Der Mythos »Cowboy« erlebt eine Renaissance – und feiert seine afrikanischen Wurzeln. Eine Fotoausstellung, die noch bis kommenden Sonntag in Ulm zu sehen ist, nimmt SABINE MATTHES und uns auf diese ungewöhnliche Reise mit.
»Well, the Black cowboy was the first cowboy«, sagt Larry Callies mit krächzender Stimme. Früher war er Country Sänger, aber verlor seine Stimme. Als gläubiger Christ und Cowboy wusste er, Gott würde ihm eine zweite große Tür öffnen. Und so gründete er 2017 das ›Black Cowboy Museum‹ in Rosenberg, Texas. Mit unzähligen Memorabilia und Geschichten will er den Mythos »Cowboy« richtigstellen. Denn ein Viertel aller Cowboys waren Afroamerikaner. Aber Hollywood hatte sie mit seinem »Whitewashing« ausradiert – und mit John Wayne, Gary Cooper, Clint Eastwood einen Cowboy Mythos ausnahmslos weißer Westernhelden geschaffen. Callies ist ein Black Cowboy, es liegt ihm im Blut, die Tradition kann er in seiner eigenen Familie zurückverfolgen bis ins 16. Jahrhundert.

© Sabine Bungert und Stefan Dolfen
Die Fotoausstellung ›Black Cowboys‹ von Sabine Bungert und Stefan Dolfen im Stadthaus Ulm wird durch solche kurzen Videointerviews ergänzt. Eine spannende Entdeckungsreise in eine unbekannte Welt. Die beiden arbeiten seit über 15 Jahren gemeinsam an fotografischen Langzeitprojekten. Als sie die ›Black-Lives-Matter‹-Proteste zum Tod von George Floyd im Sommer 2020 im Fernsehen verfolgten, fiel ihnen auf, dass unter den Protestierenden Schwarze auf Pferden durch die Straßen ritten, auf deren T-Shirts »Black Cowboys« stand.
Sie gingen dem Rätsel auf die Spur und reisten 2022 und 2023 quer durch die USA. Von Maryland nach Kalifornien, über Arizona, New Mexiko nach Texas, South und North Carolina nach Chicago, tauchten sie tief ein in eine lebendige Black Cowboy Kultur. Besuchten Trail Ride Events, Rodeo-Veranstaltungen, Black Cowboy Festivals, trafen zahlreiche Black Cowboys und Black Cowgirls. Erlebten das Gemeinschaftsgefühl und den Lifestyle. Wenn am Wochenende bei einem mehrstündigen Trail Ride Hunderte von Cowboys durchs Gelände reiten, gefeiert und gegessen wird. Wo soziales Engagement dahinter steht, wenn sich die Mitglieder des Atlanta Saddle Club in Georgia auch als Streetworker verstehen. Wenn sie Kindern und Jugendlichen durch den Kontakt zu Pferden ein anderes Rollenbild zeigen, statt Gewalt auf der Straße, Verantwortung für Tiere zu übernehmen.
Der Cowboy, ein typisch amerikanischer Superheld, symbolisiert Freiheit, Widerstandsfähigkeit, Unabhängigkeit. Zieht durch die unzivilisierten Weiten des Grenzlands, wo er unerbittlich für Ehre, Recht und Ordnung kämpft, gegen Viehdiebe und Indianer. So glamourisierten ihn Groschenromane, Poster und populäre Western Filme in den 1920er und 30er Jahren. In Zeiten der Great Depression und des Wandels , weg von einer ländlichen Agrarnation, wo immer mehr Menschen in die Städte zogen, waren sie wie eine nostalgische Flucht vor der rauen Wirklichkeit. Der edle Weiße Film Cowboy spiegelte dem weißen Publikum, wie es sich selbst sehen wollte. Die Realität aber war wesentlich multiethnischer. Die Auslöschung der Schwarzen Cowboys ist eines der klarsten Beispiele dafür, wie kulturelle Erinnerung umgeschrieben wird zu Gunsten eines weißen Narrativs.

© Sabine Bungert und Stefan Dolfen
Nat Love, als Sklave geboren, wurde zum wohl berühmtesten Black Cowboy und Volkshelden. Er war Rodeoreiter, Schlafwagenschaffner und veröffentlichte 1907 seine Autobiographie. Einer der wenigen Berichte aus erster Hand von einem Black Cowboy. Bill Pickett, 1870 in Texas geboren, in eine Familie ehemaliger Sklaven und Cherokee, elektrisierte das Rodeo-Publikum mit seiner wagemutigen neuen Erfindung des Stier Wrestlings, bei dem der Reiter vom galoppierenden Pferd springt, den Stier an den Hörnern packt und zu Boden ringt. Dabei biss Pickett – seine Spezialität – dem Stier in die Lippe und warf sich nach hinten. Solche kreativen Tricks und Stunts seiner Rodeo-Performances machten ihn berühmt, er tourte mit Wild West Shows durch die Welt und trat in frühen Filmen auf.
Auch Bass Reeves war eine lebende Legende. 1838 als Sklave geboren, floh er in ein Indianerreservat, lernte fünf Sprachen der Ureinwohner, wurde zum U.S. Marshal und gefürchtetsten Gesetzeshüter der Region. Er verhaftete über 3.000 gefährliche Verbrecher. Vermutlich war Bass Reeves die Inspiration für einen der bekanntesten Helden des Western-Genres – aber der »Lone Ranger« der Fernsehserie war ein Weißer Darsteller. Die Jim-Crow-Segregation war ebenso Teil der Filmindustrie, wie überall sonst, und bestimmte, welche Filme für welches Publikum gemacht wurden. Schwarzen wurden nur Geschichten zugeschrieben, die mit Schwierigkeiten und stillem Erleiden zu tun hatten. Ein aufrechter Schwarzer, der erfolgreich für Gerechtigkeit kämpf, passte nicht ins Konzept.
Jetzt erlebt der Cowboy seinen Renaissance-Moment. Die Black Cowboys holen sich ihre Geschichte zurück. Und demonstrieren mit Stolz, welchen wichtigen Beitrag sie zur wirtschaftlichen Größe und wunderbaren kulturellen Vielfalt des Landes beigetragen haben. Selbst die von konservativen Weißen lange für sich reklamierte Countrymusic hat afrikanische Wurzeln. In den Songs, die auf den langen Wegen und am gemeinsamen nächtlichen Lagerfeuer gesungen wurden, mischten sich improvisierte Wechselgesänge, die Worksongs der ehemaligen Sklavenarbeiter auf den Baumwollfeldern, mit Spirituals, Pfiffen und anderen Sounds zu einem besonderen Klangmix, der dann amerikanische Folk-, Blues- und Countrymusic beeinflusste. Die Songs halfen, wach zu bleiben oder unruhige Rinder bei Gewitterstürmen zu beruhigen mit einer Art Lullaby, um das Risiko von Chaos zu vermeiden. Sie waren überlebenswichtig. Für solche Expertise wurden die Schwarzen Cowboys von den Weißen auch geschätzt. Am Lagerfeuer teilten sie ihre Geschichten, Songs und Essen. Kultureller Austausch fand statt und im gemeinsamen Überlebenskampf wuchsen Respekt und Anerkennung füreinander.
Auch schwarze Frauen trugen zur Cowboy-Kultur bei. Mit ihrem afrikanischen Wissen über traditionelle Heiltechniken konnten sie Menschen und Tieren helfen. Sie waren die heimlichen Ärzte an der Frontier. Aber, als Frauen und Schwarze, doppelt aus der Geschichte radiert. Dare Coulter ist afroamerikanische Künstlerin. Ihr über 60 Meter langes Wandbild in Greensboro, North Carolina, zeigt die Geschichte der Black Cowboys. Das große Portrait ganz links ist ihr Großvater. Sie denkt, Schwarze hätten nicht dieses Konzept einer freien Person bekommen: »Es wurde in der amerikanischen Geschichte absichtlich verschwiegen.« Dem setzt sie ihr Wandbild entgegen. Sie ist Teil der Fotoausstellung und erklärt im Videointerview: »Kunst über diese Freiheit, Widerstandsfähigkeit und diese Wildheit zu machen, empfinde ich als zwingend notwendig.«

© Sabine Bungert und Stefan Dolfen
Das Black Cowgirl Chanel Rhodes in der Ausstellung wurde von einem Black Cowboy zur vielseitigen Reiterin unterrichtet, lernte andere kennen, mit denen zusammen sie auch an Martin Luther King Paraden teilnahm. Sie ist Pferdetrainerin für Disney und hat das Unternehmen »Mane Tresses« gegründet. Wer für sein Pferd und sich eine synthetische Perücke im farblichen Partnerlook sucht, wird hier bestens beraten. Samt Videoanweisung zur Scheitelmessung der Mähne.
Titelangaben
Sabine Bungert & Stefan Dolfen „Black Cowboys“
Ausstellung im Stadthaus Ulm, bis 20.09.2026

