//

Die Beste aller möglichen Welten …

Bühne | Candide. Komische Oper von Leonard Bernstein

… oder: Die Hoffnung, die einen hält und trägt. Voltaires ›Candide‹, inszeniert von Leonard Bernstein, begeistert die Zuschauer. JENNIFER WARZECHA war dabei.

CandideDie Gedanken der Aufklärung sind nicht nur Basis und Grundgedanke aller Wissenschaften. Im Lutherjahr 2017 feiern sie eine Renaissance, sind sie doch wie der Kirchenvater der evangelischen Kirche mit dem Ausdruck von Kants Aufforderung »Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen« Appell dafür, selbst zu denken, eigene Lebenserfahrungen zu sammeln und zu machen und daraus Lebensentscheidungen abzuleiten. Dementsprechend zeigt die Kulisse der Bühne zu Beginn der Oper jeweils links und rechts vom Bühnenrand zwei Köpfe aus Gips, die jeweils eine Lockenperücke tragen und damit an die ebenfalls zu Zeiten der Aufklärung stattgefundene Französische Revolution erinnern.

Zwei Steine am jeweiligen Bühnenrand (Bühne: Dirk Steffen Göpfert) zieren Teile des Satzes »Die bestehende aller … möglichen Welten«; letztere, die Welt, wird zusätzlich dazu durch einen Globus symbolisiert. Der Dichter selbst, Voltaire (ausgezeichnet von seiner Persönlichkeit und Darstellung her: Chris Murray in den Rollen von Voltaire, Pangloss, Martin und Cacambo), führt in und durch die Handlung und sorgt gerade am Schluss der Oper mit der mit Augenzwinkern hervorgebrachten Frage »Noch Fragen?« immer wieder für Gelächter und Erheiterung. Mit seiner Perücke und den langen Haaren sowie seinen prachtvollen Kostümen (super ausgesucht und dargeboten: Kostüme, Kathrin Hegedüsch) passt er hervorragend in die dargebotene Zeit der Oper (insgesamt verantwortlich für die Choreographie: Guido Markowitz).

Auf der stetigen Suche nach sich selbst

Die Story der Oper ist leicht erzählt:
Protagonist Candide (überzeugend durch Anmut und Kraft der Aussage, erntet dementsprechend zusammen mit Elisandra Melián in der Rolle der Cunegonde am meisten Applaus beim Publikum: Johannes Strauß) nutzt die Gunst der Stunde, die der Aufklärung, ebenfalls für sich: Einerseits ist er, wie nahezu jeder sowohl im fiktiven, als auch im realen Leben auf der Suche nach seinem Glück und nach sich selbst. Andererseits lehnt er sich, ganz im Sinne der die Gedanken der Aufklärung kritisierenden Epoche des Sturm und Drangs, gegen Standesgrenzen auf.

Candide

Obwohl er nicht von hohem Stande ist, lebt und gedeiht er auf einem Landschloss. Er genießt die Gesellschaft mit Maximilian und Cunegonde, den Kindern des Barons, und besucht mit ihnen zusammen den Unterricht. Beispielhaft für Candides nicht-ebenbürtigen Stand gegenüber Cunegonde ist die Szene, als sich Candide und Cunegonde, von Decken umgeben, in erotischer Ekstase auf der Bühne wälzen und Baron und Baronin Candide anschließend verstoßen, weil er nicht dem der Familie zugehörigen Stand entspricht und ein dementsprechendes Wappen trägt.

Schon eines der die Komische Oper, komisch im Sinne dessen, dass deren Ende wie auch das der Komödie allgemein meistens in einer Hochzeit endet, durchziehenden Bücher ziert den mit schwarzen Buchstaben ausgedrückten Titel ›Zweifel‹. Zweifel sind die im Sinne dessen, ob die beste aller möglichen Welten überhaupt möglich und vorstellbar ist. Gerade an Candides Liebe zu Cunegonde wird diese immerwährende Hoffnung auf eine bessere Welt sichtbar. Nicht nur, dass er, Maximilian (ebenfalls überzeugend: Paul Jadach) und Paquette (hinreißend grazil: D. Rohr) bei einer Lehrstunde des Physikus Dr. Pangloss (wie auch als Voltaire überzeugend: Chris Murray) im Kreis sitzen und darüber diskutieren, wozu die Dinge, im konkreten Fall die Steine, gut sind.

Der Glaube an das Gute trägt durch das Stück und zeichnet das Genre aus

Als Beispiel für ihren naiven Aberglauben an das Gute singen sie »Wir haben gelernt: Alles, was ist, ist gut.« Gerade die Liebesgeschichte zwischen Candide und Cunegonde steht sinnbildlich dafür, wie Hoffnung und Glaube an das Gute an Situation und die Menschen in dieser Situation jeglichen eingangs zitierten Zweifel beheben und insofern tatsächlich für eine bessere und dank den entsprechenden Veränderungen stärker bindende Welt sorgen können. Nachdem Candide Cunegonde schon für tot, getötet durch bulgarische Soldaten, nachdem sie mehr als eine andere Frau sonst von den Soldaten vergewaltigt wurde, glaubte und deren Sterbeszene eingehend durch eine entsprechende Trauermusik versinnbildlicht wird, hält, wird am Ende klar: Beide finden wieder zueinander, gereinigt vom edlen Aberglauben an das Gute.

Candide

Candide selbst tötet währenddessen – untermalt von seinerseits ironischen Bemerkungen – jegliche Freier seiner Frau und versucht zwischendurch mit Unterstützung Voltaires, seine entführte und verschleppte Frau mit goldbesetzten und dementsprechend Gold werten Schafen freizukaufen. Auf der Reise bis zum Ende hin begegnen Candide und Voltaire außerdem zwei Wilde. Sie greifen einen Jesuiten an, den sie anschließend töten und geben als witzigste Einlage der Oper dementsprechend komische Pieptöne samt lustiger Verrenkungen von sich. Cunegonde selbst ist am Ende der Oper froh, sich von der Langeweile zu lösen, die sie dank ihrer Freier und Edelleute befiel und sich beispielhaft in einer Szene ausdrückt, innerhalb derer ihr Erwählter Zeitung liest und sie teilnahmslos dabeisitzt und ihm zusieht, ohne sie jedoch nach drei Jahren noch heiraten zu wollen. Am Ende stellen beide fest, Cunegonde dazu untermalt mit zerflossenem Makeup und daraus folgenden schwarzen Schatten im Gesicht: »Wir sind nicht mehr so wie wir waren. Wir lieben uns jetzt wie wir jetzt sind.« Ein guter Appell daran, das eigene (Privat-)Leben zu überdenken, unterstützt durch die Einspielungen von Jesuiten und deren Riten, letztendlich untermalt zum Beispiel durch die Szene, innerhalb derer das »Autodafé« gefeiert wird, also einer religiös inszenierten und praktizierten Feier, deren einzelne Lacher für das Verlachen alles Scheinheiligen stehen.

Das Publikum nimmt diese Auseinandersetzung mit Privatem und Moralischem, unterstützt durch Lieder wie ›Life Is Happiness Indeed‹, ›The Best Of All Possible Worlds‹ oder ›I Must Be So‹ begeistert wahr. Die Oper im nahezu voll besetzen Großen Haus des Stadttheaters endet mit nicht-endend wollendem Applaus. Super und eindrücklich!

| JENNIFER WARZECHA
| FOTOS: SABINE HAYMANN

Titelangaben
Candide. Komische Oper von Leonard Bernstein
Stadttheater Pforzheim

Termine
25.05.2017: 20:00 Uhr
08.06.2017: 20:00 Uhr
27.06.2017: 20:00 Uhr
09.07.2017: 15:00 Uhr

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Realismus noir

Nächster Artikel

Folkdays aren’t over… Finnische Grenzgänger

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Ich Mann, du Frau – wir nix gemeinsam

Bühne | Comedy: Caveman Heike schmeißt Tom aus der gemeinsamen Wohnung. Tom versucht über den gesamten Abend, Heike umzustimmen. Doch wird er es schaffen? Relativ gelassen macht er aus der Not eine Tugend und erklärt den »gaffenden Passanten« (Zuschauer) die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Zwei Stunden lang. Allein. ANNA NOAH lässt sich über Klischees und den normalen Partnerschaftswahnsinn aufklären. PDF erstellen

»Theater als subventionierte Opposition«

Bühne | Hansgünther Heyme: Gilgamesch (Theater im Pfalzbau) Der bald achtzigjährige »Theaterverhunzer« Hansgünther Heyme nimmt mit dem Gilgamesch-Epos seinen Abschied als Intendant in Ludwigshafen. Ein exemplarischer Fall – geschildert von DIDIER CALME PDF erstellen

Affe – Blau zu schwarz

Bühne | ›Affe‹ in der Oper Neukölln Frei nach dem Motto »Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf…« gehen die Zuschauer zusammen mit dem jungen Berliner »F.« auf einen Trip der besonders heftigen Art. ANNA NOAH ist gespannt, wie viel urbanes Lebensgefühl in der Theater-Adaption von Peter Fox’ Album »Stadtaffe« steckt. PDF erstellen

Im Wilden Westen nichts Neues

Bühne | William Shakespeares ›Romeo und Julia‹ im Staatstheater Nürnberg Theodor W. Adorno lehnte es in seinen Vorlesungen zur Ästhetik ab, William Shakespeares ›Romeo und Julia‹ als Tragödie zu interpretieren, die den Übergang von der mittelalterlichen zur bürgerlichen Liebe markiere, da die Ära der Bürgerlichkeit mit noch viel mehr erotischen Tabus versehen sei. Dennoch hat Shakespeare auch den modernen Menschen kreiert. Das dachte sich wohl auch der Regisseur Johannes von Matuschka und inszenierte das Drama in Nürnberg als amerikanisches Wildwestschauspiel – also im fluiden Übergang von Wildheit und Zivilisation. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Premiere von ›Romeo und Julia‹

Eloquenz und Kalauer

Menschen | Zum 80. Geburtstag des kulturellen Tausendsassas Hellmuth Karasek »Manchmal fürchtete ich schon, ich schreib mich in eine Depression hinein«, bekannte Hellmuth Karasek über die Arbeit an seinem 2006 erschienenen Band Süßer Vogel Jugend. Der kulturelle Tausendsassa mit der stark ausgeprägten Affinität zur Selbstironie sprüht aber immer noch vor Tatendrang und hat im letzten Frühjahr unter dem Titel Frauen sind auch nur Männer einen Sammelband mit 83 Glossen aus jüngerer Vergangenheit vorgelegt. Sogar prophetische Züge offenbart Karasek darin, sagte er doch den Niedergang der FDP schon zwei Jahre vor der letzten Bundestagswahl voraus. Von PETER MOHR PDF erstellen