/

Abgesagt: Franco Berardi

Literatur | Festival »Poetische Quellen«

Ohne dass es der Öffentlichkeit hinreichend präsent wäre, existiert hierzulande eine lebhafte Szene von Literaturfestivals, eines davon das jährlich in Ostwestfalen-Lippe in Bad Oeynhausen und Löhne veranstaltete internationale Literaturfest »Poetische Quellen«: vier Tage Literatur stets am letzten vollen Augustwochenende, diesmal: ›Der Platz des Menschen – Wirklichkeiten, Wahrheiten, Illusionen‹. Von WOLF SENFF

Franco ›Bifo‹ Berardi bei einem Radiointerview;Abb: MACBA / (CC BY-SA 2.0)
Franco ›Bifo‹ Berardi bei einem Radiointerview;
Abb: MACBA / (CC BY-SA 2.0)
Wunderschön. Kraftstrotzende, darf ich es so nennen, westfälische Provinz. Bis Ende August ist noch viel Zeit, doch die Wogen schlagen jetzt schon hoch. Denn am zehnten Juli ereignete sich Folgendes: Der italienische Philosoph, Publizist und Aktivist Franco ›Bifo‹ Berardi sagte seine Teilnahme an der Veranstaltung ›Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie‹ ab, ebenso seine Teilnahme an ›Hundert Jahre Gegenwart‹ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, vom 30. September zum 4. Oktober.

Gründe

Solch eine Absage kommt schon mal vor, doch die Begründung sowie der daraus erwachsene kurze Briefwechsel sollten uns interessieren.
Franco Berardi verweist mit seiner Absage auf »the German government and the financial system who are pushing Greek people (and not only them) into an abyss of humiliation, misery and possibly civil war« und ergänzt: »the austerity measures […] have destroyed the life of millions of people and are destroying solidarity in Europe as well«.

Und noch: »In this moment, when my Greek friends are humiliated and impoverished, when Europe is transformed into a colonial protectorate of the Deutsch Bank, I would consider hypocritical to chatter politely in a public space of the colonist State.«

Auch dieses: »I’m writing these lines from Greece, a country that in the past has been destroyed by the German war terror, and now is destroyed again by the German financial terror. I think that my intellectual duty today is to transmit the sense of widespread disgust that German financial terror is raising in the heart of millions of persons in every city of Europe.«

Eine mediale Einheitsfront?

Wir blicken auf einen tiefen Riss durch Europa. In der Süddeutschen Zeitung – diesseits – sortieren sie Yanis Varoufakis nur noch ins satirische Wochenendquiz ›Helden wie wir‹ zu Peter Maffay und Sebastian Schweinsteiger. Merkwürdig, dass es sich nicht bis zu den hiesigen Leitmedien herumgesprochen haben soll, dass er ein international anerkannter Fachmann ist, der u. a. mit Joseph Stiglitz arbeitet, und traurig, dass sich die Süddeutsche Zeitung auf dieses widerwärtige Boulevard-Niveau begibt.

Nein, sie wollen es nicht anders, und sie nähren den Verdacht, dass sich erneut ein Mainstream formiert, eine mediale Einheitsfront, und bestätigen indirekt die harschen Vorwürfe, die von Franco Berardi erhoben werden.

Brückenbauen wäre angesagt

Yanis Varoufakis wurde dieser Tage von der BBC interviewt und wiederholte seine kritischen Anmerkungen zum deutschen Vorgehen gegenüber Griechenland: »This programme is going to fail whoever undertakes its implementation.« Auf die Frage, wie lange das dauern werde: »It has failed already« – doch für deutsche Medien scheint sich das Thema erledigt zu haben, man stabilisiert den vermeintlichen Platz an der Sonne und hüllt sich ansonsten in Schweigen.

Den oben wiedergegebenen Aussagen von Franco Berardi ist nichts hinzuzufügen. Brückenbauen wäre angesagt. Im aktuellen ›SPIEGEL‹-Interview erwähnt Wolfgang Schäuble ungefragt das Thema Rücktritt. Sein Rücktritt wäre tatsächlich ein Schritt, der Vertrauen schaffen könnte. Varoufakis setzte hier Maßstäbe. Man darf daran zweifeln, dass Wolfgang Schäuble ähnlich viel Einsicht und Konsequenz aufbringen wird.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

House Grooves And Lonely Souls: ›Debut‹ by Björk

Nächster Artikel

Gefühle

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Ein schmaler Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Bühne | Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Deutsches SchauSpielHaus Hamburg Lieben sich Martha und George wirklich? Zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Zuneigung und Hass, perfektem Spiel und schönem Schein, sind sich weder die Protagonisten noch die Besucher sicher, was wirklich auf der Bühne vor sich geht. Von MONA KAMPE PDF erstellen

Weltmeister der Überraschungen

Bühne | Show: The Illusionists »The Illusionists« sind mit ihren neuen Stunts und Zaubertricks mit der »Direct from Broadway« – Show auf Europatour. Um eine Frage kommt man heutzutage nicht herum: »Will das Publikum derlei Shows wirklich noch sehen? Oder sind Magier völlig out?« Es wird immer schwieriger, Menschen von der Bühne herunter zum Staunen zu bringen. Die perfekte Illusion inszeniert sich schwer, wenn man eine Zielgruppe bedenkt, für das digitale Spezialeffekte im Kino oder auf dem heimischen Großbildschirm alltäglich geworden sind. ANNA NOAH prüft die magischen Momente auf Modernitäts-Tauglichkeit. PDF erstellen

»Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage«

Bühne | ›Sein oder Nichtsein‹ von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch Komödie und Satire gelten als die besten Mittel, um durch den Witz oder Aberwitz des Moments eigentlich ernste Tatsachen zu hinterfragen. Filmregisseur Ernst Lubitsch (1892 – 1947) war in den Jahren seines Schaffens angesichts zweier Kriege und dementsprechend widriger Umstände häufig dazu gezwungen, das zu nutzen, um filmisches Geschehen auf die Leinwand bringen und damit, wie im Falle der Komödie ›Sein oder Nichtsein‹, der Zensur entgehen zu können. Von JENNIFER WARZECHA PDF erstellen

Im Wilden Westen nichts Neues

Bühne | William Shakespeares ›Romeo und Julia‹ im Staatstheater Nürnberg Theodor W. Adorno lehnte es in seinen Vorlesungen zur Ästhetik ab, William Shakespeares ›Romeo und Julia‹ als Tragödie zu interpretieren, die den Übergang von der mittelalterlichen zur bürgerlichen Liebe markiere, da die Ära der Bürgerlichkeit mit noch viel mehr erotischen Tabus versehen sei. Dennoch hat Shakespeare auch den modernen Menschen kreiert. Das dachte sich wohl auch der Regisseur Johannes von Matuschka und inszenierte das Drama in Nürnberg als amerikanisches Wildwestschauspiel – also im fluiden Übergang von Wildheit und Zivilisation. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Premiere von ›Romeo und Julia‹

Wahrer Mut braucht kein Geschlecht

Bühne | Ben Hur im Theater das Zimmer Hamburg Die Drei Weisen kommen mit Gaben, um das Christkind zu beschenken. Sie bringen Gold und Weihrauch. Doch was ist mit dem vierten Darsteller, der auch gerne einer von ihnen wäre? Er nimmt es nicht ganz so ernst mit der Legende und treibt die Regie in den Wahnsinn. Und das ist nicht das einzige Detail, das das Heldenepos auf den Kopf stellt. Von MONA KAMPE PDF erstellen