Schöner Schein

Jugendbuch | Chelsey Philpot: Ein anderes Paradies

Wie sieht das Paradies aus? Die 17jährige Charlotte findet bei den Buchanans so etwas Ähnliches. Es fühlt sich an wie das Paradies. Oder doch nicht ganz? Von ANDREA WANNER

Alles andere als paradiesisch ist die erste richtige Begegnung zwischen Charlie, wie Julia sie nennt, und Julia Buchanan im Internat St. Annes – einer durchaus exquisiten Einrichtung, in der mittellose Normalbürger wie Charlie nur geduldet werden, wenn sie sich mit hervorragenden Leistungen und – in Charlies Fall – künstlerischen Ambitionen für ein Stipendium qualifizieren.

Philpot - Ein anderes ParadiesGanz anders wie im Fall von Julia, wo die politische Karriere des Vaters der ganzen Familie alle Türen in den USA öffnet. Aber das erste Aufeinandertreffen findet statt, weil Julia mitten in der Nacht genau unter Charlies Fenster den Alkohol, den sie vorher in zu großen Mengen getrunken hat, wieder von sich gibt. Während ihre anderen Freundinnen sie im Stich lassen, rettet Charlie Julia – und das ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Ungewöhnlich aus mehreren Gründen. Julias lesbische Neigungen haben sie bisher zu anderen Mädchen geführt, Charlie ist tatsächlich »nur« eine Freundin. Das honoriert auch die Familie, die sich für Charlies Einsatz durch eine Einladung nach Arcadia bedankt. Die Freundschaft zu Julia wird zu einer Freundschaft mit der ganzen Familie. Charlie wir auf eine Art und Weise willkommen geheißen, wie es herzlicher nicht sein könnte. Eine Distanz, die es normalerweise zu einer fremden Jugendlichen gibt, existiert nicht. Teure Geschenke und das Angebot, bei der Vermittlung eines Wunschstudienplatzes Beziehungen spielen zu lassen, haben aber auch ihren Preis. Und schließlich gibt es da noch Sebastian, einen von Julias beiden Brüdern, in den sich Charlie verliebt.

Die Lage ist kompliziert und was sie noch verworrener macht, ist der Jahre zurückliegende Tod von Julias Schwester, die bei einem Autounfall ums Leben kam. Trauer und Schwermut legen sich wie ein Schleier über das Leben der vermögenden Familie, deren Reichtum mit lässiger Nonchalance und sorgloser Nachlässigkeit zu einem Lebensstil führt, über den Charlie nur staunen kann. Mondäne Partys, lässige Kleidung, klapprige Oldtimer, großzügige Gesten, das Ignorieren aller Regeln, an die Charlie gewohnt ist, sich zu halten. Fasziniert erliegt sie dem Charme der »großen Buchanas«, wie sie sich selbst ohne Bescheidenheit nennen.

Da spielt die amerikanische Autorin Chelsey Philpot mit dem Klassiker von F. Scott Fitzgerald, ›Der große Gatsby‹. Er ist Pfichtlektüre, die Charlie im Sommer lesen muss und die anschließend im Englischunterricht besprochen wird – ohne dass im Buch näher auf den Inhalt eingegangen wird. Den zu kennen, liefert allerdings den Schlüssel zum Verständnis von ›Ein anderes Paradies‹. Denn wer nicht weiß, dass Daisy, die Liebe seines Lebens, den Nachnamen Buchanan trägt, wer keine Ahnung hat von den ausschweifenden Partys im Roman, zu denen sich Fitzgerald in den Roaring Twenties inspirieren ließ, wer von dem Autounfall und dessen Folgen nichts gehört oder gelesen hat, für den wird Philpots Jugendbuch eine an manchen Stellen unausgegorene Story bleiben, die man nicht ohne Interesse und Gefühl der Spannung liest, aber ohne jene Faszination, die man für den Roman auch entwickeln kann.

»Gatsby setzt alles daran, seinen Traum zu leben. Er wünscht sich so sehr, ein Teil von Daisys Welt zu werden, dass er alles dafür tun würde. Er glaubt auch noch an sie, als sie es längst nicht mehr verdient hat.« Formuliert Charly im Englischunterricht und fügt hinzu »Seine Hoffnung ist etwas Schönes.« Und ihre eigene Hoffnung? »Contra Mundum« – »Zusammen gegen den Rest der Welt« ist das Motto, das sie für ihre Freundschaft mit Julia formuliert. Und sie ist damit genauso zum Scheitern verurteilt wie der große Gatsby.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Chelsey Philpot: Ein anderes Paradies
(Even in Paradise, 2014) Aus dem Englischen von Birgit Schmitz
Hamburg: Carlsen 2015
398 Seiten, 19,99 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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