Ganz schön verwickelt

Jugendbuch | Robin Benway: Wir drei verzweigt

Was eine Familie ist, weiß jede. Vater, Mutter, Kind. Heutzutage auch Vater, Vater, Kind oder zwei Mütter und Kind. Aber hängt es nur von Erwachsenen ab? Was ist, wenn Kinder verschwistert sind, jedoch in unterschiedlichen Familien aufgewachsen? Wer bildet dann mit wem was? Welche Gruppierung zählt? Und wer entscheidet das? Ganz schön verwickelt, diese Familiensache. Von MAGALI HEIẞLER

Wir drei verzweigtGrace besucht die letzte Klasse der örtlichen Highschool. Ihre Gedanken wandern bereits zum Abschlussball, den sie am Arm ihres langjährigen Freunds Max besuchen wird. Auch alles Übrige in ihrem Leben läuft im Geleise. Bis sich herausstellt, dass sie schwanger ist. Mit einem Mal steht Grace vor einer schwierigen Entscheidung. Ihr Leben wird nicht einfacher, als ihre Eltern ihr eröffnen, dass sie, ein Adoptivkind, Geschwister hat und ihr die Mailadresse ihrer leiblichen Schwester in die Hand drücken.

Maya und Lauren haben sich von klein auf bestens verstanden. Vor allem haben sie immer zusammengehalten. In letzter Zeit hat sich das geändert, Lauren ringt mit der Pubertät. Doch wenn die Eltern streiten, was sie oft tun, ist das Verhältnis der Schwestern so gut wie früher. Eine leibliche Schwester hätte Maya nun wirklich nicht gebraucht. Und einen Bruder soll es auch noch geben!

Geschickt verstrickt

Benway erzählt von drei verschiedenen Teenagerleben. Auch wenn Graces und Mayas Familien sich ähneln, sind doch die innerfamiliären Schwierigkeiten anders geartet. In Graces Familie ist sie diejenige, die durch ihre Schwangerschaft das Gefüge durcheinanderbringt, bei Maya bedrohen die Probleme der Eltern die Existenz der Familie. Joaquin, der älteste der drei, bildet den Kontrast. Ihn hat die Autorin mit einer sehr schwierigen Kindheit ausgestattet, mit wechselnden Pflegeeltern und bösen Erfahrungen. Gemeinsam haben die drei Hauptfiguren die Mutter, nicht aber ihre Kinderjahre, ihre Einstellungen zum Leben und auch nicht die Art und Weise, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Man käme gar nicht auf den Gedanken, dass sie verwandt sind, würde Benway das nicht behaupten.
Das ist einer der ausgezeichneten Kunstgriffe, die die Autorin anwendet, um ihre Fragen zu diskutieren.

Ihr Thema ist Adoption und wie sich das auf die Beteiligten auswirkt. Vor Klischees braucht man sich nicht zu fürchten. Dem ersten augenfälligen geht Benway dadurch aus dem Weg, dass allen Dreien schon von Kind auf klar war, dass sie Adoptivkinder sind. Die Ehrlichkeit machte das Leben aber nichtleicht. Maya z. B. musste sich schon als Kind mit gedankenlosen Bemerkungen auseinandersetzen, die ihren Stand als vollgültigen Bestandteil ihrer Familie infrage stellten. Die Fehlschläge in Joaquins Leben sind das düstere Gegenbild. Auf die Frage, was eigentlich Familie ist, wie sie zusammenkommt und zusammengehört, kommt Benway wieder und wieder zurück. Eindeutige Antworten gibt sie nicht, ihre Meinung dazu ist die Leitlinie, wird aber nicht zum Dogma.

Ihr Gestrick ist kompliziert, trotzdem verliert man das Muster nicht aus den Augen. Man ist durchgängig gebannt vor allem vom Zusammenspiel der drei Hauptpersonen, die sich als Geschwister entdecken müssen. Grace ist als Einzelkind aufgewachsen, Joaquin hat unterschiedliche Konstellationen durchgemacht. Maya hat Lauren. Schwester, Halbschwester? Wie hängt man zusammen und wer bestimmt eigentlich darüber? Die Diskussionen sind genauso aufregend wie der Handlungsablauf.

Kaleidoskop der Beziehungen

Ebenso in den Fokus genommen werden die Adoptiveltern. Zwei Mütter, zwei Väter, vier unterschiedliche Erwachsene, zwei verschiedenartige Paarbeziehungen. Dazu gesellt sich das Paar, bei dem Joaquin derzeit lebt, Pflegeeltern und nicht zu vergessen: Grace und ihr Baby. Damit erweitert sich das inzwischen recht bunte Kaleidoskop der Beziehungen um weitere Splitter. Familie ist alles andere als eine klare Sache.

Benway spart auch nicht an Kritik am Pflegeelternsystem und den traurigen Folgen für die betroffenen Kinder. Aus Joaquin ist dabei Misstrauen auf zwei Beinen geworden, wenn ihm Erwachsene zu nahe kommen. Die Leserin fiebert mit bis zum Ende, ob er es doch noch einmal wagt, Vertrauen zu fassen.

Unsere drei machen sich, erwartungsgemäß, auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Es ist die Neugier, die sie treibt. Sie wollen die Zusammenhänge verstehen, dahinterkommen, warum ihre Mutter sich entschieden hat, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Niemand von ihnen träumt vom paradiesischen Familienglück allein wegen genetischer Zusammengehörigkeit. Die beiden Mädchen wissen, wohin sie gehören; Joaquin ist keiner, der an den Schatz am Ende des Regenbogens glaubt. Ein frischer Wind bläst durch die Geschichte und hält den Kopf frei für den nicht geringen Anspruch, den das Buch denkerisch an die Leserin hat.

Da der Roman aus den USA stammt, versinkt ein Gutteil des letzten Drittels bei allem Realismus dann doch in einem Tränenmeer. Der Qualität des Buchs schadet das kaum, weil die Handlung derartig gut konstruiert ist und Grace, Joaquin und Maya so lebendig gezeichnet sind, dass man selbst seitenweise Heulorgien für normal hält. Die Zielgruppe wird es dafür sowieso doppelt lieben. Die eigentliche Lösung ist sehr emotional, aber überzeugend, vor allem, weil einiges daran nicht ganz stromlinienförmig ist. Überrascht wird man häufig in dieser Geschichte. Das ist kein Unterhaltungsroman aus der Konserve.

Das Layout spielt ansprechend mit den Verzweigungen des deutschen Titels und trägt zu dem schönen Gesamteindruck bei.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Robin Benway: Wir drei verzweigt
(Far from The Tree, 2017)
Übersetzt von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Bamberg: Magellan 2018
367 Seiten. 18 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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