»Wir wollten uns einfach mal austoben«

in Comic/Porträt & Interview

Comic | ICSE 2016 Spezial: Interview mit Sascha Wüstefeld und Ulf Graupner

Es war wohl voreilig, sich für ein Interview mit den Machern der Fortsetzungsstory ›Das UPgrade‹, Ulf Graupner und Sascha Wüstefeld, am Rande des Erlanger Comic Salons zu melden. Als er die beiden ersten Bände gelesen hatte, hatte ANDREAS ALT das Gefühl, er müsste sich mit der DDR-Gesellschaft und mit dem ostdeutschen Comicheft ›Mosaik‹ viel besser auskennen, um das zu verstehen. Ganz abgesehen davon, dass die Story munter durch die Zeiten springt und auch sonst ziemlich verrätselt ist. Besser, den beiden Künstlern gleich zu Beginn des Gesprächs zu gestehen, dass man leider nur wenig Durchblick hat. Die nahmen das aber ganz locker und sahen darin kein Hindernis für ein sympathisches Gespräch.

Sascha Wüstefeld: Man muss eigentlich für ›Das UPgrade‹ kein Vorwissen haben. Man muss nicht die DDR-Geschichte kennen. Es dreht sich nur am Rande um die DDR, weil Ronny, eine der Hauptfiguren, von dort kommt. Es tauchen immer mal Anspielungen auf das alte ›Mosaik‹ mit den Digedags auf …

Ulf Graupner … weil das Ronny in seiner Kindheit gelesen hat. In der DDR gab’s eben nur ein reines Comicheft, das ›Mosaik‹.

TITEL kulturmagazin: Gut, dann würde ich gern wissen: Wie ist ›Das UPgrade‹ zustande gekommen, wie war die Veröffentlichungsgeschichte?
UG: Wir wollten einfach auch mal einen Comic machen, bei dem wir uns austoben können, Sachen machen können, die wir sonst bei unseren Auftragsarbeiten vermeiden müssen. Wir haben das als seelischen Ausgleich gesucht. Erst mal wollten wir unsere Kindheit und unsere eigenen Erfahrungen mit verarbeiten.

»Die ›Zitty‹ fand’s gut, und wir als Berliner fanden die ›Zitty‹ gut«

Sascha Wüstefeld Abb: Cross Cult
Sascha Wüstefeld
Abb: Cross Cult
SW: Wir wollten mal was zusammen machen, weil wir uns schon so lange kennen. Es war immer nicht richtig Zeit, und dann haben wir auf dem Comicfest in München 2009 gesagt: Komm, jetzt machen wir Ernst. Da hatten wir schon erste Ideen. Zwei Jahre später, wieder auf dem Comicfest, haben wir Flyer verteilt, auf denen schon das Erscheinungsdatum stand, obwohl wir gar keinen Verlag hatten. Wir wollten uns selbst unter Druck setzen und sagten: Wenn wir keinen Verlag finden, bringen wir’s selbst heraus. Den Flyer hat dann Fil zum Berliner Stadtmagazin ›Zitty‹ gebracht. Die fand’s gut, und wir als Berliner fanden die ›Zitty‹ gut. Das ist dort eine Hausnummer und war über viele Jahrzehnte geschmacksbildend. Eine Zeitschrift, in der ganz viele Karikaturen drin waren und Artikel über Popkultur, die ein bisschen anders geschrieben waren. Ich rede in der Vergangenheitsform, weil das alles nicht mehr so ist. Als wir zwei Bände herausgebracht hatten, wurde die ›Zitty‹ verkauft, und die neuen Herausgeber wollten generell keine Comics mehr machen. Dadurch mussten wir Band 3 selbst herausbringen. 2014 waren wir hier auf dem Comic Salon mit einem selbst produzierten Heft, mit dem wir uns sehr viel Mühe gegeben haben. Es gab aber nur 500 Stück, keine ISBN. Da haben wir dann Cross Cult getroffen, und die wollten das gern machen. Die haben noch mal bei Band 1 angefangen. Band 3 ist jetzt eben im Albenformat erschienen, und Band 4 ist gerade in Arbeit.

Ist der Comic, also alle zehn Bände, schon komplett entworfen?
UG: Es gibt eine grobe Handlung, aber wenn wir uns an einen Band setzen, wird die noch mal richtig ausgefeilt.

SW: Die Story ist schon auf die Bände aufgeteilt – wir wissen, was in Band 10 passieren wird. Aber es dauert sehr lange. So viel Raum gibt es schon, dass man in fünf Jahren noch etwas draußen lassen oder vielleicht etwas Aktuelles reinbringen kann. Wohin sich die Figuren bewegen und was am Ende passiert, steht dagegen fest.

»Zusammen kommen wir auf bessere Ideen«

Wie arbeitet Ihr zusammen?
SW: Die Story machen wir beide. Da setzen wir uns zusammen, werfen uns die Bälle zu, machen Skizzen. Da kommen wir auf bessere Ideen, als wenn wir jeweils allein vor uns hinbrüten würden.

UG: Wir steigern uns gegenseitig.

SW: Dann machen wir kleine Scribbles. Und dann zeichne ich das alles. Ulf zeichnet manchmal mit, wenn zum Beispiel ein anderer Stil gebraucht wird für irgendeine verrückte Traumsequenz. Massenszenen zeichnet er – da bin ich zu faul, die zu machen.

UG: Wir wollen, dass es homogen aussieht. Deshalb zeichnen wir an Stellen zusammen, wo’s nicht auffällt oder wo’s gewollt ist, dass es anders aussieht. Arbeitsteilung mögen wir nicht so, amerikanische Fließbandarbeit. Das ist dann immer ein komisches Konglomerat aus Stilen.

SW: Ulf macht dann die gesamte Grafik. Es ist ziemlich viel Grafik-Design dabei – vom Logo über die Covergestaltung, eine Druckveredelung, oder innen das Vorsatzpapier oder die Schrift. Wir stehen auf Grafik-Design, auf cool gedrucktes Zeug, und deshalb versuchen wir immer, uns fürs Cover etwas Besonderes auszudenken.

UG: Es soll so schön aussehen, wie es in unserer Macht steht. Wir lassen uns dabei auch viel mehr Zeit als andere.

Was ist es, das Euch verbindet, außer der Zeit bei ›Mosaik‹?
UG: Wir hatten dort eine Überschneidungszeit. Ich habe im Dezember 1992 angefangen und bin eher als Sascha gegangen.

SW: Die Überschneidungszeit war nicht so lang. Ich bin 1997 gekommen und Du hast 1998 aufgehört. Wir haben uns aber da angefreundet und hatten da schon einen ähnlichen Geschmack, eine ähnliche Sicht, wie das ›Mosaik‹ aussehen soll. Aber bei unserem Musikgeschmack gibt’s auch Überschneidungen, klamottentechnisch auch … (Ulf und Sascha tragen beide dunkle Hosen und schwarze T-Shirts).

UG: Wenn man so lange befreundet ist, dann lässt man sich auch anders aufeinander ein.

»Bei ›Mosaik‹ bin ich stilistisch aus dem Rahmen gefallen«

Das UpGradeSW: Ich bin ja der Jüngere und muss sagen: Ich habe von Ulf, als ich bei ›Mosaik‹ angefangen habe, das meiste gelernt. Alle anderen haben mich einfach so machen lassen. Nicht mal der künstlerische Leiter hat mir viel erklärt. Aber Ulf hat mir wertvolle Tipps gegeben als totalem Neuling. Die Leute, die jetzt da sind, müssen sich unglaublich zusammenreißen. Denn von außen kommt kaum irgendeine Kritik. Auch ich bin da stilistisch aus dem Rahmen gefallen, aber keiner hat etwas dazu gesagt. Erst vielleicht eine Woche nach Erscheinen des Heftes habe ich erfahren, mitunter nur von Fans, nicht aus der Redaktion, dass meine Seiten denen nicht gefallen haben.

UG: Es ist auch schwierig, die Leute stilistisch unter einen Hut zu bringen. Es fehlt eine straffe führende Hand, wie das damals bei Hannes Hegen war. Bei mir gab es zumindest noch eine gewisse Zeit der Einarbeitung. Man hat im ersten halben Jahr auch nur einen Teil des Gehalts bekommen.

SW: Die ersten 14 Tage habe ich nur da gesessen und geübt; ich war Praktikant. Dann hieß es: »Was ist denn mit der Seite?« – »Welche Seite eigentlich?« – »Ja, du sollst die doch zeichnen!« Ich war wie vom Donner gerührt: »Wie soll ich jetzt die Seite zeichnen; ich kann das doch gar nicht« …

Nun hat aber ›Das UPgrade‹ mit ›Mosaik‹, wenn ich Euch richtig verstanden habe, gar nicht so viel zu tun. Ich habe gedacht, man liest das am besten als ehemaliger Ostler, der die Anspielungen versteht.
UG: Es gibt keine Anspielungen, es kommt nur in Band 2 ein ›Mosaik‹-Heft vor. Und die Handlung spielt mal bei den alten Azteken, wo auch die Digedags waren. Einen tieferen Sinnzusammenhang gibt’s nicht.

»Teleportieren ist in der DDR eine coole Eigenschaft«

Könnt Ihr erzählen, worum es in ›Das UPgrade‹ geht, ohne zu viel zu verraten?
SW: Es geht um Ronny Knäusel, das ist unsere Hauptfigur, der als Kind bemerkt, dass er sich teleportieren kann. In der DDR ist das natürlich eine coole Eigenschaft.

Die Abrafaxe konnten das doch auch …
UG: Die hatten diese Fähigkeit nicht in sich, sondern sind immer in eine Höhle oder ähnliches gekommen, wo das zufällig passiert ist, wo sie durch ein Zeitportal gingen.

SW: Ronny kann sich wegwünschen, aber nicht in eine andere Zeit wünschen.

»Der Leser muss auch mal bereit sein, einen weiteren Weg zu gehen«

Mich hat der Anfang auch ein wenig an die ›Watchmen‹ erinnert: Zu Beginn stirbt ein Superheld, und man fragt sich: »Warum? Was ist passiert?« Und dann wird das allmählich aufgedröselt.
SW: Den Vergleich mit den ›Watchmen‹ haben wir schon oft gehört. ›Das UPgrade‹ ist tatsächlich wie eine Materialsammlung von Ereignissen, die man sich als Leser über weite Strecken selbst im Kopf zusammensetzen muss. Im dritten Band gibt es zum Beispiel einen ›Rolling Stone‹-Text, also Textpassagen wie bei ›Watchmen‹. Und die Bilder sind genauso wichtig wie der Text. Wir möchten, dass man, auch wenn man nicht sofort alles versteht, immer weiter liest, dass man sich unterhalten fühlt. Und wir versprechen: Unsere Story wird einen Sinn ergeben. Ich finde, man muss als Leser auch mal bereit sein, einen etwas weiteren Weg zu gehen. Durch Cosmo Shleym, die andere Hauptfigur, in Amerika versuchen wir, einen Kontrast aufzubauen zu der DDR-Welt. Er ist ein verrücktes Genie wie Brian Wilson. Diese 60er-Jahre-Kultur gibt meinen Geschmack wieder. Und Cosmo hat etwas damit zu tun, warum sich Ronny teleportieren kann. Das geht nur, wenn er einen bestimmten Song hört. Frau Bellmann – die gibt’s offensichtlich mehrfach. Wer sie ist, kommt im dritten Band schon etwas klarer heraus.

Was bedeutet der Titel ›Das UPgrade‹? Der Begriff kommt aus der Computerwelt, es ist eine Aktualisierung eines Programms.
UG: Ein Upgrade ist immer die neueste Version eines Produkts, die auf der alten Version basiert und eine technische Neuerung beinhaltet.

Was wird hier geupgradet?
UG: Der Begriff bezieht sich bei uns auf alle möglichen Dinge. Sowohl auf die Persönlichkeit von Ronny, der mit der Wende ein Upgrade erfährt …

UpGrade2SW: Sein erstes Upgrade ist, dass er entdeckt, dass er sich teleportieren kann. Auch die DDR erlebt er als Upgrade. Im weitesten Sinne ist Upgrade eigentlich das Leben, denn der Weg geht ja immer weiter, und man versucht immer, sich zu verbessern. Bei Ronny passiert das ziemlich häufig. Das ist das zweite Motiv, das sich durch den ganzen Comic zieht. Wir versuchen bewusst, Ereignisse auszusuchen, die ein Upgrade waren, wie eben die Wende. Cosmo wird im dritten Band einen Song schreiben, mit dem er etwas erzielt, was vorher nicht möglich war. Es ist immer eine Transformation von einem alten Zustand, der nicht mehr okay ist, zu einem neuen. Ronny wird etwa arbeitslos, weil kein DDR-Bürger mehr rausteleportiert werden muss. Dass es so richtig gut wird, sehen wir auch nicht.

»Ein Upgrade ist nicht immer unbedingt besser als die vorherige Version«

UG: Bei einem Computerprogramm-Upgrade ist es ja auch so, dass es nicht immer unbedingt besser ist als die vorherige Version, und so ist es in unserer Geschichte auch.

Jedenfalls ist ›Das UPgrade‹ nicht nur Unterhaltung, sondern der Comic soll auch etwas erklären, etwas bedeuten?
SW: Wir hoffen jedenfalls, dass auch etwas durchguckt durch die lustigen Zeichnungen. Die lenken eigentlich davon ab, dass die Thematiken, um die es da geht, teilweise ziemlich heavy sind. Ronny will sich offenbar umbringen, und Cosmo ist auch ganz schön am Ende. Im dritten Band geht es vor allem um Cosmo und was es mit ihm auf sich hat. Band 4 dreht sich dann um Ronny, da wird dann er komplett beleuchtet. Man lernt viel über die Motivation der beiden Figuren. Was haben die überhaupt davon, sich so zu engagieren? Ronny wird beispielsweise herausfinden, warum er sich teleportieren kann. Wieso kann er das? Diese Fragen sollen nun beantwortet werden, dazu sind die beiden Bände da. Nach Band 4 ist das Fundament der Story fertig. Von da aus werden wir in eine ganz neue Art von „Upgrade“ starten. Dann sind die beiden Figuren zusammen als ein Duo.

Wird es dann eine straighte Actiongeschichte?
UG: Nein. Es ist unsere Erzählweise, dass man nicht alles immer sofort versteht, damit die Spannung aufrechterhalten bleibt.

»Geschichten werden oft zu linear erzählt«

SW: Wir trauen dem Leser zu, dass er mitbekommt, dass a-chronologisch erzählt wird. Er muss die einzelnen Bestandteile zusammensetzen, damit er die Geschichte versteht. Ich finde, dass Geschichten, gerade im Kino, oft zu linear erzählt werden, weil man sagt: Das versteht das Publikum sonst nicht. Jeder Name wird zehn Mal genannt, damit man sich den merkt. Die klugen Zuschauer durchschauen das und sind gelangweilt. Das muss man verhindern, indem man die Story ein bisschen verrätselt. Man muss natürlich aufpassen, dass es nicht krampfhaft kryptisch wird.

Welchen Erfolg hatte ›Das Upgrade‹ bisher? Wisst ihr, wer die Bände kauft?

Ulf Graupner
Ulf Graupner
Abb: Cross Cult
SW: Also von der ersten ›Zitty‹-Ausgabe gab es eine zweite Auflage. Ich glaube, die erste Auflage von Cross Cult verkauft sich auch ganz okay. Die nächsten Bände ziehen jetzt die Verkaufszahlen der ersten wieder hoch. Es läuft schon. Sonst würde Cross Cult wohl sagen: »Naja, die Goldfolie auf dem dritten Cover muss nicht sein.«

In Italien ist ›Das UPgrade‹ jetzt erschienen. Dort können die Leute mit der DDR-Vergangenheit natürlich nichts anfangen. Wir haben den Verlagsleuten gesagt: »Guckt mal, Sachen wie das X. Weltfestspiele 1973 in Ost-Berlin gab’s wirklich!« Das hat die gewundert und auch gefreut. In Frankreich gibt’s an ›Das UPgrade‹ wohl auch Interesse. Dort wollte man erst mal wissen: »Kommt da noch mehr?« Wir sind vollkommen zufrieden – dafür, dass das Ganze als ein Spaßprojekt angefangen hat.

UG: Es ist eine Verantwortung. Wir führen das jetzt zu Ende, egal, was kommt.

Gab es Reaktionen der Leser?
SW: Die Leute hier in Erlangen sind schon begeistert, nur vom Durchblättern.

UG: Wir haben sehr viele weibliche Leser, vor allem bei Band 1. Vielleicht mögen die den kleinen Ronny, wer weiß?

SW: Die lesen das sehr genau – so, dass wir uns manchmal fragen: DAS sollen wir geschrieben haben?

| ANDREAS ALT

Reinschauen
| ›Das Upgrade‹ Bd 1+2 – vorgestellt in TITEL kulturmagazin
| Webpräsenz von ›Das Upgrade‹

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