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»Schatz, ich gehe nur kurz Zigaretten holen!«

Roman | Manfred Wieninger: Prinzessin Rauschkind – Ein Marek-Miert-Krimi

Für einen Privat-Detektiv gibt es verschiedene Möglichkeiten, an neue Klienten zu kommen, beispielsweise das Aufgeben einer Anzeige. Wem das zu spießig erscheint, der könnte auch den Polizeifunk abhören und Einbruchsopfern seine Dienste offerieren. Auch Marek Miert, seines Zeichens Harlands erster und bislang einziger Diskont-Detektiv mit Hang zu Mozartkugeln und erlesenem Rotwein, stünden diese Wege offen. Vorgestellt von STEFAN HEUER

Prinzessin RauschkindIn seinem neusten Fall, erneut vom in St. Pölten lebenden Manfred Wieninger zu Protokoll genommen und durch den Haymon Verlag veröffentlicht, findet jedoch mal wieder der Fall ihn, nicht er seinen Fall. Etwas unkonventionell wird er, während er im Behandlungszimmer seines Zahnarztes auf das Einsetzen der Betäubung und die anschließende Wurzelbehandlung wartet, von dessen neuer Sprechstundenhilfe angesprochen und zu einem späteren Treffen gebeten – am Würstelstand vor dem Hauptbahnhof.

Wortlos am Wurststand

Dort offenbart ihm die junge Frau ihr Anliegen: Ihr Freund ist vor sieben Monaten vom Zigarettenholen nicht zurückgekehrt und seitdem verschwunden – ohne Geld, Kreditkarte, Führerschein oder Kleidung mitzunehmen. Ein zur nächsten kurzberockten Blüte weiterziehender Falter, wie Miert mutmaßt, wäre da nicht der ungewöhnliche Umstand, dass Lászlo Zsigmund, so der Name des Mannes, laut polizeilicher Auskunft bereits vor mehr als drei Jahren zurück nach Ungarn gezogen ist – wer also ist der Mann, der über die Jahre die Identität eines Fremden angenommen hat? Nun ja, angesichts der in Aussicht gestellten miserablen Bezahlung (»Eigentlich kann ich Ihnen auch kaum etwas zahlen. Sprechstundenhilfen werden nicht so wahnsinnig gut entlohnt, daneben mache ich zwar noch Aushilfe in der Fischhandlung, aber allein für das viele Duschgel und die Lotions, um den Fischgeruch wieder wegzubringen, gebe ich alles in allem wahrscheinlich mehr aus, als mir der Job einbringt.«) lehnt Miert die Übernahme des Falles ab, die verhinderte Klientin lässt ihn daraufhin wortlos, dafür mit einem Foto des vermissten Mannes am Wurststand stehen.

Gar nicht schlecht

Die Wahrscheinlichkeit der Unwahrscheinlichkeit führt dazu, dass sich Miert schon wenige Minuten später im Hauptbahnhof dem am Boden liegenden Gesicht des Vermissten gegenübersieht – dass der dazugehörige Körper mit drei blutenden Löchern verziert ist und Miert beim Eintreffen der Polizei mit dem Foto in der Hand vor dem frisch Beseitigten steht, wird ihm – verständlicherweise – nicht unbedingt zum Vorteil ausgelegt und mit einem schmerzhaften Niederschlag seitens der Exekutive quittiert. Unversehens ist er nun doch im Fall; mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen, wie er selbst so passend feststellt. Dass er sich kurz darauf beim Verhör mit Polizeichef Gabloner einem »Freund« aus alten Tagen gegenübersieht, der ihn einst mit hässlichen Tricks und einem unbegründeten Disziplinarverfahren aus dem Polizeidienst entfernen ließ, vervollständigt sein Glück.

Er erfährt: Der Tote war Verkäufer bei Hartlauer-Optik(1), ein unbeschriebenes Doppelgänger-Blatt, dem seine eigene Optik zum Verhängnis wurde. Nicht sehr tröstlich für Miert, dass er von Gabloner ein Ultimatum von drei Tagen bekommt, um den wahren Zsigmund aufzuspüren, um nicht selbst als Tatverdächtiger in der Presse zu landen. Ohne Anhaltspunkte ist er gezwungen, nun doch den zunächst abgewiesenen Auftrag der Sprechstundenhilfe anzunehmen …

Klüngelkritik und Stammkneipenbeschiss

Mehr über den Fortgang des Falles zu berichten, nähme unnütz Spannung und Überraschung – bei Wieninger kommt es ja meistens anders und zweitens als man denkt. Was aber auffällt und zu thematisieren und herauszustellen ist: Die Marek-Miert-Krimis, die mit ›Prinzessin Rauschkind‹ bereits in die fünfte Runde gehen, haben im Laufe der Jahre eine merkliche Sprachwandlung vollzogen. Anfangs noch sehr auf die Dialoge und durch Zwischenspiel verbundene einzelne Szenen fixiert, ist Wieningers Erzählstil von Buch zu Buch plastischer, prosaischer geworden, geschmeidiger im Übergang, würziger im Abgang, detailliert in seinen Milieustudien (»Dafür bezahlte man hier nur sehr wenig Miete oder gar keine, weil die vielen Abbruchhäuser längst ein diskretes, wenn auch keineswegs stilles und sehr gemischtes Publikum angezogen hatten. Verkommene, versulzte Hagestolze, ältere Alkoholiker, die ihre letzten Monate und Jahre nicht in einem trockenen, kirchlich geführten Obdachlosenheim oder in einem staatlichen Seniorenwohnheim verbringen wollten, in dem das Aufregendste der dort ausgeschenkte Früchtetee war, ….«) und liebevoll bei seinem Personal (»Seine kurze, gedrungene Gestalt steckte in einem dunkelgrünen, verwaschenen Jeansanzug und ein schwarzgrauer, dünner Pferdeschwanz, wohl sein ganzer Stolz, hing ihm fast bis in die Gegend des Kreuzbeins. Geschleckte, aber irgendwie schiefmäulige Visage mit einer Strandsonnenbrille von Bulgari.«)

Es ist unmöglich, sich dem Lokalkolorit und dem Charme des Dialekts zu entziehen. Wieninger packt mich dort, wo mich in den 80ern schon der ermittelnde Kottan und sein Kollege Schrammel packten: die Skurrilität der Charaktere und Dialoge, die in den Folgen nur halbherzig versteckte Kritik an System und Klüngel, an der Weltpolitik und dem Beschiss in der Stammkneipe, serviert mit lachendem Auge statt erhobenem Zeigefinger.

Wieningers Marek-Miert-Krimis haben sich längst zu einer Marke entwickelt, mit der auf dem Cover offensiv geworben wird. Verständlich, denn wer den essfreudigen und entsprechend korpulenten Diskont-Detektiv einmal auf einer Fahrt in seinem uralten Auto begleitet hat, der will auch beim nächsten Trip dabei sein. Und auch auf einer Kinoleinwand würde sich der Ford Granada gut machen – gelenkt von einem Dieter Pfaff in Höchstform, der für diese Rolle wahrscheinlich noch einige Einheiten beim Italiener einlegen müsste.

(1) Anmerkung für die nicht in Österreich beheimateten Leser: Vor einiger Zeit bin ich aufgrund des besseren Satelliten-Empfangs dazu übergegangen, die meisten privaten Fernsehsender in der österreichischen Ausstrahlung zu konsumieren – bis auf die Werbung und die Vorschau ist das Programm nahezu identisch. Ein gefühltes Drittel sämtlicher Werbezeit auf Pro7 Österreich hat Robert Hartlauer gemietet – als Galionsfigur seiner gleichnamigen Firma wirbt er mit breitem Lächeln für Brillen, Handys und sonstige Güter. Sein Rat zum Ende eines jeden Spots: Tigern Sie zum Löwen! Nicht schlecht …

| STEFAN HEUER

Titelangaben
Manfred Wieninger: Prinzessin Rauschkind – Ein Marek-Miert-Krimi
Innsbruck: Haymon Verlag 2010
204 Seiten, 19,90 Euro

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