In kunterbunten Abgründen

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Comic | Simon Hanselmann: Megg, Mogg & Eule: Hexe total

›Megg, Mogg & Eule‹, die australische Comicserie um eine kiffende Hexe und ihre WG, verspricht skurrilen Spaß und originelle Unterhaltung mit schrulligen Figuren. Doch Vorsicht: Was so unschuldig und naiv aussieht wie die Zeichnungen von Simon Hanselmann, hat es meistens faustdick hinter den Ohren. Eine Warnung von BORIS KUNZ

Hexe_Total_1_Cover_webAch, wie schräg: Der Tasmanier Simon Hanselmann läuft auf Comicfestivals in Frauenkleidern herum, und das Erscheinungsbild der Figuren seines Kiffer-Comics ›Megg, Mogg & Owl‹ hat er sich aus einem Kinderbuch entliehen. Die Comicserie ist im Internet längst zu einem Kult avanciert und erscheint unter anderem als Rubrik im VICE-Magazin, wo die Leserschaft ja keine Scheu vor etwas derberen Themen hat. Denn hier geht es vorzugweise um eines: Figuren, die unter Drogeneinfluss Dinge tun, die man ohne Drogeneinfluss bleiben lassen würde.

Ein Comic wie die Droge, von der er handelt: Nicht so harmlos, wie man glaubt

Megg ist eine Hexe, die auch genau so aussieht wie man sich eine vorstellt: mit spitzem Hut und roten Haaren, grüner Haut und roten Augen. Die roten Augen kommen allerdings wohl daher, dass sie dauerbekifft ist, genauso wie ihr Kater (und gelegentlicher Sexualpartner) Mogg, ein hässlicher kleiner Bruder von Garfield. Der Dritte in ihrer WG ist Eule, eine menschengroße Eule mit Füßen wie Kartoffelstampfer. Und wenn Megg und Mogg nicht gerade auf dem Sofa oder irgendwo im Freien einen durchziehen, sind sie meistens dabei, Eule zu drangsalieren: Sie versauen ihm seine Dates, jubeln ihm Basilikum als Gras unter und tun alles um sein angekratztes Selbstwertgefühl zu zerstören. Die Palette ihrer Bösartigkeiten enthält sogar eine »scherzhafte«Vergewaltigung durch einen Wolf, die sie ihm zum Geburtstag schenken.

Abb: Avant-Verlag
Abb: Avant-Verlag
In der Berichterstattung über ›Megg, Mogg & Eule‹ wird gerne auf ›Trainspotting“ verwiesen und auf andere Drogen-, Stoner- und Unterschichtenstories (wie etwa ›Der König der Fliegen‹), in denen mit satirischer Schärfe, Schonungslosigkeit und einer gleichzeitigen Sympathie für Dreckskerle von Typen erzählt wird, deren Menschsein nach und nach von ihrer Drogensucht aufgefressen wird, deren Eskapaden dabei aber immer noch die Qualität einer Party-Geschichte haben: Weißt du noch, damals, als Werwolf so besoffen war, dass er sich mit einer Käsereibe die Haut von den Eiern abgeschabt hat? Auch Simon Hanselmann wandert auf dem schmalen Grat zwischen bösartigem Humor und schmerzhafter Wahrhaftigkeit, irgendwo zwischen ›Beavis & Butthead‹ und ›Ex-Drummer‹.

Der Webcomic von Simon Hanselmann, der im avant-Verlag jetzt als erstes von mehreren Paperbacks erscheint, ist ein besonders perfides Exemplar dieser Spezies: Ganz ähnlich wie Sfar in seinem ›Vampire‹ Figuren aus Gruselgeschichten benutzt, um Beziehungsdramen zu erzählen, klaut sich Hanselmann Figuren aus Kindergeschichten zusammen (Hexen, Zauberer, anthropomorphe Tiere) und erzählt von Drogentrips, Party-Katastrophen und depressiven Schüben. Dabei sind die stets mit einfachen Stiften handgezeichneten, wie in einem Malbuch säuberlich kolorierten und schließlich eingescannten Seiten von einer solchen Naivität und vorgetäuschten Unschuld, als seien sie tatsächlich auch von einem Kind gezeichnet worden. So trifft es einen nach einer Weile um so härter, dass sich ›Megg, Mogg & Eule‹ nicht in dem Gag erschöpft, niedlich gezeichnete Kinderbuchfiguren kiffen zu lassen. Hanselmann, der den von ihm beschriebenen Menschenschlag selbst erlebt hat, nimmt seine Dramen auch ernst.

»Ihr habt mich vergewaltigt, ihr Schwänze!« – »Sag doch sowas nicht. Es tut uns super dolle leid!«

Hier liegt nun der kritische Moment für den Leser. Wer mangels eigener Erfahrung an Geschichten aus dem Kiffer- und Drogenmilieu nicht so richtig anknüpfen kann, und wer dennoch nicht nur bittere Schadenfreude, sondern auch Empathie für den armen Eule aufbringt, der könnte Megg und Mogg trotz ihrer naiven optischen Erscheinung irgendwann so widerlich finden, dass er sich vielleicht gar nicht weiter mit deren Leben auseinandersetzen möchte. Was will man mit Typen zu tun haben, die ihre Freunde so mies behandeln?

Abb: Avant-Verlag
Abb: Avant-Verlag
Hinter der vermeintlichen netten Skurrilität einer schrägen Webserie lauern Abgründe, und Hanselmann steuert immer wieder direkt in diese Abgründe hinein. Er macht Meggs Angstträume und Horrortrips sichtbar, erzählt von ihrer verkorksten Therapie und färbt seine Seiten auf einmal nur noch Grau in Grau oder überhaupt nicht mehr ein, womit er noch einmal visuell unterstreicht, dass ›Hexe Total‹ mehr ist als nur bunter Lesespaß und Klolektüre für zwischendurch. In der Buchform, in der man sich nun nicht beliebig durch einzelne Episoden klickt, sondern die eine Lektüre am Stück nahelegt, kann die Reihe die Sogwirkung, mit der auch der Leser in den Abgrund der Figuren gezogen wird, wesentlich besser entfalten – genau das könnte aber jenen Konsumenten zu viel werden, die nicht geahnt haben, worauf sie sich einließen…

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Simon Hanselmann (Text und Zeichnungen): Megg, Mogg & Eule: Hexe total
(Megg, Mogg & Owl nach der spanischen Ausgabe Hechizo total)
Aus dem Englischen von Mathias Emanuel Hartmann
Berlin, Avant Verlag 2015
176 Seiten, 24,95 Euro

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