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Sprachrohr der Ratlosigkeit

Menschen | Vor 125 Jahren wurde Marie Luise Kaschnitz geboren

Mit dem ihr oft verliehenen Etikett der »grande dame« der deutschen Literatur konnte sich die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz nie anfreunden. Obwohl sie nur in ihrer »Jugend« Romane und nach dem Krieg vorwiegend Gedichte und Erzählungen geschrieben hat, gilt sie als eine der herausragenden Gestalten in der deutschen Nachkriegsliteratur. Von PETER MOHR

Porträt einer Frau mit einem weißen SpitzenkragenMarie Luise Kaschnitz hat ihren eigenen Stellenwert gern heruntergespielt. Als ihr 1955 der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde, entschuldigte sie sich beinahe dafür, dass es in ihrem Lebenswerk kaum Parallelen zum Namenspatron gab: »Ich habe nie eine bestimmte Vorstellung davon gehabt, wie man die Weltordnung ändern müsste.«

Diese Mischung aus Bescheidenheit, Koketterie und vornehmer Distanz prägte den gesamten Lebensweg der am 31. Januar vor 125 Jahren als Tochter eines Offiziers in Karlsruhe geborenen Dichterin. Marie Luise Kaschnitz gehörte nie zu den lauten Stimmen des Landes: weder in der Zeit des Nationalsozialismus (»ich, von Natur aus feige und mit einer quälenden Vorstellungskraft ausgestattet, hielt den Mund«) noch als bereits etablierte Autorin in der Nachkriegsgesellschaft.

Nach dem Gymnasium absolvierte sie eine Buchhändlerlehre und arbeitete danach in Weimar, München und Rom. In der italienischen Hauptstadt lernte sie den Archäologie-Professor Freiherr Guido Kaschnitz von Weinberg kennen, den sie 1925 heiratete.

Stets folgte die Kaschnitz ihrem Gatten in diverse Universitätsstädte und stellte die eigenen Belange zurück. So darf man ihren Romanerstling ›Liebe beginnt‹ (1933), in dem es um die tradierte Rollenverteilung in der Familie geht, durchaus als Spiegelbild der ersten Ehejahre lesen.
Die Dichterin sah sich selbst als »Sprachrohr der Ratlosigkeit dieser Zeit. Ich sehe und höre, reiße die Augen auf und spitze die Ohren.« Weltabgewandtheit konnte man ihr nie nachsagen. Das »Ich« in ihren Gedichten verwandelte sich oftmals beim genauen Lesen in eine mahnende Stimme, die für ein Kollektiv spricht. So heißt es in einem in der unmittelbaren Nachkriegszeit entstandenen Gedicht: »Das wusste ich nicht, wie bald/Ruinen verwittern/ Wie sie, noch eh die Gestalt/Vergessen ist und die Namen/ Ausgelöscht, sich besamen,/Wie die Gräser wehen und zittern/Über dem Bogen und drin/Zinnkraut und blühende Halme/Stehn wie am Urbeginn.«

Ob in ihren Erzählungen (›Das dicke Kind‹, ›Lange Schatten‹, ›Ferngespräche‹) oder in ihren zahlreichen Lyrikbänden: Marie Luise Kaschnitz bevorzugte als künstlerisches Sujet stets die private Sphäre, in der sie die Gesellschaft abbildete – ohne Angst vor einer möglichen Selbstentblößung: »Das gedruckte Gedicht, die gedruckte Geschichte sind Freiwild. Sie gehören mir nicht mehr, und jeder kann sie sich auslegen, wie er will.«

Marie Luise Kaschnitz war eine schillernde Figur, die keine Selbstinszenierung benötigte: gebildet, belesen, zur Bescheidenheit neigend, sprachlich virtuos und dennoch keine Bewohnerin des Elfenbeinturms. Es waren vor allem die Spätwerke, die ihren Ruf als unantastbare Autorität manifestierten. In den Tagebüchern beschäftigte sie sich mit dem eigenen Altern, brachte ihren Technikskeptizismus zum Ausdruck und beklagte die Zerstörung des menschlichen Lebensraums. »Ohne Vordenkopfstoßen in irgendeinem Sinne kann große Kunst nicht gedeihen.« Kompromisse ist die Schriftstellerin nie eingegangen, und literarische Moden waren ihr ebenso fremd wie die Forderungen der sich Ende der 1960er Jahre formierenden Frauenbewegung.
Die Ohnmacht und die Ratlosigkeit des Individuums hat kaum jemand vergleichbar präzise in Worte fassen können. Trauer, Ohnmacht und Tod waren seit der frühen Nachkriegszeit ständig wiederkehrende künstlerische Sujets der Kaschnitz. Zunächst war es eine Art kollektive Trauerarbeit in der Nachkriegszeit, dann machte sie den Tod ihres Mannes (1958) zum Thema des vorzüglichen Gedichtbandes ›Dein Schweigen – meine Stimme‹ (1962) und der Erzählung ›Wohin denn ich‹; und später widmete sie sich dem eigenen nahenden Tod. Nie mit verbalem Pathos, sondern mit beinahe strenger Reglementierung von Vokabular und Umfang.

Ein Beispiel dafür ist das 1972 erstmals erschienene Gedicht ›Vögel‹, das augenscheinlich noch einmal vom Tod des Ehemannes handelt: »Ein Paar Vögel noch immer/ Aber wie ungleich jetzt/ Einer gierig aufpickend/ Den kleinen Lebensrest/ Im warmen Laub/ Der andere entflogen/ Sein klarer Schatten/ Gleitet übers Schneefeld/ Zieht Kreise drei/ Jeder ein wenig blasser/ Kein Schrei aus den Wolken/ Keine Feder herab.«

Die große Affinität zur literarischen Kurzform und deren meisterliche Umsetzung hat Marie Luise Kaschnitz, die zuletzt im Frankfurter Westend gelebt hat, überdies auch beachtliche Erfolge als Hörspielautorin beschert. Am 10. Oktober 1974 ist sie während eines Aufenthaltes bei ihrer Tochter in Rom gestorben. Eine bedeutende, aber leider weit unterschätzte Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts, die es in ihren Texten beinahe einzigartig verstand, der subjektiven Sichtweise Transparenz und damit ein Höchstmaß an Universalität und Nachvollziehbarkeit zu verleihen. Die meisten ihrer Werke sind im Suhrkamp erschienen.

Zum 17. Mal findet Ende April das Lesefestival ›Frankfurt liest ein Buch‹ statt. Mit ›Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau‹ von Marie Luise Kaschnitz stellt das Festival »eine Dichterin in den Mittelpunkt, deren Texte zwar überwiegend in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden, jedoch an Aktualität nichts verloren haben«, heißt es in der Pressemitteilung.

| PETER MOHR

Lesetipp
Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind und andere Erzählungen
Berlin: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 2024
250 Seiten, 11 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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