Schicksalsmächtige Klubmoral

Roman | Helene Hegemann: Jage zwei Tiger

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In der Reihe »Literatur & Marketing« bespricht THOR KUNKEL Grenzfälle zwischen Literatur und Selbstvermarktung.

Helene Hegemann ist zurück mit einem kleinbürgerlichen Roman. THOR KUNKEL sprach mit Elisabeth Ruge, der Carl-Hanser-Verlagsleiterin, über den harten Weg von postmoderner Intertextualität zur sentimentalen Nabelschau.

In seinem Buch Der geklonte Mensch beschreibt der Kulturkritiker Alexander Kissler unter anderem die Suche der globalen Netzwerkgesellschaft nach »verbindlichen Regeln«. Auf dem Gebiet der Moral bilde sich »eine Art Klubkultur heraus, in der für verschiedene Gruppen verschiedene Handlungsmuster gelten«. Hauptsache, das »moralische Minimum« bleibe gesichert. Wer die von einem ganzseitigen Interview (in der Welt) flankierte Rückkehr der überführten Abschreiberin beobachtet, kann sich vorstellen, wie minimal dieses Minimum im deutschen Literaturbetrieb inzwischen sein muss.

Während Plagiatsvorwürfe in Politik und Industrie sofort das Ende der Karriere bedeuten, führt er in der von feministischen Glucken verwalteten deutschen Literatur direkt zum renommierten Carl-Hanser-Verlag. Damit ist Hegemann zumindest für die Öffentlichkeit nobilitiert.

In der Presse ist daher auch nur noch von »Plagiatsvorwürfen« die Rede. Vor allem die journalistischen Gehilfinnen der Literatur-Verwertungsmaschinerie wissen von nichts. Wenn der Fall Hegemann eines bewies, dann bestenfalls, dass das Internet doch kein allzu »effizientes Vertriebssystem für gestohlenes Eigentum« (S. Jobs) ist, und dass es nur eines einzigen aufmerksamen Lesers bedurfte, um den Hype um eine durchschnittlich schreibende Jungautorin als Fake zu entlarven. Wer diesen Aufguss einmal mit »Strobo«, dem Original-Roman, vergleicht, wird schnell merken, dass sich Hegemanns Eigenleistung an Airens Textpassagen auf interpunktionelle Kapriolen und Satzfragmente a la Hedwig Courths-Mahler zuspitzen: O du »mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer!«

Überhaupt: Normal wäre es gewesen, den als »Blogger« geschickt anonymisierten Autoren vorher anzurufen und ihm eine Kooperation vorzuschlagen. Doch der Literaturbetrieb ist ja bekanntlich längst eine privat-rechtliche Einrichtung der feudallinken Second-Hand-Schickeria. Hegemann gehört dank ihres Paps zur festen Nomenklatur und nun ist sie also im Betrieb kategorisch neu positioniert. Und zwar ganz oben, ihr Lieben!

Aufstieg statt Aus

Hanser ist kein Gemischtwaren-Laden, sondern ein richtig guter Verlag. In der Vorschau wird Hegemann wie eine Alanis Morissette des Literaturbetriebs inszeniert. Styling, Make-up und halb verdecktes Tattoo gehören dazu. Ein verstört, aus ihrer Kniekehle blickender Hund beweist, dass sie sich nach wie vor mit kleinen Tieren beschäftigt. Sie ist lieb, missverstanden und unendlich verletzt. Ihr neuer Roman Jage zwei Tiger erzählt dann auch »die Geschichte zweier Teenager: Der elfjährige Kai verunglückt mit seiner Mutter auf der Autobahn, weil ein Stein, der von einer Brücke geworfen wird, die Windschutzscheibe ihres Wagens trifft. Die Mutter stirbt, Kai überlebt. Er flüchtet von der Unfallstelle durch ein Waldgebiet, wo er auf Samantha trifft. Das Mädchen gehört zu der Gruppe Jugendlicher, die den Stein geworfen haben. …«

Einfach genial, oder? Autobahnmord kombiniert mit Love-Story. Funktioniert eigentlich immer. Man erinnere sich nur an den Film des jungen Regisseurs Thomas Sieben Distanz, ein Film, der 2009 auf der Berlinale lief und mehrfach ausgezeichnet wurde. Auch die Tatort-Autorin Frauke Hunfeld, deren Todesbrücke 2005 vom HR ausgestrahlt und inzwischen zigfach auf RBB wiederholt wurde, hatte das Thema schon mal auf der Pfanne. Höchste Zeit also, dass eine Autorin, die im Kanon der Hochliteratur zwischen Thomas Mann und Georg Büchner rangiert, das Authentizitätspotential des »Holzklotzwurfs«, – der real vor fünf Jahren auf der Autobahn Oldenburg geschah und eine Frau tötete – , für den Relaunch ihres gekränkten Persönchens verwurstelt.

Im Grunde war Hegemann nie wirklich weg. Ein unter dem Titel Blockbuster eingereichtes Exposé des Axolotl-TXT-Konglomerats wurde vom Medienboard Berlin-Brandenburg anstandslos mit 50.000 Euro gefördert. Im selben Jahr (2011) inszenierte die Autorin in Düsseldorf selten dröges Theater, natürlich auf Vermittlung von René Pollesch, dessen Stücke wiederum an Papis Volksbühne laufen. Zur Zeit der Frankfurter Buchmesse, am 23.10. 2011, beglückte sie das Museum für Moderne Kunst mit ihren geistigen Flatulenzen. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, der Skandal hatte ihr ebenso wenig geschadet wie Michel Friedman, der bizarrerweise am selben Tag im Frankfurter Kammerspiel über die Frage »Wozu brauchen wir eigentlich Moral?« referierte.

Kein Wunder also, dass man die verhätschelte Selbstdarstellerin im Mai dieses Jahres unter den geladenen Gästen des Literarischen Colloquiums antraf, zusammen mit ihrer neuen Verlegerin Elisabeth Ruge, die man eher mit Autoren wie Péter Esterházy, Jonathan Littell und Ingo Schulze assoziierte.

Auf mein Nachfragen rief mich Frau Ruge am 15. Juli an um sich zu meinen Fragen zu äußern. Erstens: Der Roman habe mit dem Plot »der Stein, der von der Brücke fällt« rein gar nichts zu tun. »Das ist nur die Ausgangssituation.« Eine interessante Eröffnung, denn wenn der Plot nicht der Plot ist, warum wird er dann überhaupt in der Vorschau erwähnt? Sie halte »das Buch von Helene« für »ein witziges, gescheites, aber auch tief trauriges Buch«, das habe sie berührt. Wörtlich: »Mich hat aber auch die Autorin stark berührt«. Wie berührt, physisch vielleicht? – Natürlich nicht. Hegemann sei »eine ganz, ganz tolle Person!« Aha! Und weiter: »Ich muss sagen, wenn ich mir überlege, was die erlebt hat und was über sie geschrieben worden ist, und wie sie dann relativ souverän und unversehrt da durch gekommen ist (…) das hat mir gut gefallen«. Hegemann als Tactical Survical Specialist also? Nein, viel mehr: »Hier ist ein sehr, sehr gutes Buch und das muss man sehr, sehr gut verlegen.« Und was heißt das? »Man muss die Hand über diese Autorin halten.«

O schicksalsmächtiges Protektorat… Ich hätte am liebsten an dieser Stelle gesagt: War es je anders? Angefangen von den Kulturbonzinnen des Feuilletons, die Hegemann mit aller Macht hochzuschreiben versuchten, bis hin zu den anonymen Protektoren, die ihren Wikipedia-Eintrag über die Jahre frisierten, – in diesem Lebenslauf wechselt eine schützende Hand die andere ab.

Von Copy/Paste zu Do-it-Yourself

Was mich im Gespräch mit Frau Ruge persönlich berührte? – Dass sie von Airen, dem nach Mexiko ausgewanderten Schriftsteller, immer nur von »dem Blogger« sprach, als würde es sich bei ihm nicht um einen Autoren, sondern um abstraktes »menschliches Quellmaterial« handeln. Es ist dieses Gehangel der falsch gewogenen Wörter entlang einer oberflächlich plausiblen Wahrheit, dieses Weglassen und Paraphrasieren, was einem das intellektuelle Leben in Deutschland verleidet.

Manifestiert sich hier nicht auf beklemmende Weise die Klub- und Leitkultur derjenigen, die sich sonst bei jedem Anlass auf der Seite der Unterprivilegierten stellen und am liebsten grüne Fürze absondern würden, wenn sie nur könnten? Niemand verteidigt seine Eigeninteressen besser als das juste milieu mit seiner angeblich herrschaftsfreien Connections-Gesellschaft, dem urbanen Dschungel-Camp der Talentlosen, dem Sumpf der Menschenrechtslyriker und Stipendienstricher, die die »Fleischtöpfe« der Institutionen belagern.

»Wie hoch war nun eigentlich Hegemanns Vorschuss, liebe Frau Ruge?« Auf meine indiskrete Frage erfahre ich immerhin soviel: »Bei diesem neuen Buch haben wir ein vernünftiges Geld bezahlt, aber eben kein übersteigertes. Und Helenes Agentin hat ihre Entscheidung davon abhängig gemacht, wie man sich zu der Autorin stellt, wie viel Zeit und Zuwendung man dieser Autorin zukommen lassen wird.« Toll, oder?

Das klingt fast nach Mergers & Acquisitions, wie man es aus dem Finanz-Geschäft kennt. Der Verleger wird als Mitgesellschafter im Vorfeld rekrutiert, muss sich quasi zu einer bevorzugten Behandlung von Akte X verpflichten. Doch auf welcher Grundlage, bitte? Sind andere Hanser-Autoren nicht auch »ganz, ganz tolle Personen«, die im Unterschied zu Hegemann auch noch in der Lage sind so richtig gute Bücher zu schreiben? Ich hätte da gerne nachgefragt, ob eine solche Vorgehensweise noch ein »moralisches Minimum« garantiert, aber in ihrer Begeisterung ist die Verlegerin kaum mehr zu bremsen. Es fallen nur noch Superlative.

Und auch »Helene« legte sich offensichtlich gehörig ins Zeug, um einen Fuß in die goldene Tür zu bekommen. Man habe sich »das Buch einmal ganz von der Autorin vorlesen lassen, weil das sehr gedrechselte Sätze sind, die zwar aus der gesprochenen Sprache her geleitet sind, aber dann sehr, sehr kunstvoll sozusagen… miteinander verwoben und ausgereizt werden. Und das konnte man eigentlich am besten hören nach dem ersten Lektorat – oder verstehen, ob sie funktionieren, wenn man sie hört.« Alles klar, oder? – Verstehen, ob sie funktionieren, »wenn man sie hört«? Die »aus der gesprochenen Sprache« hergeleiteten Sätze?

»Und da kam sie dann zu uns in den Verlag volle fünf Arbeitstage lang und hat uns das ganze Buch vorgelesen. Und sie hat das wirklich auch toll gemacht. Die hat einfach eine unglaubliche Energie, diese junge Frau… (..)Im Englischen sagt man, she’s a trooper…« A what? Zu meiner Zeit hatte man solche Autoren einfach Schleimer genannt. Auf Nachfragen erfahre ich aber, dass es sich um eine englische Redensart handelt. Offensichtlich ist jemand gemeint, »der durch den Morast watet, mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken.« Ein robuster Soldat also.

Das Gespräch wird mir an dieser Stelle fast unheimlich, denn Hegemann ist keine Gezeichnete, sie hat nie wirklich gelitten, ihre seelischen Wunden sind Ziernarben, die sie sich aus Eitelkeit zufügen ließ. Hinter der Absicht morbider Kulturkaffern eine mühsam fabulierende Narzisstin zur schriftstellerischen Ikone zu stilisieren, zeigt sich einmal mehr die geistig verwirrte Kulturhegemonie, deren Symptome Joseph Roth, ein ungleich brillanterer Künstler, in seinem Essay Der Antichrist so konstatierte: »Wir nennen einen Großen klein, einen Kleinen groß; das Schwarze weiß und das Weiße schwarz; den Schatten Licht und das Licht Schatten; das Bunte tot und das Tote bunt.«

Nun sind inzwischen auch die Fahnen von Jage zwei Tiger eingetroffen, nicht einfach nur gebündelte Papierbögen, sondern ein liebevoll gebundenes Buch mit einer Farbphotokopie als Cover. Nochmals ein Riesenkompliment an den Verlag. Die Lektüre verdient den Aufwand allerdings nicht. Es ist ein biederes, von RTL-Naturalismus geprägtes Sinnfabrikat, »trashig«, aber eben nur so trashig wie eine der vielen Geschmackslosigkeits-Sendungen, in der straighte Jung-Schauspieler so tun, als ob sie wohlstandsverwahrlost oder durchgeknallt wären. Hegemanns Schreibe scheint dem zu entsprechen.

»Sinnfrei« – wie manche Kritiker ihr früher mal unterstellten – ist ihre Show allerdings nicht: Wer Fördergelder in der Höhe von 50 000 Euro einstreicht und fünfstellige Vorschüsse für Dutzendware aus der Herz-Schmerz-Ecke kassiert, steht wirtschaftlich mit beiden Beinen im Leben. Sozialprestige und Wohlstandsgewinn durch Schreiben, – am Ende des Tages ist es das, was Hegemann von gleichaltrigen Autorinnen und Autoren unterscheidet. Nicht wer gut schreibt, setzt sich durch, sondern wer zur Klubkultur zählt. Erübrigen wir uns die Frage, ob ein »moralisches Minimum« hier noch gewährleistet ist.

| THOR KUNKEL

Titelangaben
Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
München: Hanser 2013
320 Seiten. 19,90 Euro

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