Kinder, Küche, Mord

Roman | Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Gleich der zweite Roman der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani wurde mit dem begehrten Prix Goncourt ausgezeichnet. Doch ›Dann schlaf auch Du‹ ist kein süßes Wiegenlied, sondern eine herbe Sozialstudie. Schonungslos seziert sie die brüchigen Mechanismen zwischen Ausbeutung und Abhängigkeit, zwischen Engagement und Ernüchterung. Von INGEBORG JAISER

Slimani_L - Dann_schlaf_auch_duDas Unheil bricht mit aller Wucht herein, schon mit dem ersten Satz: »Das Baby ist tot.« Es folgt eine Schilderung des Tatorts, sachlich, spröde, emotionslos – und doch vom Grauen getränkt. Leblose Körper, ein wirres Chaos, Zeichen von Kampf und Widerstand. Zwei Seiten später, wird man der totalen Hoffnungslosigkeit gewahr, mit einer der wenigen zukunftsweisenden Aussagen in diesem Buch: »Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.« – Was ist passiert in dieser kleinen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement?

Zugleich unsichtbar und unverzichtbar

Ist die Vorgeschichte nicht ganz alltäglich? Ein ehrgeiziges junges Paar – der Musikproduzent Paul (»ein Pragmatiker, der seine Familie und seine Karriere über alles stellt«) und die Juristin Myriam – sucht eine Nanny für seine beiden Vorschulkinder Adam und Mila. Trotz angestrengter Political Correctness macht Paul seine Auswahlkriterien klar: »Nicht zu alt, unverschleiert und Nichtraucherin. Das Wichtigste ist, dass sie flexibel ist und nicht zu dröge. Dass sie schuftet, damit wir schuften können.«

Die blasse, schmale Louise mit den Bubikragen-Kleidchen und den zart lackierten Fingernägeln zeichnet sich durch spontane Qualifikation aus. Für die Kinder gibt sie sich »mitreißend, fröhlich, schelmisch«, ihren Arbeitgebern gegenüber perfektioniert sie die Kunst, »zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein.« Deren anfängliche Skepsis verwandelt sich schnell in unverhohlenen Stolz, »dass sie zur Babysitterin gratis noch eine Putzfrau dazu bekommen hatten.«

Louise schmeißt wie nebenbei den Haushalt, die Wäsche, die Besorgungen. Fast unbemerkt erweitert so die »Nounou« ihre Aufgabengebiete, schmuggelt sich in die neue Familie hinein. Doch ihre Rolle oszilliert zwischen scheinbar selbstloser Aufopferung und verzweifelten Beweggründen. Auch Louise hat ein Privatleben, in dem ein verstorbener Ehemann, eine missratene Tochter, Berge von Schulden und ungeöffneten Mahnbriefen vorkommen. Zu lange verschließen ihre Arbeitgeber geflissentlich die Augen, bis die Tragödie hereinbricht.

Abgründige Doppelmoral

›Dann schlaf auch Du‹ thematisiert auf unheilvolle Weise das Dilemma in dem sich viele von uns befinden: Was treibt uns dazu, unsere Liebsten – kleine, wehrlose Kinder und betagte, kranke Eltern – in die Hände von Fremden zu geben, von denen wir kaum etwas wissen? Was gibt uns die Sicherheit, dass andere Menschen gegen Bezahlung zu der Fürsorge und der Empathie fähig sind, die uns selbst nicht immer möglich ist? Welche Abgründe lauern im menschlichen Miteinander?

Leïla Slimani seziert schonungslos die Bigotterie einer Wohlstandsgesellschaft zwischen angestrengt aufstrebendem Bürgertum und bezahlten Helfern im Hintergrund, die den Erfolg erst möglich machen. Nicht umsonst wird Louise von ihren Dienstherren charakterisiert als »die Wölfin mit der Zitze, aus der alle trinken, die verlässliche Quelle ihres Familienglücks.«

Kühler Blick aufs Geschehen

Fast der gesamte Roman bewegt sich in der Gegenwartsform, mit einer klaren und direkten Unmittelbarkeit, unabhängig von Ort, Zeit und Blickwinkel. Ein schonungsloser, allwissender Erzähler berichtet von den Ereignissen und der Leser folgt ihm gebannt, mit entsetztem Erstaunen. Man hat geradezu das Gefühl über dem Geschehen zu schweben oder von schräg oben auf das Unerhörte, Geheime und doch Alltägliche zu blicken, wie auf ein Gemälde von Edward Hopper.

›Dann schlaf auch Du‹ ist gleichermaßen Sozialstudie wie auch Thriller und streift doch das Unerklärliche nur mit feinen Andeutungen. So sehr man sich als Leser auch bemüht, die Rückblenden und wechselnden Perspektiven wie Puzzleteilchen zusammenzusetzen, sie ergeben nie ein komplettes Bild.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Leïla Slimani: Dann schlaf auch du
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
München: Luchterhand 2017
222 Seiten. 20.- Euro
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