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Furchtbar, aber auch komisch

Menschen | Zum Tode des US-Dramatikers Edward Albee

»Wenn man eine Gesellschaft kritisieren will, muss man Außenseiter dieser Gesellschaft sein«, so das dichterische Credo des Dramatikers Edward Albee. Obwohl er dreimal den Pulitzerpreis erhielt (zuletzt 1994 für ›Drei große Frauen‹), ist er in der amerikanischen Gesellschaft selbst immer Außenseiter geblieben. Von PETER MOHR

Edward AlbeeAnfang der 1950er Jahre riet der weltberühmte Thornton Wilder dem damals noch unbekannten Edward Albee »Stücke zu schreiben.« Später mutmaßte Albee, »vielleicht nur darum, weil ich lediglich ein mäßiger Gedichteschreiber war.« Dennoch dauerte es bis 1959, ehe Albees erstes Stück ›Die Zoogeschichte‹ zur Uraufführung gelangte. Nicht etwa auf einer amerikanischen Bühne, sondern – ebenso wie ein Jahr später ›Der Tod der Bessie Smith‹ – in Berlin unter Boleslaw Barlog. Dieser, unter dem Einfluss von Samuel Beckett entstandene Einakter gilt als erstes US-amerikanisches Stück des absurden Theaters.

Albee galt in seiner amerikanischen Heimat zunächst als eine Art Nestbeschmutzer, gehörte er doch zu den exponierten Kritikern des viel gepriesenen »American way of life«. Schon Anfang der 1960er Jahre befand er: »Dieses Land und seine Menschen sind krank von Neonlicht und Rekordsucht.« Edward Albee, der am 12. März 1928 in Washington geboren und zwei Wochen nach seiner Geburt vom wohlhabenden Ehepaar Albee adoptiert wurde, stand mit seinen Adoptiveltern immer auf Kriegsfuß. Vater Reed (Erbe eines Tourneetheaterkonzerns) und Mutter Frances (Fotomodell der Haute Couture) hat er auf boshafte Weise ein literarisches Denkmal gesetzt. In seinem Einakter ›Der amerikanische Traum‹ entlarvt er die in der US-Nachkriegsgesellschaft und in seinem Elternhaus dominierende Jagd nach Statussymbolen und den fast manischen Drang zur Anpassung an soziale Normen.

Albees frühe Stücke, die eine Mischung aus O’Neill und Ionesco präsentieren, drohen vor Gesellschaftskritik förmlich überzuquellen. Viele seiner Figuren wirken deshalb überzeichnet – beinahe entmenschlicht, wie symbolbeladene Karikaturen. In den USA stellte sich der Erfolg erst mit dem weltberühmt gewordenen Dreiakter ›Wer hat Angst vor Virginia Woolf?‹ (1962) ein, der später von Mike Nichols mit Liz Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen erfolgreich verfilmt wurde – ein an Strindberg erinnerndes Ehedrama um den Historiker George und dessen egozentrische Ehefrau Martha.

Wer hat Angst vor Virginia WoolfMaßgeblichen Anteil an Albees Erfolg in den USA hatte der Regisseur Alan Schneider, der außer ›Virginia Woolf‹ auch noch die Uraufführungen von ›Winzige Alice‹ (1964), ›Empfindliches Gleichgewicht“ (1966) und ›Kiste und Worte des Vorsitzenden Mao‹ (1968) inszenierte. In seinem 2002 uraufgeführten und mit dem Tony Award preisgekrönten Stück ›Die Ziege oder Wer ist Sylvia?‹ kratzte Albee noch einmal kräftig am »guten Geschmack«. Der Protagonist Martin Gray, ein erfolgreicher Architekt, entdeckt an seinem 50. Geburtstag eine neue Liebe. Nach zwanzig Jahren glücklicher Ehe verliebt er sich in Sylvia, keine wahre Nebenbuhlerin seiner Ehefrau Stevie, sondern eine Ziege.

Rassendiskriminierung, religiöser Wahn, die Vereinsamung des Individuums in den großen Städten, der Geschlechterkampf, die bürgerliche Doppelmoral – Albees Themen waren von zeitloser Aktualität. Die ambivalenten Gefühle, die seine Stücke auslösen, lassen sich kaum besser charakterisieren, als durch die Bühnenfigur Martha in ›Wer hat Angst vor Virginia Woolf?‹ – »Es war furchtbar, es war auch komisch, aber eigentlich war’s furchtbar!« Am Freitag ist Edward Albee im Alter von 88 Jahren in Montauk/New York gestorben.

| PETER MOHR
| Titelfoto: UH Photographs Collection, 1948-2000

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