Lichtdurchflutete Korallenriffe, finstere Tiefsee: Die schier unfassbare Weite und Tiefe des Ozeans machen diesen zu einem aussergewöhnlich vielfältigen und faszinierenden Ort. Der norwegische Meeresforscher Even Moland teilt diese Faszination. Wenn er in seinem Buch ›Kann das Meer die Erde retten?‹ seine Tauchgänge beschreibt, bringt er den Lesenden gleichzeitig die Welt der Ozeane näher: Von der lokalen Flora und Fauna mit ihren komplexen Nahrungsnetzen bis zu den globalen Meeresströmungen, die das Klima auch an Land massgeblich beeinflussen. Von MARTIN GEISER
Die Kraft des Lebens
Als Wissenschaftler ist er nicht nur beeindruckt von der Fülle des Lebens im Meer, sondern auch besorgt um die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Das Leben in den Ozeanen ist in Gefahr wie noch nie zuvor: Die Stichworte sind Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung, Tiefseebergbau. Auf jede dieser Bedrohungen wird im Buch sachlich fundiert eingegangen.
Doch gibt es auch Grund zur Hoffnung, wie besonders der Originaltitel des Buchs andeutet: ›En sjanse i havet‹ (Eine Chance im Meer). Moland zeigt auf, über welche erstaunlichen Fähigkeiten die Natur verfügt, sich zu regenerieren – selbst nachdem der Mensch sie beinahe zerstört hat. Als Beispiel führt er unter anderem das Bikini-Atoll an, das Jahrzehnte nach der Zerstörung durch die Atombombentests wieder reiches Leben beherbergt.
Bewahren und bewirtschaften
Auch Fischbestände können sich erholen, wenn sie genügend und richtig geschützt sind, wie zum Beispiel zahlreiche Reservate an der philippinischen Küste zeigen. Entscheidend ist dabei immer, den Menschen vor Ort zu vermitteln, welche Vorteile der Schutz der Meere bietet. Die Erfolge sollten zudem für die Bevölkerung möglichst rasch sichtbar werden. So steigt die Akzeptanz von Fangverboten, die kurzfristig einschneidend erscheinen mögen.
Mit solchen Beispielen zeigt Moland, wie wichtig die Beiträge der Meeresforschung sind. Je besser wir die komplexen Zusammenhänge der Ökosysteme verstehen, desto nachhaltiger können wir das Meer schützen und nutzen. Wer in (womöglich fragile) Ökosysteme eingreift, wie mit Fischerei oder Meeresbodenbergbau, sollte wenigstens eine gewisse Ahnung haben, was er genau tut und welche Folgen diese Handlungen haben können – auf lokaler, aber auch auf globaler Ebene.
Aufruf zur Besonnenheit
Einsicht ist umso wichtiger, als der »Selbstheilungskraft« der Meere Grenzen gesetzt sind: Fischbestände sind nicht »einfach da«, geschweige denn unerschöpflich; ausgerottete Arten bleiben verschwunden und komplett zerstörte Lebensräume regenerieren sich, wenn überhaupt, erst nach Jahrzehnten bis Jahrhunderten.
Molands Buch ist auch ein leiser Appell an die Vernunft. Doch setzt sich diese auch bei der zerstörerischen und rücksichtslosen Fischerei-Industrie durch? Noch ist deren Grundsatz – überspitzt formuliert: Wenn nicht wir die letzten Fische einer bestimmten Art fangen, dann tun es bestimmt die Anderen.
Es braucht daher globale Regeln der Zusammenarbeit. Immerhin ist seit Januar 2026 (also erst nach dem Druck des Buchs) das UN-Hochseeschutzabkommen (Biodiversity Beyond National Jurisdiction, BBNJ) in Kraft. Es ist – falls umgesetzt – womöglich eine dieser letzten Chancen, das Leben im Meer besser zu schützen. Profitieren davon würden letztlich die Natur und die Menschheit.
Titelangaben
Even Moland: Kann das Meer die Erde retten?
Zum blauen Herzen unseres Planeten
(Norwegische Originalausgabe: En sjanse i havet, Cappelen Damm, 2024)
Bern: Haupt Verlag 2026
224 Seiten, ca. 26 Euro/CHF
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