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Alles ganz normal? Warum Herkunft über die Zukunft von Kindern entscheidet

Kinderbücher | 100 Kinder in Deutschland / Klassenbuch

Wer denkt schon groß als Kind über das eigene Leben nach? Man zieht an, was im Schrank hängt, geht in die Schule, hat Freunde und Klassenkameradinnen, isst zu Hause, was gekocht wird, und spielt mit den Dingen, die man sich wünscht und geschenkt bekommt. Alles ganz normal. Wirklich?
Dabei gehören die Antworten auf die großen Fragen der Soziologie – Warum tun wir, was wir tun? Wie beeinflussen uns Gruppen? Wer hat welche Chancen? – gerade jungen Menschen, findet ANDREA WANNER und freut sich deshalb über zwei besondere Sachbücher.

Deutschland im Kleinformat: 100 Kinder und ihre Realität

Eine Landkarte in den Umrissen Deutschlands auf der viele Kinder zu sehen sindDas Buch ›100 Kinder‹ von Christoph Drösser und Nora Coenenberg verkleinert die Weltbevölkerung auf eine Gruppe von genau 100 Kindern, um globale Lebensrealitäten, Diversität und Gerechtigkeit für Kinder verständlich zu machen. Für dieses beeindruckende Gedankenexperiment erhielten sie 2021 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch. Und jetzt schauen sie sich erneut 100 Kinder an, die alle in Deutschland leben, und haben Erstaunliches zu berichten.

51 von ihnen sind im Sportverein, 17 haben eine Allergie, 86 gehen gern zur Schule, 6 sind Waisenkinder, 21 sind arm, 68 haben ein Haustier und 29 eine Zahnspange. Jede neue Seite bringt neue, überraschende Informationen, in denen man sich und andere wiederfindet – oder eben auch nicht. Betrachtet werden die Kinder zwischen 6 und 14 Jahren, und da ist doch verblüffend, dass 30 zu Hause eine andere Sprache sprechen und 11 psychisch krank sind. Dahinter stecken Menschen und Geschichten, Statistik ist alles andere als eine trockene Angelegenheit.

Die Zahlen sind seriös recherchiert, gut aufbereitet und mit Coenenbergs farbenfrohen Illustrationen optisch perfekt gelungen. Ein übersichtliches Register hilft beim Finden spezieller Begriffe, ansonsten kann man sich einfach lesend auf die Fakten einlassen – so man es denn kann, denn erschreckende 25 der 100 Kinder können nicht richtig lesen.

Ursachenforschung: Der unsichtbare Rucksack der Ungleichheit

Schlaue Kinder werden sich vielleicht die Frage stellen, warum das so ist. Und da kommt Buch Nummer zwei ins Spiel. Denn jeder Mensch trägt von Geburt an einen unsichtbaren Rucksack auf dem Rücken, der Dinge wie den eigenen Geschmack und den Erfolg in der Schule bestimmt. Der Soziologe Pierre Bourdieu fand heraus, dass die Vorlieben für Musik, Bücher oder Sport kein Zufall sind. Sie hängen eng damit zusammen, was Kinder von ihren Eltern im Alltag mitbekommen.

Diese Erkenntnis hatte Bourdieu schon vor fast einem halben Jahrhundert, ohne dass sich daran wirklich etwas geändert hat. Gerda Raidt erklärt in ihrem »Klassenbuch« nun einfach und gut nachvollziehbar, wie sich das auf das Leben von allen auswirkt. Schon vor dem ersten Schultag packen Eltern wichtige Dinge in diesen Rucksack: Wo wohnt die Familie? Wie viel Geld hat sie? Welche Berufe haben die Eltern?

Noch entscheidender ist jedoch das unsichtbare Wissen: Wie wird zu Hause gesprochen? Welche Bücher werden gelesen? Dieses Vorwissen ist in der Schule Gold wert. Kinder, die daheim bereits die Sprache der Lehrkräfte und den Umgang mit Texten lernen, verstehen den Unterricht fast von ganz alleine.

Die »feinen Unterschiede« im Klassenzimmer

Das Problem dabei ist eine große Ungerechtigkeit. Das Schulsystem tut oft so, als hätten alle Kinder die gleichen Chancen. In Wahrheit bevorzugt die Schule genau die feinen Manieren, die Ausdrucksweise und das Wissen, das manche Kinder ganz automatisch von zu Hause mitbringen. Es sind die »feinen Unterschiede«, die den großen Unterschied machen.

Zahlreiche unterschiedliche Personen in alltäglichen Situationen zieren das Cover

Auch hier hat sich Raidt viele spannende Bilder ausgedacht und hilft mit Fragen und Kommentaren auf die richtige Spur. Denn wer diesen passenden Rucksack nicht hat, muss sich in der Schule viel mehr anstrengen. Gute Noten hängen deshalb oft weniger vom Fleiß ab, sondern davon, wie gut das Zuhause zum Schulsystem passt. Am Startpunkt des Lebens haben eben nicht alle Kinder das Gleiche im Rucksack.

Eine Pflichtlektüre für alle Grundschulen

Beide Bücher sollten nicht nur in den Haushalten mit entsprechenden Eltern zu finden sein, sondern Pflichtlektüre an allen Grundschulen werden. Vielleicht würde sich dann irgendwann etwas ändern.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Christoph Drösser und Nora Coenenberg: 100 Kinder in Deutschland
Stuttgart: Gabriel 2026
112 Seiten, 16 Euro
Kindersachbuch ab 8 Jahren

Gerda Raidt: Klassenbuch. Wer gewinnt im Spiel des Lebens?
Leipzig: Klett Kinderbuch 2026
80 Seiten. 22 Euro
Kindersachbuch ab 8 Jahren

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