/

Vom allmählichen Verschwinden eines Menschen aus der Welt

Roman | Friedrich Ani: Der Narr und seine Maschine

Es scheint der letzte Auftrag zu sein für Tabor Süden, jenen Helden, dem sein Erfinder Friedrich Ani über einen Zeitraum von zwanzig Jahren 21 Romanauftritte gönnte. Der schon einmal verschwunden war, als er sich auf die Suche nach seinem Vater begab. Und nun offensichtlich – der Roman beginnt am Münchner Hauptbahnhof – erneut im Begriff ist, sich davonzumachen. Doch seine letzte Chefin, Edith Liebergesell, weiß, wo sie Süden finden kann. Und bittet ihn ein letztes Mal darum, einen Vermissten aufzustöbern. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Narr und seine MaschineCornelius Hallig ist verschwunden. 64 Jahre alt, nicht sehr groß, kaum herauszukennen unter den Menschen, ein »Klappergestell ohne Reserven«, hat er die Welt der anderen, deren »Funktionsgehege«, wie das bei ihm heißt, verlassen. Dreißig Jahre lebte er, die meiste Zeit davon mit seiner inzwischen verstorbenen Mutter, im Hotel »Prinz Ludwig«: sie in Zimmer Nummer 42, er direkt daneben. Für den Hotelier Josef Ried gehörten die beiden praktisch zur Familie. Und auch für die Angestellten des in die Jahre gekommenen Unternehmens war der Schriftsteller Hallig, der sich als Autor von sieben einst sehr erfolgreichen Kriminalromanen hinter dem Pseudonym »Georg Ulrich« verbarg, ein besonderer Mensch.

Etwa so besonders, wie das der ehemalige Vermisstenermittler bei der Münchener Polizei Tabor Süden für Edith Liebergesell ist. Die Chefin einer kleinen Detektei in der Isarstadt, die eigentlich nur noch auf dem Papier und in den Telefonbüchern existiert, seit der gewaltsame Tod eines ihrer Mitarbeiter und der Brand der Büroräume sämtliche Zukunftsträume zunichte werden ließ, weiß, dass in einem Fall wie dem des verschwundenen Schriftstellers eigentlich nur einer helfen kann: Süden, der seit geraumer Zeit für sie arbeitet. Was sie nicht weiß: Auch der Mensch, mit dem sie eine Nacht im Bett und Hunderte weitere am Tresen verbracht hat, ist auf den Weg in die »allumfassende Unsichtbarkeit«, seit seine Tage wieder »mit Finsternis begannen und in Finsternis endeten«.

Auf dem Weg in die Unsichtbarkeit

Doch weil er sich an die Bücher des verschwundenen Schriftstellers erinnert, nimmt Tabor Süden diesen letzten Auftrag an. Mit seiner grünen Reisetasche, die unter anderem zwei Taschenbücher enthält – Gedichte von Friedrich Hölderlin und den Briefwechsel Vincent van Goghs mit seinem Bruder Theo –, quartiert er sich im Hotel des Josef Ried ein und beginnt, auf seine ganz eigene Art nachzuforschen. Auf dem Fußboden des Zimmers, das dreißig Jahre lang Cornelius Halligs Zuhause darstellte, verbringt er seine erste Nacht in dem Etablissement. Und als der Morgen graut, hat er nicht nur einen Fund gemacht, sondern weiß auch intuitiv, dass der verschwundene Schriftsteller noch nicht am Ende seines Weges angekommen ist.

253 Seiten umfasst die Biographie des Schriftstellers, geschrieben von seiner Lektorin und von Hallig unter einem Hemdenstapel im Zimmerschrank seiner Unterkunft versteckt. Noch beunruhigender als das Manuskript, welches Tabor Süden im Laufe seiner Nacht im Zimmer des Verschwundenen verschlingt, sind allerdings der Geruch nach Waffenöl, den die Schatulle, in der der Blätterstapel gelagert war, ausströmt und eine von ihrem Besitzer offenbar übersehene kleine Spiraldrahtbürste wie die, mit der der ehemalige Polizist Süden seine Dienstwaffe zu reinigen pflegte.

Eine Biographie und eine Waffe

Allein es braucht kaum mehr die Lebensbeschreibung, von der Cornelius Hallig selbst offensichtlich nur ein paar Seiten zur Kenntnis genommen hat, damit Tabor Süden klar wird, wie sehr der Verschwundene ihm ähnelt. Denn auch Süden lebt intensiver mit den Toten seines Lebens als mit den Menschen, die ihm in Fleisch und Blut begegnen. Auch er ist »ein getriebener Schatten, der den Abend nicht erwarten kann«, wie es an einer Stelle heißt. Dass er dem Schriftsteller irgendwann gegenübersitzen wird, weiß er jedenfalls nach der unruhigen Nacht im Hotel bestimmt. Und nach einem Gespräch mit der Lektorin Angela Capelli dämmert ihm auch langsam, wo das sein könnte.

Friedrich Anis Roman, der keine Genrebezeichnung trägt, also weder als »Kriminalroman« noch als »Thriller« daherkommt – und damit auch keine falschen Erwartungen bei seinen Lesern weckt –, ist ein Stück großer und berührender Literatur. Wie man das von dem Münchner Autor und den Figuren seiner bisherigen Bücher kennt, setzt auch Der Narr und seine Maschine mehr auf innere denn äußere Spannung. Und präsentiert eine Welt, durch die sich seine Protagonisten wie im Nebel bewegen, tastend und ständig auf den Zusammenstoß mit einem anderen gefasst – ihn vielleicht sogar erhoffend. Doch ein ums andere Mal führt ihr Weg aneinander vorbei, bleiben ersehnte Berührungen aus, wird man auf sich selbst zurückgeworfen in eine Einsamkeit, die kaum zu ertragen ist.

Georg Ulrich – Cornell Woolrich

Cornelius Hallig hat sein Pseudonym »Georg Ulrich« übrigens ganz bewusst gewählt. »Georg von George […] Ulrich von Woolrich. Kein Geheimnis«, teilt der Schriftsteller Süden mit, als sich die beiden endlich gegenübersitzen – zum ersten und auch zum letzten Mal. Hallig spielt damit auf Cornell Woolrich (1903 – 1968) an, einen der Väter des amerikanischen Noir, der auch unter dem Pseudonym »George Hopley« publizierte. Allein nicht nur der Künstlername Halligs ist es, auf Grund dessen man den vorliegenden Roman als eine geheime Referenz auf Woolrich lesen kann, über den Friedrich Ani in einem flankierenden Essay schrieb: »Vor genau fünfzig Jahren, im September 1968, verstarb dieser Autor in New York, von kaum jemandem vermisst und dennoch unsterblich.«

Um einen Weg zu diesem Vorbild des eigenen Schreibens zu finden, hat Ani in Der Narr und seine Maschine – auch der Romantitel ist ein Woolrich-Zitat, mit dem der sich und seine Passion, das Schreiben, einst charakterisierte – nichts weiter tun müssen, als sich ein weiteres Mal auf Tabor Südens Spuren zu begeben. Denn wenn der am Ende Cornelius Hallig alias Georg Ulrich wiederfindet, ist damit auch ein Stück von Cornell Woolrich dem Vergessen entrissen worden. Einem Vergessen, dem Ani eh schon lange entgegenarbeitet. Denn was er in dem erwähnten Aufsatz über Woolrichs Figuren schreibt, gilt ohne Einschränkung auch für die meisten Charaktere, die er selbst in den vergangenen Jahrzehnten erfand: »[…] Männer wie Frauen – kriechen nachts unter ihren Schatten, um etwas weniger zu frieren; den jeweiligen Helden oder die Heldin hetzen die Mächte der Finsternis in ungeahnte Gefilde.«

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Friedrich Ani: Der Narr und seine Maschine
Berlin: Suhrkamp Verlag 2018
143 Seiten. 18.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Dietmar Jacobsen über Friedrich Ani in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Schlafende Erinnerungen
Voriger Artikel

Stimmungen und Empfindungen

Digitales | Games: Battlefield V
Nächster Artikel

Zurück zu den Ursprüngen

Neu in »Krimi«

Unter falscher Flagge

Roman | Horst Eckert: Im Namen der Lüge
Den Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih kennen die Leser hierzulande bereits aus drei Romanen Horst Eckerts. Nun, in Im Namen der Lüge, tritt mit Melia Khalid eine junge Frau an dessen Seite, die mit ihrem Team für den Staatsschutz in NRW die linke Szene beobachtet. Als ein scheinbar von der RAF lanciertes Papier darauf hindeutet, dass in naher Zukunft mit Anschlägen einer neuen linksautonomen Stadtguerilla zu rechnen ist, wird Melia aktiv. Aber übersieht sie dabei nicht, dass die Gefahr, die vom anderen Rand des politischen Spektrums ausgeht, noch viel größer ist? Und kann sie sich mit dem Mordermittler Veih zusammentun, obwohl es am Anfang zwischen ihnen alles andere als reibungslos zu laufen scheint und der Mann, was den Inlandsgeheimdienst betrifft, seit seinem letzten Fall mit dem Jenaer NSU-Trio ein gebranntes Kind ist? Von DIETMAR JACOBSEN

Brigate Rosse und Vertuschungsversuche durch den Staat

Roman | Davide Longo: Die jungen Bestien

Davide Longo lässt in seinem neuen Roman ›Die jungen Bestien‹ Vincenzo Arcadipane in der Gegenwart und in der Vergangenheit ermitteln. Dabei gerät er natürlich immer wieder zwischen die Stühle und fast auch unter die Räder. Von GEORG PATZER

Brunettissimo – come sempre

Roman | Donna Leon: Geheime Quellen
Der neunundzwanzigste Fall ist es bereits und irgendwie lässt sich die Jahreszeit am Erscheinen jedes neuen Brunetti-Krimis verlässlich ablesen. Schon wieder ist es Sommer, Zeit für eine Geschichte aus der Lagunenstadt: ein bisschen Verbrechen, ein bisschen Familiengeschichte, Büroklatsch, gewürzt mit unüberhörbarer Kritik an Strukturen der Stadt, dem Massentourismus, der Mafia und dem überall nützlichen Mittel der Beziehungen. Die Welt von Commissario Brunetti, seiner Familie, Vize-Questore Patta und Signorina Elletra. Eine Welt, in der man sich als Leser so richtig zu Hause fühlt, meint BARBARA WEGMANN

Wer viel fragt, kriegt viel Antwort

Kriminalroman | Gerhard Henschel: Soko Heidefieber

Eines der Bestsellersegmente in der Literaturszene: der Regionalkrimi. Wie am Fließband rausgehauen, und oft so schlecht, dass es einen graust. So ist es wohl Gerhard Henschel gegangen, denn in seinem neuen Roman bringt er sie einfach alle um. Und unterhält mit seinem »Überregionalkrimi« prächtig. Von GEORG PATZER

Ein Stuntman faked seinen Tod

Roman | Ross Thomas: Der Fall in Singapur

Ross Thomas und der Berliner Alexander Verlag – das passt seit anderthalb Jahrzehnten. Von den insgesamt 25 Romanen, die der amerikanische Kultautor zwischen 1966 und 1994 schrieb, sind unter der Regie von Alexander Wewerka in dessen kleinem Berliner Verlagshaus inzwischen 20 erschienen. In wiedererkennbarer, schöner Aufmachung kommt die Reihe daher. Und die meisten Einzelbände bringen den kompletten Thomas-Text zum ersten Mal vollständig auf Deutsch. Nun also Der Fall in Singapur, Thomas' einziger Mafiaroman, wie der Verlag betont. Aber ob Mafia- oder Wirtschaftskrimi, Polit- oder Detektivthriller – der 1995 in Santa Monica verstorbene Ross Thomas schrieb immer auf einem Niveau, von dem 90 Prozent seiner Kolleginnen und Kollegen auch heute nur träumen können. Von DIETMAR JACOBSEN