lusi-Schlammvulkan auf Java, seitens der westlichen Medien weitgehend unbeachtet, der seit 2006 täglich sechzig- bis achtzigtausend Kubikmeter Schlamm auswerfe, beispiellos, nichts könne man tun, und alltäglich erlebten wir mittlerweile auch die großflächigen Feuersbrünste und die weiträumigen Überflutungen, Wachstum und Fortschritt, die Natur könne alles das auch und könne das besser.

Was sie könne, fragte Farb.

Tilman lachte. Man sieht, sagte er, die Natur rüste ebenfalls auf und bekomme seit neuestem ihren Rachen nicht voll. Orkane, sagte er, Erdrutsche, Erdbeben, Stromausfälle, sie leiste gründliche Arbeit, sie lasse nichts aus.

Aber tröstlich, wiederholte Wette, was sei daran tröstlich.

Der Mensch, sagte Tilman, treibe diese Verhältnisse voran, und tatsächlich gebe es eine winzige Minderheit, die noch aus den Katastrophen Honig sauge und profitiere, egal was, sagte er, sie ziehe ihren Vorteil daraus, mögen  Millionen Menschen zugrunde gehen, sie vergrößerten ihren Reichtum, mögen  Millionen auf der Flucht sein, sie lebten sorglos und unbeschwert, aber, sagte Tilman, diese Sicherheit sei trügerisch, denn die Natur unterscheide nicht, niemand könne sich freikaufen, die Natur sei unbestechlich, sie treffe alle gleichermaßen.

Tröstlich, spottete Farb.

| WOLF SENFF

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Wie schön!

Die Dinge bewegen sich, Annika, sie nehmen Fahrt auf.

Das kann man so sehen.

Die Glut bricht durch die Oberfläche, die verkrusteten Verhältnisse werden aufgeweicht.

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Herrlich, sagte Farb, man möchte meinen, der Planet wache auf.

Oder einfach nur, daß er sich in seiner Ruhe gestört fühle.

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Meine Güte, Farb stöhnte, wie solle man das beschreiben.

Man möchte es nicht glauben, sagte Annika, wie sei es möglich, daß sich so jemand noch immer im Amt hält.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

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Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.