Vom Hundertsten ins Tausendste

Comic | Martin Rowson: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Laurence Sternes Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman stellt als einer der ersten Romane gängige Erzählstrukturen auf den Kopf. Martin Rowson hat den Mitte des 18. Jahrhunderts geschaffenen Text als Comic adaptiert. Von CHRISTIAN NEUBERT

Tristam ShandyLeben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman wurde von 1759 bis 1767 in mehreren Bänden veröffentlicht. Bei dem Werk handelt es sich um eine fiktive Autobiographie, die sich allerdings eher wie eine Satire auf Autobiographien (und andere Erzählformen) ausnimmt. Immerhin kommt der Roman in knapp 1000 Seiten kaum über die Geburt seines Ich-Erzählers – die im übrigen erst nach etwa der Hälfte des Textes stattfindet – hinaus. Stattdessen beschäftigt sich der Ich-Erzähler lieber mit anderen Personen wie seinem Vater oder seinem Onkel. Und mit allerlei Denk- und Merkwürdigem, vor allem aber mit vermeintlichen Nichtigkeiten.

In Tristram Shandy geht es also nur am Rande um die Person, die der Erzählung ihren Namen verleiht. Vielmehr geht es um Dinge wie nachgebaute Befestigungsanlagen, um Steckenpferde (und deren Zweck), um die möglichen Schwierigkeiten, vor die man bei einer pränatalen Kindstaufe gestellt wird, um die Fallstricke der Geburtshilfe und, nun ja, um Nasen. Das alles geschieht in einem abschweifenden, ausufernden Durch- und Drüber- und Neben- und Nacheinander. Tristram Shandys Bewusstseinsstrom entwickelt ständig neue Ausläufer, die alle registriert und ein Stück weit verfolgt werden. Wiedergegeben wird diese assoziative Masse an Eindrücken mit den gestelzten Worten eines wahren Gentleman, dessen Hypotaxen sich genauso wild verzweigen wie das, was er zu berichten weiß.

Hin und her

Mit diesem Anti-Roman, der alles anspricht und nichts zu Ende ausführt, hat sich der britische Zeichner Martin Rowson einen harten Tobak vorgenommen. Rowson, der vor allem für seine politischen Cartoons in englischen Tageszeitungen bekannt ist, weiß jedoch, wie er mit einem derart sprunghaften Stoff umzugehen hat – eben mit der nötigen Sprunghaftigkeit. Wo Stringenz keine Rolle spielt und Spannungsbögen über unzählige Ecken aufgezogen werden, ist Experimentierfreude angesagt. Und Rowson hat diesbezüglich in die Vollen gegriffen.

Es ist erstaunlich, mit welch bizarren Einfällen Rowson der Geschichte, die vom Hundertste ins Tausendste geht, Herr wird. Während er sich von Kapitel zu Kapitel hangelt und die gewaltige Ansammlung an Gedankenmüll abarbeitet, erhebt er den Vorgang des Geschichtenerzählens selbst zum Thema. Er tritt als Autor der Adaption auf, bringt seinen Hund, der vom ziellosen Schwadronieren sichtlich genervt ist, mit ins Geschehen hinter dem Geschehen ein und lässt den eigentlichen Ich-Erzähler auch mal Stellung zum Erzählten nehmen: »LAUFT NICHT davon, sondern, indes wir so dahinzuckeln, lacht mit mir und über mich oder, kurzum, tut, was ihr wollt. – Nur verliert nicht die Beherrschung!!«

Die Gefahr, die Beherrschung zu verlieren, ist im übrigen gar nicht mal so klein. Man muss sich zugegebenermaßen ein Stück weit durch den mäandernden Stoff hindurchquälen – vor allem anfangs, solange man sich noch fragt, was das alles soll. Wer aber durchhält und sich nach und nach an den eigenwilligen Erzählstil gewöhnt, wird immer wieder mit Momenten grotesker, abwegiger Komik und wirklich gelungenen Einfällen auf der graphischen Seite überrascht.

Merkwürdiger Stoff in ungewöhnlichem Gewand

Überhaupt sind es die detailverliebten Schwarz-Weiß-Zeichnungen im Funny-Stil, die dem Comic seine Aha-Momente bescheren und die es verhindern, dass man vor dem schwer zugänglichen Stoff voreilig kapituliert. Zwar schlägt sich in ihnen auch das Aus- und Abschweifende der Erzählung nieder, weswegen die Bilder oft etwas überbordend daherkommen. Dafür lädt die barocke Fantasywelt des Comics – die aussieht, als wäre Gilbert Shelton Monty-Python-Mitglied geworden und hätte filigrane Kupferstiche angefertigt – zu langen Entdeckungsreisen ein, in denen man immer etwas Neues findet. Eine einheitliche Panelstruktur gibt es dabei nicht – die Art und Weise, wie die Zeichnungen in Zusammenhang gebracht werden, ist ebenso wechselhaft wie die ausufernde Thematik.

Die Lektüre von Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman kann durchaus von gemischten Gefühlen begleitet werden. Erste Zweifel weichen jedoch schnell der Begeisterung. Und auch wenn sich einem der sperrige Stoff verschließen sollte, so zeugt der schön editierte Band dennoch davon, welche erzählerischen Finessen die dem Comic eigene Verschränkung von Text und Bild möglich macht – denn was Rowson hier vorführt, ist wirklich eine Wucht!

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Martin Rowson (Zeichnungen und Adaptation): Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
(The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman)
Aus dem Englischen von Michael Walter
München: Knesebeck 2011
176 Seiten. 24,95 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Satan weint nicht

Nächster Artikel

Oper als Arbeit

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Die Magie des »Schema F«

Comic | Fletcher Hanks‘ Bizarre Comic Kunst Fletcher Hanks war von 1939 bis 1941 Tagelöhner der US Comic-Industrie. Mit limitierten Mitteln schuf er bizarre Preziosen, die auf wenigen Seiten viel surreales Potenzial ausschöpfen. Dank eines Sammelbands des BSV-Verlags kann man Hanks nun neu entdecken. Was eine Zeitreise darstellt, die CHRISTIAN NEUBERT gerne unternommen hat.

Allein in den Anden

Comic | Christophe Bec, Patrick Alain Dumas: Aeropostale – Legendäre Piloten. Band 1: Henri Guillaumet In der Splitter-Serie ›Aeropostale‹ erzählt der sonst eher auf phantastische Stoffe abonnierte Autor Christophe Bec wahre Geschichten aus dem Leben französischer Flugpioniere nach, die für die legendäre Gesellschaft ›Aéropostal‹ Anfang des letzten Jahrhunderts Post auf gefährlichen Routen geflogen haben. BORIS KUNZ war beim Jungfernflug der Serie mit an Bord.

Die Fabel der neurotischen Katze

Comic | Alexander Braun (Hrsg.): George Herrimans ›Krazy Kat‹ George Herrimans Comic-Strips der Serie ›Krazy Kat‹ gelten als Pionierwerke der Comickunst, noch lange bevor Comic-Hefte oder Graphic Novels gesellschaftsfähig wurden. Über zehn Jahre, von 1935 bis 1944, zeichnete Herriman einseitige Strips in der Sonntagsausgabe der US-amerikanischen Zeitung ›Evening Journal‹. Die Handlungsstränge zwischen einer Katze, einer Maus und einem Hund legen damit das Fundament für viele Zeichner und gelten die Inspiration für viele weitere Geschichten – von »Tom & Jerry« bis zu Charles M. Schulz‘ ikonischem »Charlie Brown«. So war es längst überfällig, dass der Comic-Experte Alexander Braun nun sämtliche Sonntagsseiten

Comicfestival München

Comic | Comicfestival München Vom 4.6. bis zum 7.6. spricht die Bayerische Landeshauptstadt in Sprechblasen – beim Comicfestival München. Neben einem Programm, das sich definitiv sehen lassen kann, punktet es zudem mit einem neuen zentralen Veranstaltungsort: Der Alten Kongresshalle.

Jungenphantasien in einem erwachsen gewordenen Medium

Comic | Daniel Clowes: Der Todesstrahl Kann es bei all den postmodernen Superheldengeschichten der letzten Zeit (Kick Ass, Superior, den wiederbelebten Watchmen etc.) überhaupt noch möglich sein, einen weiteren originellen Ansatz zu finden, von Superhelden im wirklichen Leben zu erzählen? BORIS KUNZ hat mit Staunen festgestellt, dass es dem vielseitigen Comic-Künstler Daniel Clowes tatsächlich gelungen ist.