Trägerin eines Zeitenschicksals

in Comic

Comic | Barbara Yelin: Irmina

Der hochgelobte Comicroman ›Irmina‹ hätte das Zeug dazu, in der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit eine große Rolle zu spielen. Grund genug für BORIS KUNZ, eine Lanze zu brechen, auch wenn das schon viele vor ihm getan haben.

IrminaCoverHelden und Monster sind es, die uns interessieren, und das ist in der Beschäftigung mit der NS-Diktatur nicht anders. Wir wollen von den Ungeheuern hören, die Hitlers Helfer waren, von Mengele und Göbbels und sadistischen KZ-Aufsehern, und von den Helden, die den Mut hatten, sich ihnen in den Weg zu stellen, von den Geschwistern Scholl, von tapferen amerikanischen Soldaten, Résistance-Kämpfern oder aktuell von Georg Elser.

Unangenehmer ist es da schon, sich die Frage nach den ganz normalen Mitläufern zu stellen, die dieses System getragen haben, indem sie es duldeten, von ihm profitierten, es vor sich selbst und vor anderen kritischen Stimmen verharmlosten.

Barbara Yelin hat in ihrem Comicroman ›Irmina‹ den Mut bewiesen, von einem solchen Menschen zu erzählen, und gleichzeitig um Sympathie und Verständnis für ihn zu werben, ohne ihn zu entschuldigen.

Zwischen Klischee und Eigenwilligkeit

Im ersten Kapitel der Erzählung hat der Leser noch ganz andere Erwartungen für Irminas Zukunft: Da erscheint die junge Frau noch entschlossen und willensstark genug, es mit allen Widrigkeiten des Lebens aufzunehmen und ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Obwohl sie es sich kaum leisten kann, obwohl sie die Sprache erst mühsam lernen muss, und obwohl man als Deutscher im Ausland immer häufiger schräg angeschaut wird, geht Irmina 1934 ohne Schulabschluss nach London und beginnt eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. Sie ist dabei recht unpolitisch, hält Hitlers Regierungszeit für eine »Phase«, die nicht lange dauern wird, und bewahrt sich eher aus Trotz einen gewissen Nationalstolz, denn es geht ihr auf die Nerven, dass immer über Hitler gesprochen wird, wenn die Rede auf Deutschland kommt. Der Nationalstolz hält sie jedoch nicht davon ab, mit einem weiteren Außenseiter anzubandeln: Mit Howard Green, dem schwarzen Jurastudenten aus Barbados verbindet sie bald mehr als nur Freundschaft.

Barbara Yelins Erzählung ist gut recherchiert und reich an historischen Fakten, und die Geschichte lebt vor allen Dingen von langen, vielschichtigen Dialogen, in denen die private Historie ihrer Figuren ebenso zum Tragen kommt wie ihre politische Welt- und Weitsicht bzw. deren Nichtvorhandensein. Yelin erzählt lebendig und findet immer die richtige Balance zwischen Historienroman und den Beziehungsgeschichten der Figuren. Hier und da schleichen sich bei der Annäherung von Irmina und Howard auch ein paar altbekannte Motive in den Comic, die schon seit Jahrzehnten z. B. vom deutschen Historienkino zuverlässig bedient werden: Das Paar zu zweit auf einem klapprigen Drahtesel als Bild für den ersten und einzigen unbeschwerten Sommer vor den düsteren Zeiten. Auch eine romantische Bootsfahrt darf nicht fehlen, samt dazugehöriger Landung im Wasser, die zwangsläufig zu einem pikanten Wechsel in trockene Ersatzklamotten führen muss.

Die Vertrautheit solcher Motive wiegt den Leser in der falschen Sicherheit, den weiteren Verlauf der Story ahnen zu können, so wie auch Irmina meint, ihren Lebensweg bereits bestimmt zu haben. Für den Leser deuten alle Zeichen auf eine große, tragische Liebesgeschichte. Ein deutsches Mädel, verliebt in einen schwarzen Kariben – vor der Kulisse des heraufziehenden Zweiten Weltkriegs: Auf das Paar wird eine Menge Ärger zukommen, wenn aus dieser Liebe tatsächlich etwas werden soll.

Doch was den Leser erwartet ist gleichzeitig undramatischer und doch weitaus erschreckender als eine melodramatische Liebesgeschichte. Das Schicksal zwingt Irmina zurück nach Deutschland, wo ihr nach und nach dämmert, wie unvereinbar ihr derzeitiger Lebensentwurf mit den politischen Realitäten ist. Als Sekretärin an die deutsche Botschaft in London versetzt zu werden? Nicht mehr möglich, nachdem die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien immer schwieriger werden. Sich gleichgültig zeigen gegenüber den nationalsozialistischen Vorstellungen über den Platz der Frau im Volkskörper? Bald ebenso heikel wie gegenüber irgendeinem Freund oder Verwandten zuzugeben, dass man eine Liebesaffäre mit einem schwarzen Demokraten hatte.

Kein richtiges Leben im Falschen

Abb: Reprodukt
Abb: Reprodukt
Auch das hat man in den zahlreichen Hakenkreuzdramen des deutschen Kinos oft gesehen: Der schrittweise Aufstieg der Nazis von schräg beäugten, politischen Extremisten am Rande der Gesellschaft bis zur Herrscherklasse, deren Ideologie jeden Winkel des Privatlebens eines ganzen Volkes durchsetzt. Beeindruckend und ungewöhnlich an Barbara Yelins Comic ist dabei, dass er einen überzeugten Nationalsozialisten wie den Architekten Gregor Meinrich (der bald eine wichtigere Rolle als Howard Green in Irminas Leben spielen wird) als eloquent und begeisterungsfähig zeigt, als aufrichtigen Verehrer, als treu sorgenden Ehemann und Familienvater, und es nicht nötig hat, dieses Bild durch das Ausstellen monströser Schattenseiten der Figur zu brechen. Gleiches gilt für die Hauptfigur Irmina: Als sie sich stumm und untätig vom Fenster zurückzieht, als unten in ihrer Straße die ersten jüdischen Geschäfte geplündert und ihre Besitzer abtransportiert werden, ist das nicht monströs, sondern erschreckend konsequent und nachvollziehbar. Yelin beschreibt Nazis, die nicht aus Boshaftigkeit, Sadismus oder Minderwertigkeitskomplexen zu Nazis wurden, nicht aus Arroganz, Dummheit oder Unwissenheit, sondern einfach nur, weil es opportun war, um Teil der Gesellschaft zu sein, um beruflich weiterzukommen, um zu überleben.

So verweigert die Geschichte ihren Figuren auch eine reinigende Katharsis. Nur sehr indirekt wird Irmina mit den grausigen Auswüchsen des Naziregimes konfrontiert und stets überschattet das kleine persönliche Drama den Blick auf die unfassbare Tragik des Weltgeschehens: Die Nachricht, der Ehegatte sei im Krieg gefallen, wiegt schwerer als eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust, und die Konzentration auf das eigene Leid verbaut den Blick auf das Unfassbare, das man schweigend und duldend mitgetragen hat. Damit wird diese einstmals lebenslustige junge Frau, die vom Schicksal zu immer größerer Unscheinbarkeit verdammt wird, zu einer symbolhaften Trägerin eines Volks- und Zeitenschicksals.
Eine Konfrontation Irminas mit ihrer Vergangenheit findet im letzten Teil des Comics auf eine ebenso unerwartete wie stille, fast beiläufige Art und Weise statt – obwohl wir hier an den exotischsten Ort der ganzen Geschichte geführt werden: Auf die Insel Barbados …

Aus groben Strichen fein gesponnen

Im letzten Teil hält dann ein wenig mehr Farbe in die Geschichte Einzug, doch auch über die Nazizeit hinaus bleibt Irminas Leben stark monochrom, schaffen es nur wenige Farbnuancen durch das bläuliche und bräunliche, pastellige Grau. Auch als Zeichnerin liefert Yelin eine ebenso solide wie eigenwillige Arbeit ab, kann aber an manchen Stellen auf ein paar gängige Motive nicht verzichten, wie etwa das kräftige Rot der Hakenkreuzfahnen, das aus dem grau in grau gehaltenen Berliner Stadtbild hervorsticht. Auf manchen ihrer doppelseitigen Panels, die immer wieder die Erzählung unterbrechen, und die meistens Irmina als winzige, isolierte Figur inmitten ihres wechselnden Umfelds zeigen, gelingt es Yelin ohne übertriebene Symbolik Nazideutschland als bruegelsche Hölle sichtbar zu machen. In dem Bild eines Tanzabends etwa, in dem die Luft vom Zigarrenrauch der Hakenkreuzträger unheilschwanger zugequalmt wird.

Ansonsten bemüht sich Yelin eher darum, den historischen Alltag der Figuren nachzuzeichnen. Bei allem Aufwand, der dafür betrieben wird, bleibt die grobe Bleistiftskizze, die hinter den Bildern steht, immer offensiv sichtbar, die Zeichnungen verbergen zu keinem Zeitpunkt ihre eigene Entstehungsgeschichte. Auch wenn Yelin vom Expressionismus ihres bekannten Werkes ›Gift‹ ein gutes Stück entfernt ist, mag ihr Stil manchen verwöhnten Augen an gewissen Stellen noch etwas zu grob und skizzenhaft wirken.

Umso feiner gesponnen ist ihre Geschichte, die ohne erstaunliche Wendungen, hochdramatische Momente oder große Gesten auskommt. Jeder zweite Leser könnte in Irminas Geschichte mehr oder weniger das Leben der eigenen Großmutter wiedererkennen. So merkt man erst nach und nach, erst beim Verdauen sozusagen, was für ein gelungenes Kunstwerk dieses Album eigentlich ist. Das subtile Schlusskapitel adelt diesen Comicroman und hebt ihn weit über das hinaus, was er im ersten Kapitel noch hätte werden können: Ein gut gemachtes Hakenkreuzmelodram.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Barbara Yelin: Irmina
Berlin: Reprodukt 2014
288 Seiten, 39 Euro
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