Kopfüber ins Leben

Jugendbuch | Emmy Abrahamson: Mind the Gap!

Der Sicherheitshinweis an den Stationen der Londoner U-Bahn schwebt quasi als warnendes Motto über der jungen Schwedin Filippa Karlsson, die nach London gekommen ist, um an der London Drama School ihr Glück zu versuchen. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das sich schwieriger gestaltet, als Filippa es sich vorgestellt hat. Von ANDREA WANNER

mind_the_gap_wie_ich_london_packte_oder_london_michEine kleine Warnung vorweg: Wer sich aufs Lesen einlässt, sollte wissen, dass es sich bei Filippas Londonabenteuer um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Wer sich also mit Filippa auf den Weg macht, ist im Idealfall auch bereit, sie durch zwei weitere Bände auf ihrem Lebensweg zu begleiten und zu erfahren, wie sie nicht nur mit der Lücke zwischen dem Bahnsteig und der Türschwelle der Bahn klarkommt, sondern auch mit den übrigen Tücken des Lebens – die natürlich überall auf jeden jungen Menschen warten, durch einen so wenig solide geplanten Auslandsaufenthalt noch risikoreicher werden.

Welcome?

Filippa sitzt im Flugzeug nach London und erzählt dem Jungen neben ihr von ihren Plänen. Sie steckt voller Zuversicht und krönt das Ganze mit der Lüge, dass sie in Stansted von Freunden abgeholt wird. Aber diese Freunde gibt es nicht und der Start in der Metropole misslingt gründlich. Der Preis für einen Schlafplatz ist ruinös, die Suche nach einem Job gestaltet sich auch um einiges schwieriger als gedacht. Und die Menschen, auf die Filippa trifft, entpuppen sich nicht nur als hilfsbereit und freundlich.

Das Scheitern scheint vorprogrammiert. Bereits das Teekochen gerät zum Fiasko. »Andrew, Angela und Ruth nehmen Tee mit Zucker, alle anderen ohne. Zwei Stück für Ruth, eins für Angela, und Andrew, unser kleiner Süßer, will fünf. Darinder nimmt den Tee schwarz, aber nicht zu stark, lass den Beutel nicht zu lange drin. Fran, Jill und ich mögen den Tee mit nicht zu viel Milch, aber auch nicht zu wenig!! Angela und Ruth nehmen beide Zucker und viel Milch, aber wenn der Zucker alle ist, kannst du Ruth auch eine Tasse Pulverkaffee bringen und Angela und Andrew nichts…« Die Anweisungen von Sue, dem Drachen, und Filippas Chefin bei dem Job, den sie über die Bright-Angels-Personalvermittlung bekommen hat, gehen noch weiter und das sie die junge Frau vor ein Problem stellen, ist nachvollziehbar.

Keep smiling!

Filippa lässt sich nicht unterkriegen, übersteckt Attacken des Vermieters, Annäherungsversuche von lästigen Verehrern, findet Freunde – und bringt sich immer wieder durch ihre ausgedachten Geschichten, mit denen sie Situationen zu retten versucht, in wirklich peinliche Lagen.

Das erzählt die Schwedin Emmy Abrahamson amüsant und unterhaltsam. Eigentlich ist sie Schauspielerin und Regisseurin. Jetzt hat sie ihren zweiten Jugendroman geschrieben, der wie der erste – ›Widerspruch zwecklos oder wie man eine polnische Mutter überlebt‹, das im vergangenen Jahr erschien, und von Selbst erlebtem erzählt, der eigenen Kindheit mit einem schwedischen Vater und einer polnischen Mutter – autobiografische Züge enthält.

Man kann den Kopf schütteln über Filippa, ihr die Daumen drücken für ihre verrückten Pläne und hoffen, dass sie es schafft – zwei weitere Bände, die im Oktober 2014 und März 2015 erscheinen, werden es zeigen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Emmy Abrahamson: Mind the Gap! Wie ich London packte (oder London mich)
Only väg is upp. 2012 aus dem Schwedischen von Anu Stohner München: dtv – Reihe Hanser 2014
220 Seiten, 12,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wenn’s nicht mit rechten Dingen zugeht

Nächster Artikel

Hochzeiten und Todesfälle

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Warten

Jugendbuch | Hilde K. Kvalvaag. Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt Warten, dass etwas geschieht, warten, dass das Leben beginnt, warten auf die große Liebe, ist eine Haltung, die verlockend sein kann. Bewahrt sie eine doch davor, aktiv zu werden, gleich ob im Handeln oder Nachdenken. Hilde K. Kvalvaag stellt in ihrer zweiten auf Deutsch erschienenen Erzählung eine junge Wartende vor. Und redet auch von den Folgen der Passivität. Von MAGALI HEISSLER

Zuviel Familie

Jugendbuch | Michaela Beck: Ich, meine fürchterlich nette Familie und andere Katastrophen

Angesichts der ausufernden Verwandtschaft droht die 14jährige Martha en Überblick zu verlieren: drei Stiefväter, zwei Halbbrüder, jede Menge Großeltern und sonstige wohlmeinende Angehörige dominieren das Leben des Teenagers in Berlin. Schlimmer geht es nicht mehr. Oder doch? ANDREA WANNER staunt über die Patchworkfamilie.

Mit aller Konsequenz

Jugendbuch | Sabine Ludwig: Am Ende der Treppe, hinter der Tür Wer unglücklich ist, sieht oft nur noch sich. Das gilt besonders für Teenager. Gefühle empfinden sie in voller Stärke. Das trübt den Blick auf die eigentliche Lage der Dinge, das Handeln folgt überstürzt und undurchdacht. Es fehlt noch die Lebenserfahrung, die hilft, auf Distanz zu gehen und über die Folgen des Tuns nachzudenken. Die Folgen müssen nämlich auch Teenager tragen, davor gibt es keinen Schutz. Sabine Ludwig lässt in ihrem Jugendthriller Am Ende der Treppe, hinter der Tür ihre sechzehnjährige Heldin eine solche Situation mit aller Konsequenz durchleben. Von

#Offline

Jugendbuch | Sofia Lapuente und Jarrod Shusterman: RETRO

Soziale Medien sind eine Supermöglichkeit sich zu vernetzen, die vor allem junge Menschen schätzen. Social Media können aber auch großen Schaden anrichten, Menschen erniedrigen und sogar beinahe zerstören. Eine Erfahrung, mit der Luna klarkommen muss. Von ANDREA WANNER

Durchstarten

Jugendbuch | Hilde Myklebust: Auch am Tag leuchten die Sterne

Mia ist 16 und es sind die letzten Sommer, bevor wirklich Neues in ihrem Leben beginnt: Sie wird mit ihrer besten Freundin auf ein Musikgymnasium gehen. Aber diesen letzten Sommer verbringen sie – wie immer zu fünft: Mia, Else, Jens, Halvor und Are. Es wird sich vieles ändern. Von ANDREA WANNER