»Es fühlt sich nach Zukunft an hier«

Jugendbuch | Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich

Madina, ein junges Flüchtlingsmädchen, erzählt ihre Geschichte, die die Geschichte vieler Flüchtlinge ist. Gerade aber auch die Geschichte junger Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und einen Neuanfang wagen müssen. Von ANDREA WANNER

Julya Rabinowich - Dazwischen ichMadina schreibt Tagebuch. Was in der poetischen Sprache zum Ausdruck kommt, ist, wie man Heimat findet und dabei anderes verliert, gerade als junger Mensch, plötzlich zwischen dem Alten und Neuen stehend, zwischen der Tradition und den Spielregeln des Heimatlandes und dem Ankommen im Neuen. Das wird zum Spagat im Alltag, der das schwierig macht, was wir unter Integration verstehen. Es sind die kleinen Dinge des Alltags, scheinbar so banal und dabei so grundlegend.

Madina zum Beispiel mag den Turnunterricht nicht, hasst ihn sogar. Dabei ist sie ein sportliches Mädchen, das sehr schnell laufen kann. Und Purzelbäume schlagen. Aber wer wie sie keine Sportschuhe hat, weil es in der Schulwühlkiste keine gibt, und wer einen Trainingsanzug trägt, bei dem die Hose zu groß ist und auch mal bis unter die Kniekehlen rutscht, und auch sonst »ausgeleiertes, peinliches Zeug« in der Sportstunde trägt, dem wird sie zum Spießrutenlauf.

Julya Rabinowich, eine 1970 in Leningrad geborene österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Malerin und Simultandolmetscherin, erzählt keine autobiografische Geschichte. Sie selbst ist 1977, also im Alter von 7 Jahren aus der Sowjetunion nach Wien gekommen. Aber auch daran erinnert sie sich in einem Interview in der Wiener Zeitung 2009 an ihren allerersten Tag in der neuen Heimat: »Ich hatte geglaubt, wir fahren auf Urlaub nach Litauen, plötzlich stiegen wir in Wien aus. Mir war den ganzen Flug über schlecht gewesen. Das kann man auch symbolisch sehen: Ich war sehr froh, wieder Boden unter den Füßen zu haben. Ich ging mit meiner Mutter aufs Klo, weigerte mich aber, es zu benutzen, weil es mit Marmor getäfelt war und ich den Eindruck hatte, in einem Palast zu sein. Goldene Hähne, Spiegel, tolle Beleuchtung.« Rabinowich arbeitet seit 2006 im Rahmen von Psychotheraphiebehandlungen als Dolmetscherin für das Integrationshaus Wien und den Diakonie-Flüchtlingsdienst mit Flüchtlingen und kennt die Probleme, von denen sie Madina in ihren Tagebucheinträgen berichten lässt.

Die Frage, aus welchem Land Madina stammt, wird dabei im allerersten Absatz beantwortet. »Wo ich herkomme? Das ist egal. Es könnte überall sein. Es gibt viele Menschen, die in vielen Ländern das erleben, was ich erlebt habe.« Es sind fürchterliche Dinge. Krieg, Tod, Angst. Eigentlich untragbar für ein Kind. Aber danach fragt keiner. Auch nicht, als es sich eigentlich aufdrängt. Im Unterricht wird der Zweite Weltkrieg behandelt, die Lehrerin erzählt von Entsetzlichem. Und Madina meldet sich und sagt: »Ich habe auch erlebt, wie man Menschen tötet. Bei uns zu Hause.« Da müsste man anknüpfen, eine Brücke schlagen von den Kriegen unserer Vergangenheit in das Morden und Töten, vor dem diese Menschen fliehen. Aber die Lehrerin entzieht sich dieser, zugegeben schwierigen Aufgabe: »Das gehört jetzt nicht zum Lernstoff.«

Für Madina wäre es wichtig. Zögernd erobert sie ihre neue Heimat, freundet sich mit Laura an und beneidet diese um ihr Daheim. Aber auch da ist die Welt nicht so heil, wie Madina das zunächst wahrnimmt.

Sie sieht die Probleme ihrer Eltern, die größer werden statt kleiner. Sie fängt an sich zu kümmern, wo die Erwachsenen versagen, erkennt, welchen Weg man gehen muss. Sie durchschaut Spielregeln, lernt die neue Sprache. „Aus den ersten Worten wurden viele. Aus den ersten Behördengängen wurden ständige. Aus der Freude über das Neue wurde Angst vor der Zukunft, bei Papa und Mama. Bei mir eigentlich nicht. Es fühlt sich nach Zukunft an hier. In dieser Sprache. In diesem Haus. An diesem Ort. Ich weiß, ich habe eine Zukunft hier.“ Was Madina zielstrebig ansteuert, ist ihren Eltern verdächtig, wird von ihnen gar abgelehnt.

Das wird kein leichter Weg, vor allem, weil es Widerstände von allen Seiten gibt. Aber auch da hat die Heldin Madina viel mit der Autorin Julya Rabinowich gemeinsam: »Für mich war es von Anfang an klar, dass ich die Sprache mindestens so gut beherrschen wollte wie meine Widersacher. Gewalt braucht nicht viele Worte, kunstvolle Erniedrigung sehr wohl.« lesen wir in ihrem Interview. Es braucht Mut. Symbolische Handlungen wie das Abschneiden der langen Haare begleiten diesen Prozess. Und es ist nur konsequent, dass andere ihre Zelte hier wieder abbrechen und zurück in die Heimat reisen. Egal, was sie dort erwartet. Für Madina liegt die Zukunft hier. Sie vertraut, dass es sie gibt. Wir wünschen es ihr, Seite um Seite in diesem bewegenden Jugendbuch.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich
München: Hanser 2016
256 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

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