Lee Miller lebte den Surrealismus. Wandlungsfähig wie ein Chamäleon, rebellierte sie gegen jede Konvention. Schön, talentiert, experimentierfreudig, beseelt von einem wilden Freiheitsdrang, furchtloser Neugier und Mut setzte sie sich auf der Achterbahn der Geschichte in den vordersten Wagen – um die kreativsten Höhen und tiefsten menschlichen Abgründe des letzten Jahrhunderts hautnah zu erfahren. Vom Glamour der New Yorker Modewelt, zur künstlerischen Avantgarde in Paris, über Kairo und London, in die Hölle des Zweiten Weltkriegs – Bilder von erschreckender Aktualität. Die Londoner ›Tate Britain‹ zeigt mit etwa 250 wunderbaren originalen und späteren Abzügen, in elf chronologischen Kapiteln, die poetische Vision und den rastlosen Geist der brillanten Fotografin und Zeitzeugin. Von SABINE MATTHES

© Lee Miller Archives, England 2024. All rights reserved. leemiller.co.uk
Als Miller im Sommer 1929 nach Paris ging, stellte sie sich mit einem Empfehlungsschreiben von Edward Steichen bei Man Ray als seine neue Schülerin vor. Sein anfängliches »Nein« akzeptierte sie nicht als Antwort, den Spiess der heutigen MeToo-Bewegung hatte sie bereits damals selbstbestimmt umgedreht. Aus diesem – und etlichen anderen – inspirierenden Liebes- und Arbeitsverhältnis entstanden ikonische Kunstwerke. Und die Wiederentdeckung der Solarisation, ein traumartiger Halo-Effekt. Die Fotos ihres kopflosen Torso stehen für die Macht sinnlicher Erfahrung über die Vernunft. Wie andere Pariser Surrealisten war Lee Miller fasziniert vom Zufall, der Kraft des Unerwarteten und Unheimlichen, Träumen und Schlaf, unkonventionellen erotischen Begierden, beeinflusst von den Schriften des Marquis des Sade.
Als Nebenbeschäftigung dokumentierte sie Operationen für eine Pariser Klinik – und platzierte eine amputierte Brust auf einen Teller neben Messer und Gabel. Ein surrealistisches Dinner-Tableau, ähnlich wie David Lynchs menstruierendes Hühnchenteil in ›Eraserhead‹ (1977). Mit Spiegelungen und Schatten, ungewöhnlichen Gegenüberstellungen, Blickwinkeln und Ausschnitten verwandelte Miller Alltagssituationen auf den Straßen von Paris in eine fremdartige Welt seltsamer Schönheit. In Jean Cocteau`s Film ›Das Blut des Dichters‹ (1930/32) spielte sie eine armlose klassische Statue, die lebendig wird. »Versuche weiter, in den Spiegel zu gehen«, fordert sie einen Dichter auf, um dort eine andere Welt zu entdecken, und treibt ihn in den Wahnsinn. Vielleicht sah Miller ihre Rolle als Metapher für ihre eigene wachsende Unabhängigkeit vom Model zur Künstlerin.
Ihre Arbeiten wurden kommerziell und künstlerisch erfolgreich. 1932 kehrte sie als gefeierte Fotografin nach New York zurück, und verlagerte ihr bisheriges Studio von Montparnasse nach Manhattan. 1934 heiratete sie den reichen ägyptischen Geschäftsmann Eloui Bey, sie ziehen nach Kairo. Nach anfänglicher Erschöpfung und Abkehr von der Fotografie wird ein Trip nach Jerusalem 1935 zur kreativen Neuerweckung. Die nächsten vier Jahre bringt ihre Abenteuerlust sie nach Syrien, Palästina, Libanon, Zypern, Rumänien und Griechenland. Bei etlichen Expeditionen in die ägyptische Wüste, inspiriert von der brutalen Schönheit extremer Hitze, entstehen Bilder wie ›Portrait of Space‹ (1937), wo wilde Landschaften zu magischen Wesen voller Eigenleben erwachen. Eine Reise nach Paris im Sommer 1937 wird zu einem weiteren bedeutenden Wendepunkt. Lee Miller begegnet dem surrealistischen Künstler Roland Penrose, taucht wieder ein in einen kreativen Liebesrausch und Stimulation mit ihren surrealistischen Künstlerfreunden Man Ray, Paul Èluard und Nusch, Max Ernst und Leonora Carrington und Picasso.
»Verändert und glühend und erneuert« kehrte sie nach Ägypten zurück. Gab surrealistische Soireen, machte Pläne mit der linken ägyptischen Surrealistengruppe ›Art et Libertè‹ (1938–1948), die im damals kosmopolitischen Kairo den Begriff des »Entarteten« positiv deutete und sich mit den verfolgten Künstlern des Nazi-Regimes solidarisierte. Gleichzeitig wuchs ihre künstlerische Bekanntheit in London: 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges, kam sie in England an, für ein neues Leben mit Penrose, zurück in ihre wahre Heimat der europäischen Avantgarde. Aber dieses Europa stand am Abgrund. Und was Lee Miller sah auf ihrem Weg bis ins Herz der Finsternis, verfolgte sie für den Rest ihres Lebens.
Die Ausstellung wird für die Besucherin aus München jetzt zunehmend beklemmender. Die Kriegsbilder wirken hier vor Ort in London so atemberaubend intensiv, dass man hofft, nicht als Deutsche ertappt zu werden. Zwischen September 1940 und Mai 1941 bombardierten die Deutschen London massiv, töteten fast 30.000 Menschen und machten jeden Sechsten obdachlos. Neben der Tragödie entdeckte Millers surrealistisches Auge poetische Absurditäten in den Ruinen der Stadt. In die unwirkliche Topografie platzierte sie Modelle mit extravaganten Hüten, wie in einem Science-Fiction-Film. Als die Büros der britischen ›Vogue‹ in der Bond Street 1940 bombardiert wurden, wollte man mit dem Aufruf »Here is Vogue, in spite of all!« über Millers Fotos der Zerstörung Zuversicht signalisieren – so wie es die britische Regierung auch von Frauenzeitschriften erwartete, um die Moral des Landes hochzuhalten.
Für Miller fühlte sich das Leben im London Blitz an, als würde man »schwindelig am Rande eines Abgrunds hängen«. Im Hinterhof ihres Hampstead Anwesens arrangierte sie die bizarren »Fire masks« (1941). Auch die Künste wurden in ›Remington Silent‹ (1940) und ›Revenge on Culture‹ (1940) zum Opfer. Aus dem Eingang der ›Non-conformist chapel‹ (1940) stürzt ein Schwall von Backsteinen und Trümmern, als würde die Kapelle ihre Eingeweide erbrechen. Daneben hängt ein Plakat, auf dem Mutter Maria die Kinder zur Sonntagsschule einlädt – obwohl Gott sich längst verabschiedet hat. Man denkt dabei an Munther Isaacs aktuelles Bild ›Christ in the Rubble‹, das Jesuskind, in einer palästinensischen Kufiya, in den Trümmern von Gaza.
»Es scheint ziemlich albern, weiter für eine frivole Zeitschrift wie ›Vogue‹ zu arbeiten,« schrieb Lee Miller an ihre Eltern und war frustriert, nicht näher an der Front zu sein. Viele ihrer London Blitz Bilder wurden als Buch publiziert, tourten in einer Ausstellung und prägten die internationale Wahrnehmung des Blitzkriegs. Im Dezember 1942 wurde Miller akkreditierte US-Kriegsberichterstatterin für Condè Nast. Musste aber bis Juli 1944, nach dem D-Day, der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, warten, bis weibliche Kriegsberichterstatterinnen endlich in Kriegsgebiete (jedoch nicht an die Front) zugelassen wurden. Sie überzeugte Audrey Withers, sie in die Normandie zu schicken. Der Artikel über Krankenschwestern brachte ›Vogue‹ in die Kriegsberichterstattung.
Auch Lee Millers Texte begeisterten, und Withers erlaubte ihr, dem Vormarsch der Alliierten durch Europa zu folgen. Was sie gemeinsam mit ihrem ›Time-Life‹-Fotografen Kollegen David E. Sherman tat. Filme wurden in einer improvisierten Dunkelkammer in Hotelzimmern entwickelt. Bei der Schlacht um Saint-Malo hielt sie einen der ersten Einsätze von Napalm fest. Dokumentierte die Befreiung von Paris, traf ihre Künstlerfreunde wieder, und dem Elsass. Marokkanische Soldaten, endlose Flüchtlingsströme, zerstörte Städte und Verwundete, Frauen, denen die Köpfe geschoren wurden, weil sie mit dem Feind fraternisierten. »Is Europe worth saving?«, fragen sich desillusionierte alliierte Soldaten. Der Schwarze Humor des Surrealismus und die Ironie in Millers Worten und Bildern wirkten anfangs wie ein Schutzschild, eine Waffe, ein Bumerang gegen den Irrsinn der Realität. Aber je tiefer sie jenseits des Kanals in die Hölle Europas vordrang, um so mörderischer, zermürbender, verzweifelter, hasserfüllter wurde die Arbeit. »This is a good German, he is dead. Artery forceps hang from his shattered wrists.«, schrieb sie zum Bild eines toten Soldaten in Köln. Aber das Schlimmste stand noch bevor.

Auf die Frage, wie Miller das alles durchgestanden habe, antwortete ihr Kollege Sherman: »Sie war voll von eiskalter Wut.« Im Juni 1945 erschien in der ›Vogue‹ ihr Artikel »Germans Are Like This«. In dem starken, bissigen Text schwingt ihre ganze Verachtung gegenüber den Deutschen mit: »Sie waren abstoßend in ihrer Unterwürfigkeit, Freundlichkeit und Heuchelei. Ich wurde ständig beleidigt von schleimigen deutschen Einladungen zum Essen … «, als könnten sie sich »in den ungelüfteten Gassen ihrer Gehirne« nicht vorstellen, dass die »geblitzten« Londoner und anderen Opfer der Nazis nicht ihre Freunde gewesen waren. Dem Foto wohlgenährter deutscher Kinder stand das von verbrannten Knochen verhungerter Gefangener gegenüber. Lee Millers Kriegsfotos gingen um die Welt und machten die grausame Wahrheit bekannt. Zurück in England heiratete sie 1947 Roland Penrose, gebar ihren Sohn Antony und entwickelte eine neue Passion für experimentelle Kochkunst. Die fotografischen Kriegszeugnisse verbannte sie auf den Dachboden – wie böse Geister, die sie nie mehr los wurde.
Millers Kriegsbilder hielten fest, wie die Euphorie der Befreiung der Ernüchterung wich. 80 Jahre danach demonstrieren heute die Menschen auf den Straßen von London gegen den Genozid in Gaza. Wie Lee Miller fordern sie, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Das »Nie wieder« solle universell wie die Menschenrechte für alle und überall gelten. Heute wie damals provozieren Millers Kriegsbilder Fragen: nach Komplizenschaft, Gerechtigkeit und Rache. Wie würde sie heute über die Deutschen urteilen? Vielleicht, in ihrer sarkastisch bissigen Art: »Diese Heuchler, haben sie nichts aus ihrer Vergangenheit gelernt? Unterstützen wieder Kriegsverbrechen – und hoffen, sie könnten damit ihre eigene Schuld gegenüber den Juden mit dem Blut der Palästinenser abwaschen?«
| SABINE MATTHES
| TITELFOTO: Lee Miller, Model with lightbulb, Vogue Studio, London, England c.1943 © Lee Miller Archives, England 2024. All rights reserved. leemiller.co.uk
Titelangaben
Tate Britain Exhibition: Lee Miller
London, bis 15.02.2026

