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Jugendbuch | Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall

Eine warme Decke, das Sofa und ein Buch voll Spannung, ordentlich Grusel und großen Gefühlen, etwas Schöneres kann man sich für die ersten kühl-grauen Herbsttage kaum wünschen. Lucy Strange liefert genau das. Leseglück pur, also, nicht nur für die Jüngeren. Von MAGALI HEIẞLER

Strange - der Gesang der Nachtigall - 9783551560414Hope House heißt das neue Haus, in das Familie Abbott einzieht, Vater, Mutter, zwei Töchter. Hoffnung ist es, das sie nach einem traurigen Unglück dringend brauchen, Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die läßt auf sich warten.

Die Stimmung in der Familie ist gedrückt, dunkle Schatten und Herzweh regieren. Henrietta, die ältere Tochter, fühlt das ganz besonders. Was sie aufrechterhält, sind die Geschichten in ihren Kinderbüchern und ihre Märchen. Der dunkle Wald hinter Hope House scheint auch ein Ort zu sein, in dem Märchen wahr werden.
Im Haus selbst ereignet sich Bedrückendes. Henriettas Mutter leidet an einer seltsamen Krankheit, der Vater muss auf Dienstreise. Der behandelnde Arzt kommt Henrietta alles andere als sympathisch vor, schließlich hält er sie gezielt von ihrer Mutter fern. Um etwas zu ändern, muss Henry eigene Wege gehen, gefährliche. In den Wald, zum Beispiel, in dem sie die Hexe gesehen hat.

Fantasie und Realität

Von Anfang an beweist Strange eine geschickte Hand darin, Einbildungskraft und Wirklichkeit zu mischen. Der Blickwinkel ist der einer Zwölfjährigen, die die Kindheit hinter sich lässt, die zugleich aber ihre Fantasiewelten braucht, um einen wirklich erlebten Schock zu überwinden. Verstärkt wird die gezielte Verwirrung der Leserinnen noch dadurch, dass die Geschichte vor fast hundert Jahren spielt, wenige Jahre nach dem 1. Weltkrieg. Man muss sozusagen gleich durch drei Welten spazieren.

Henry, die Erzählerin, ist lebendig und lebhaft genug gestaltet, um die Leserin umgehend mitzuziehen, ganz gleich, ob die Reise durch geheimnisvolle Türen, in die gemütliche Küche, den finsteren Wald oder die Welt der Kinderbücher der vorletzten Jahrhundertwende geht. Die Titel, die großzügig aufgeführt werden, werden eher Erwachsene als jugendliche Leserinnen ansprechen und das Publikum hierzulande wird sie am ehesten durch Verfilmungen kennen, Nesbits Eisenbahnkinder, Burnetts Geheimer Garten, Alcotts Familiengeschichten, z.B.
Sie werden aber nicht müßig aufgeführt, im Gegenteil haben sie mit der Handlung zu tun. Sie spiegeln Henriettas Sehnsucht nach einer glücklichen Familie, nach Zusammenhalt, Vertrauen und Mut in schwierigen Situationen. Die Märchen bis hin zu Alice im Wunderland stehen für das Düstere, Unerwartete und Zerstörerische, aber auch für das »Wunder«, die Möglichkeit, dass sich etwas zum Guten ändert. Kein Wortgeklingel hier und auch kein Antiquariat.

Der frische Wind logischer Erklärungen von zunächst übersinnlichen Erscheinungen weht durch die ganze Geschichte, ohne allerdings die Schleier zur Unzeit zu lüften, die Strange darübergelegt hat. Auch wenn das letzte bisschen Leserinnenverstand schon ängstlich piepst: »Das kann nicht sein, das kann es nicht geben«, ist die Verlockung, sich dem Märchenhaften hinzugeben, noch groß. Henry ist das Kind in uns allen.

Die Erbin von Wilkie Collins

Strange hat tatsächlich eine waschechte Gothic Novel allerdings des späteren 19. Jahrhunderts vorgelegt, in der die Vernunft den Sieg davon trägt. Deutlich standen hier Wilkie Colins und am Ende schließlich Conan Doyle Pate, wunderbar. Das gilt auch darin, dass es nicht sentimental zugeht. Die großen Gefühle sind präsent, aber verhalten. Henry ist gleichermaßen unglückliche Tochter wie das tapfere reine Kind des Märchens, das durch innere Stärke das Böse überwinden hilft. Ihre Handlungsweise jedoch ist strikt im Alltag verankert. Henry ist ein Kind, das sich durch inneren und äußeren Druck bedingt über seine Grenzen hinauswagt. Sie ist eine wunderbare Schwester, eine überzeugend Trauernde, vor allem aber eine Tochter, die im rechten Moment die Stärke einsetzt, die den Erwachsenen gerade fehlt. Dass ihre Stärke darin liegt, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen, macht Stranges Geschichte zu etwas Besonderem, Lesefutter hin oder her.

Vorgelegt wird das alles in einem handlichen kompakten Buch, ein wenig kleiner und leichter als bisher üblich, daher gut für kleine Hände, perfekt ausgestattet, sogar mit Lesebändchen und einem attraktiven Einband. Die deutsche Übersetzung holpert zunächst ein bisschen, was jedoch auch daran liegen kann, dass die Autorin eine Zeit lang braucht, bis sie sich warmgeschrieben hat. Das Lesevergnügen stört es letztlich wenig.

Das Familienunglück des toten Sohns mit den Gefallenen des 1. Weltkriegs zu verknüpfen, ist ein wenig sehr überhöht, ebenso wie der Versuch, den märchenhaft-poetischen Kontext mit Keats’ Ode an die Nachtigall zu überglänzen. Es tut immerhin weder der Spannung noch der vergleichsweise differenzierten Personenzeichnung Abbruch und kann, so ungeschickt es ist, vom jüngeren Publikum als Horizonterweiterung genutzt werden.
Das Ende kommt mit einem wild-fantastischen Showdown, die bösen Nervenärzte wünscht hat man sich heutzutage etwas weniger dämonisch und Henrys Belohnung etwas weniger materialistisch. Andererseits handelt es sich eben um eine waschechte Gothic Novel. Da muss das so sein.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall
(2016 The Secret of Nightingale Wood, übers. von Nadine Püschel)
328 S. 18,99 Euro
Hamburg: Königskinder 2017
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