Mit seinem neuen Roman Die Toten von morgen knüpft Kim Koplin nahtlos an sein Thriller-Debüt Die Guten und die Toten an. Erneut stehen im Mittelpunkt die Berliner Polizistin Nihal Khigarian und der aus Syrien stammende Saad, der sich mit seiner kleinen Tochter Leila immer noch auf der Flucht vor der Rache der Marseiller Mafia befindet. Endete Die Guten und die Toten damit, dass die drei Berlin den Rücken kehrten und in Hamburg einen Neuanfang suchten, hat Nihal das enge Zusammenleben mit den beiden Menschen, die sie liebt, offensichtlich nicht lange ausgehalten und ist in die Hauptstadt zurückgekehrt. Wenige Wochen später folgen ihr Saad und Leila. Und lange dauert es nicht, bis man sich wieder mitten in einem Bandenkrieg befindet und um sein Leben kämpfen muss. Von DIETMAR JACOBSEN
Nihal Khigarian ist zurück an ihrem alten Lebensmittelpunkt Berlin. Und dank ihres Chefs Bernd Schäfer, der weiß, was er an der in ihrer Freizeit boxenden und von einer Olympiateilnahme träumenden Armenierin hat, arbeitet sie auch wieder als Oberkommissarsanwärterin bei der Kriminalpolizei. Gerade beschäftigt sie der Fall eines eiskalt hingerichteten jungen Afghanen, als auch die beiden Menschen, die sie über alles liebt, der Syrer Saad, den seine kriminelle Vergangenheit nicht loslassen will, und Leila, dessen kleine Tochter, für die Nihal eine Art Mutterersatz geworden ist, wieder in Berlin auftauchen. Während Saad mithilfe seines alten Kumpels Mohammed einen Job bei einer dubiosen Umzugsfirma findet, lassen Nihal ein im Sterben liegender Vater und ihr Bruder Jamie, den sie selbst ins Gefängnis gebracht hat, nicht zur Ruhe kommen. Und nur zu bald tauchen auch jene Probleme wieder auf, die Koplins zentrale Figuren eigentlich hinter sich lassen wollten, als sie am Ende des Romans Die Guten und die Toten (2023) über Nacht Berlin den Rücken kehrten.
Zurück in Berlin
Denn Clément, der Marseiller Drogenboss, vor dessen Rache sich Saad bereits in Die Guten und die Toten in Acht nehmen musste, ist gerade dabei, in die deutsche Hauptstadt zu expandieren. Nachdem es ihm im Süden Frankreichs zu stressig geworden ist, hat er sich all das von Berlin versprochen, was ihm zuhause gerade zu entgleiten droht: »stabile Preise, kein Straßenverkauf, keine umkämpften Kreuzungen, alles dezentral«. Da tut sich offenbar an der Spree ein wahres Paradies für entschlossene Männer seines Schlages auf. Also hat er bereits einen ersten Anlaufpunkt für seine Ware, deren Reinheitsgrad höher ist als der des Stoffes, der bisher zwischen Kantstraße und Ku’damm im Angebot war, geschaffen. Dass es sich dabei just um jene Speditionsfirma handelt, in der Saad seit Kurzem jobt, konnte natürlich keiner der beiden Männer wissen. Doch lange bleibt Saad nicht verborgen, wessen Organisation hinter den nächtlichen Transaktionen steckt, bei denen es gutes Geld für sich und seine kleine Tochter zu verdienen gibt. Von da an brennt die Luft.
Auch mit Die Toten von morgen enttäuscht der sich hinter dem Pseudonym Kim Koplin verbergende Berliner Autor und Übersetzer Edgar Rai (Jahrgang 1967) seine Leser nicht. Die Melange aus Liebes- und knallharter Gangstergeschichte kommt an. Denn hier hat ein mit einer gehörigen Portion Schreiberfahrung ausgerüsteter Autor – an die 40 Bücher hat Rai bisher allein, unter verschiedenen Pseudonymen oder mit Ko-Autoren geschrieben – einen wiedererkennbaren und der Explosivität seines Plots angepassten Ton gefunden. Sucht man nach Vergleichen im deutschsprachigen Raum, will einem nicht so schnell etwas derart perfekt Gemachtes einfallen. Allenfalls die letzten Romane von Koplins Berliner Landsmann Johannes Groschupf – ebenfalls bei Suhrkamp verlegt – bieten vom Sujet und der Sprachbehandlung her Ähnliches.
Alte Rechnungen
Dass Nihals und Saads Berliner Wege am Anfang des Romans getrennt voneinander verlaufen, ändert sich jedenfalls schnell. Denn ihre Ermittlungen im Fall eines kaltblütig getöteten jungen Afghanen – er ist das erste Opfer eines immer brutaler werdenden Bandenkriegs zwischen Berliner und Marseiller Gangstern – führen die Polizistin just zu jener Lagerhalle, in der der Mann, den sie noch immer liebt, Arbeit gefunden hat. Was er da tut, ist Nihal schnell klar. Nur wüsste sie gern, ob er sich aus eigenem Willen für diesen Job entschieden hat oder, wie eigentlich immer, unschuldig und aus reiner Not in eine Situation geraten ist, die sehr schnell sehr gefährlich für ihn werden kann. Und schließlich ist da auch noch die kleine Leila, die eines Tages plötzlich vor Nihal steht und sie daran erinnert, dass man eigentlich so etwas wie eine Familie war und auch weiterhin zusammengehört in guten wie in schlechten Zeiten.
Bevor freilich aus Nihal, Saad und Leila erneut eine Einheit werden kann, fließt erst einmal eine Menge Blut die Spree hinunter. Denn jene, die gerade für viel Stress in der Berliner Unterwelt sorgen und deren Oberhaupt Charlie, „seit fünfunddreißig Jahren in Berlins Nachtleben auch als King Charles bekannt“, um den Schlaf bringen, sind nicht gewillt, gewaltlos wieder abzuziehen. Und so müssen sich auch Nihal und Saad ein weiteres Mal in einen Kampf werfen, in dem es nicht zuletzt um ihre eigene Zukunft geht.
Eine feindliche Übernahme
61 meist kurze Abschnitte, überschrieben jeweils mit dem Namen der Figur, aus deren Perspektive das Folgende erzählt wird, strukturieren Koplins zweiten Roman. So kann man als Leserin oder Leser den Fortgang der Ereignisse mal aus Nihals, mal aus Saads Sicht verfolgen oder sich in den Köpfen des Gangsterbosses Charlie und seines französischen Konkurrenten Clément wiederfinden. Wobei Letzterer sich die feindliche Übernahme des Berliner Drogenmarktes offenbar als ein leichtes Manöver vorgestellt hat. Nun aber sieht er sich nicht nur seinen deutschen Konkurrenten und der Polizei gegenüber, sondern auch einem im Kampf um ihre Liebe und deren Zukunft zu allem entschlossenen Paar. Und wie das in der Literatur oft ausgeht, weiß man ja.
Titelangaben
Kim Koplin: Die Toten von morgen
Berlin: Suhrkamp Verlag 2026
270 Seiten. 18 Euro
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