Galopp durch das Gehege der Tabus

Jugendbuch | Mårten Melin: Etwas mehr als kuscheln

Wir sind ja aufgeklärt, also sexuell. Kinder auch. Für die gibt es ganz tolle Sachbücher zum Thema, so toll, dass Erwachsene nicht rot werden müssen, sollte das Kind eine Frage stellen. Aber das Thema in einem Roman für Zwölf-, Dreizehnjährige, richtig deutlich und ausführlich? Der schwedische Autor Mårten Melin hat sich beherzt aufs Ross geschwungen und galoppiert mitten durch die liebevoll gehüteten Tabus. Mit beeindruckendem Ergebnis. Von MAGALI HEISSLER

Mårten Melin - Etwas mehr als kuschelnManne ist dreizehn und dabei, die Möglichkeiten seines reifer werdenden Körpers zu erkunden. Vor allem die lustvollen Seiten. Es macht ihn ziemlich sprachlos, aber er ist auch begeistert. Aber wie damit umgehen? Sich berühren ist voll okay, aber noch schöner wäre es, ein Mal ein Mädchen anzufassen. Oder auch zwei- oder drei Mal. Verliebt ist er schon bzw. war es. Er hat eine Schulfreundin gefragt, ob sie mit ihm zusammen sein will. Sie hat nur den Kopf geschüttelt. Unter der Zurückweisung leidet Manne noch.

Die Pornobilder, die sein bester Freund Alvin auf dem Handy hat, sehen interessant aus, aber das Wahre sind sie nicht, findet Manne. Noch schlimmer ist, dass seine knapp zwei Jahre ältere Schwester Moa und deren beste Freundin ihn »niedlich« finden. Er ist doch kein Kuschelbär! Die ganz neue Freundin von Moa allerdings verhält sich anders.

Manne ist verwirrt und dann hingerissen. Amanda ist sehr offen, sehr direkt. Noch ist sie nicht fünfzehn. Die Erfahrungen sind überwältigend. Und ein Geheimnis.

Durch einen dummen Zufall kommt es heraus. Von dem Moment an herrschen Schuldgefühle und Selbstzweifel. Das konnte ja nicht gut gehen. Oder doch?

Zur Sache

Melin nimmt kaum ein Blatt vor den Mund in seiner Erzählung von Manne und Amanda. Es geht um Körper, Lust, sexuelle Erfahrung. Die beiden Jugendlichen sind neugierig, Erforscherin und Forscher auf dem Weg ins Unbekannte. Junge Leserinnen und Leser werden sich sofort wiederfinden. Amanda ist aktiver, sie weiß zudem, was auf dem Spiel steht, sobald sie die Grenze des Schutzalters überschritten hat, in Schweden eben fünfzehn Jahre. Nur wenige Wochen trennen sie von diesem Geburtstag, ein Grund, warum sie so kühn zur Sache geht.

Manne versteht die Schwierigkeit mit dem Schutzalter nicht recht, überhaupt belässt Melin dieses und manches andere Problem blass im Hintergrund zugunsten der Geschichte, die er erzählen will. Und wie er sie erzählt! Es sind traumhafte Sommerwochen, erregend, lustvoll, faszinierend.

Es gibt nie Zweifel daran, dass es sich bei den Hauptfiguren um sehr junge Teenager handelt, halbe Kinder, die toben und spielen und noch Spaß an spannenden Kinderbüchern haben. Dabei winkt Melin auffällig einer schreibenden Kollegin zu, was nicht nötig gewesen wäre für das Textverständnis. Aber vielleicht wird man dadurch auch hierzulande endlich aufmerksamer auf die Bücher von Kerstin Lundberg Hahn.

Der Konflikt gegen Ende wird in aller Härte ausgetragen, Mannes starke Gefühle, Schuld, Versagen, Verlust ebenso klar wie wahr beschrieben. Körperlichkeit ist nicht alles, auch die Psyche und mit ihr das Denken gehören dazu. Melins Geschichte ist eine über Sexualität als Gesamtheit aus Körper und Geist.

Romanze

Die Geschichte von Manne und Amanda ist auch eine Liebesgeschichte und dafür hat sich Melin etwas einfallen lassen. So besehen ist sein kleiner Jugendroman rund und gut.
In manchen Details allerdings muss er sich Einwände gefallen lassen. So wird die tatsächlich herrschende gesellschaftliche Doppelmoral, wenn es um Sexualität geht, zu lässig behandelt. Einerseits wird sexuelle Freizügigkeit propagiert und eine wachsende allseitige Pornographisierung geduldet, zugleich sind Wörter, die Geschlechtsteile oder Sexuelles bezeichnen, unverändert »schmutzige« Wörter und mit Scham konnotiert.

Amanda und Manne etwa fechten einen Wettbewerb »schmutziger« Wörter aus, peinlich berührt und wagemutig frech, höchst amüsant und mit noch amüsanterem unverhofften Ende. Die Diskrepanz zwischen ihren als schön beschriebenen Gefühlen und dem »Schmutz« wird jedoch nicht angesprochen. Ähnlich bleibt es bei den Pornobildern auf Alvins Handy bei einer emotionalen Ablehnung Mannes, mit ein paar vagen Andeutungen, worum es bei Pornografie eigentlich geht. Auch die Frage des Schutzalters wird kaum deutlich, man ist beim Lesen geneigt, Amandas Hinweise, dass sie bald etwas Kriminelles tut, für einen Scherz zu halten. Das ist zu wenig für dieses Thema.

Ganz ungünstig schließlich ist es, dass Amanda die Folgen dahingehend allein zu tragen hat, dass die Angelegenheit ihr nicht nur schweren Kummer bereitet, sondern dass sie gemobbt wird und das einfach durch einen Schulwechsel aus der Welt geschafft wird. Also hat die Doppelmoral gesiegt? Dass die Geschichte wunderschön endet, ändert daran nichts.
Trotz dieser Einwände ist Melins Buch ein ganz wichtiges. Es richtet sich an Jungen, zentral geht es um Mannes Gefühle. Erfahrungsgemäß werden es wieder vor allem Mädchen lesen. Grundsätzlich aber liegt der Akzent bei dieser kleinen echten Romanze mit viel Sexuellem eindeutig auf »lesen«. Es ist ein privates Buch, ein intimes. Hier darf nichts zerredet werden. Auf Fragen allerdings sollte man sich einlassen. Die müssen aber von den jungen Leserinnen und Lesern kommen. Melins Buch ist ihr Buch.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Mårten Melin: Etwas mehr als kuscheln
(Lite mer än en kram, 2014) Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Leipzig: Klett Kinderbuch 2016
148 Seiten, 12,95 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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